E-Mobilität: Kaum Ladestationen in Häusern mit mehreren Parteien

Studie von ADAC und INNOFACT

Kenner sind sich einig: Elektroautos muss man über das hausinterne Kabel laden können, nicht nur über Ladestationen unterwegs. Aber was ist, wenn man in großen Wohnhäusern mit Mietern oder mehreren Eigentumswohnungen wohnt? INNOFACT hat im Auftrag des ADAC eine Umfrage durchgeführt.

Ladesäule an Mehrparteienhaus (Bild: Eisenhans - AdobeStock)
Ladesäule an Mehrparteienhaus (Bild: Eisenhans - AdobeStock)

Insgesamt kümmern sich die von INNOFACT befragten Wohnungs-Unternehmen um 4815 Objekte mit mehr als zehn Stellplätzen. Damit ergibt sich ein umfassender Überblick zu Lademöglichkeiten in Wohnanlagen in deutschen Ballungsräumen. Das Ergebnis der Umfrage ist für Elektroauto-Interessenten in den Städten ernüchternd. Vier von fünf der befragten Unternehmen haben in keinem einzigen Gebäude eine Lademöglichkeit für Elektroautos. Nur einzelne Objekte verfügen über Stromanschlüsse. In der Endabrechnung gibt es deshalb nur in vier Prozent der Tiefgaragen Lademöglichkeiten. Eine Hälfte sind normale Steckdosen, die andere Wallboxen. Nur letztere sind aus Sicht von Technik-Experten für Elektromobile empfehlenswert.

Ladestationen: Geringe Nachfrage, hohe Kosten

Für die niedrige Ausstattung gibt es viele Gründe. Die befragten Verwalter berichten von geringer Nachfrage durch Mieter und Eigentümer. Außerdem befürchten sie hohe Kosten für die Installation und damit eine geringe Wirtschaftlichkeit. Auch die Sorge vor technischen Problemen und grundsätzliche Zweifel an der Zukunft der Elektromobilität wurden geäußert. Hinzu kommt die unsichere Gesetzeslage.

Der Blick in die Zukunft sieht kaum besser aus. Nur ein Viertel der befragten Unternehmen geht in den nächsten drei Jahren von einem Ausbau der Lade-Infrastruktur in ihren Anlagen aus. Konkreter wird es bei 13 Prozent der Befragten: Sie planen, schon im kommenden Jahr aktiv zu werden. Eine Ursache für die Zurückhaltung könnte die bauliche Situation in den Objekten sein. Denn in neun von zehn Tiefgaragen gibt es nicht einmal Leerrohre, durch die man Stromkabel problemlos verlegen könnte. Die Folge: Noch höhere Kosten.

Viel Arbeit  für die Stromversorger

Doch nicht nur die technischen Rahmenbedingungen fehlen. Auch bei den Stromversorgern hat man sich noch nicht darauf eingestellt, dass plötzlich Menschen anrufen, die sich noch nie Gedanken über Stromstärke, Lastmanagement und Reserveleistung gemacht haben – aber davon träumen, ihren Elektroflitzer schnell vollzuladen. Die Folge: Interessenten und Anbieter reden aneinander vorbei, Kunden oder Verwalter sind irritiert vom Expertenkauderwelsch und den enormen Kosten.

Problem erkannt

Man habe das Problem aber erkannt, sagt Sönke Schuster, Pressesprecher der Stadtwerke in Kiel. Mitarbeiter würden für die neuen Kundenbedürfnisse geschult, passende Angebote für die Stromkunden seien in der Entwicklung. Aber um Elektroautos laden zu können, müssten manche Anschlüsse verstärkt werden – und diese Kosten habe der Kunde zu tragen. "Deshalb brauchen wir eine unkomplizierte Förderung." Doch die gibt es noch nicht.

Immerhin: Die Stromversorger in einigen Großstädten investieren bereits in die neuen Anforderungen der Elektromobilität. So hat die Stromnetz Hamburg GmbH damit begonnen, sich auf die Elektromobilität vorzubereiten: Bis 2030 rechnen die Verantwortlichen mit 100.000 Elektroautos im Stadtgebiet – und einer zusätzlichen Stromnachfrage von 500 Gigawatt im Jahr. Bastian Pfarrherr, Innovationsmanager des Unternehmens, sagt im ADAC Interview: "Wenn wir nichts tun, dann hält unser Stromnetz diese Veränderung nicht aus." Deshalb rüstet sein Unternehmen in den kommenden Jahren gut 1000 der insgesamt 6000 Transformatoren im Stadtgebiet um. Mit ihnen wird Mittelspannungs-Strom in Niedrigspannung umgewandelt und dann an die Endverbraucher weitergeleitet.

Einen Schritt weiter sind die Stadtwerke München (SWM). Sie haben ein Elektromobilitäts-Angebot für Mehrfamilienhäuser entwickelt, bei dem die SWM den Hausanschluss auf die neuen Anforderungen vorbereitet und Stromleitungen in der jeweiligen Tiefgarage verlegt. Die Kosten für die Elektroinstallation übernehmen die Stadtwerke, für den einzelnen Ladepunkt werden derzeit 1499 Euro aufgerufen.

Die Kunden können dann eine Strom-Flatrate abschließen, abhängig von der Batteriekapazität: Die Preise reichen von 24 Euro im Monat für einen Plug-in-Hybrid wie den Toyota Prius bis zu 54 Euro für einen Opel Ampera-e oder einen Tesla Model  S/3. Obendrauf kommen 45 Euro im Monat als Nutzungspauschale. Ob sich das lohnt, hängt natürlich von der individuellen Fahrleistung ab. 

Zur Studie: Die Umfrage wurde in Berlin, Hamburg, München, Köln, Frankfurt/Main, Stuttgart, Düsseldorf, Leipzig, Bremen, Dresden und Hannover durchgeführt. In diesen 11 Städten befragten die Mitarbeiter des vom ADAC beauftragten Instituts Innofact AG insgesamt 1.410 Firmen. Die Adressen stammten aus der Datenbank des auf den Bau- und Immobiliensektor spezialisierten Adressunternehmens Itlisberger GmbH (DDV zertifiziert). Angesprochen wurden 1410 Wohnungsbauunternehmen, Wohnungsbaugenossenschaften sowie Hausverwaltungen mit mehr als 3 Mitarbeitern.  Davon besaßen oder verwalteten 310 Unternehmen mindestens ein Objekt mit mehr als zehn Stellplätzen. Zusammen kamen sie auf 4.815 Objekte mit über 10 Stellplätzen. Von diesen Unternehmen wollte der ADAC wissen, wie viele ihrer größeren Objekte wenigstens eine Lademöglichkeit haben.

Dies traf für 55 Unternehmen zu. Sie gaben dann eine Beschreibung der Installation von zumindest einem ihrer Objekte. Die restlichen 255 Unternehmen hatten in ihren Immobilien mit mehr als 10 Stellplätzen keinerlei Stromversorgung. Sie wurden nach den Gründen und nach deren Planung für eine mögliche zukünftige E-Ladeinfrastruktur befragt. Der Fragebogen konnte schriftlich, telefonisch oder online beantwortet werden. Die Erhebung fand im Februar und März 2019 statt.

Veröffentlicht am: 22.07.2019

 

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