"Es fehlt die Studie zum Massenphänomen Home-Office"

Claudia Dubrau, agof

Warum die Markt- und Sozialforschung jetzt neue Massenphänomene untersuchen sollte, erläutert Claudia Dubrau, Geschäftsführerin der agof, in ihrer neuesten Kolumne. Hat sich die Haltung gegenüber flexibleren Arbeitsmodellen grundsätzlich verändert? Und nicht weniger interessant: Welche Tools werden genutzt, welche Software hat sich bewährt und was sollte unbedingt besser und was ganz anders laufen?

Claudia Dubrau, agof
Claudia Dubrau, agof

Auch wenn ich heute lieber über etwas anderes gesprochen hätte – an Corona und den Folgen kommt derzeit nun einmal niemand vorbei. Trotz all der schmerzlichen Einschnitte und wirtschaftlichen Verwerfungen möchte ich den Blick dennoch nach vorne richten. Genauer gesagt darauf, wie die Markt- und Sozialforschung dazu beitragen könnte, nachhaltige Lehren aus dieser Krise zu ziehen. Klar, aktuelle Umfragen gibt es beinah täglich. Ob zu Lockerungen, Maskenpflicht oder der Akzeptanz politischer Entscheidungen. Danach, wie sich die Menschen die Zeit nach Corona vorstellen und was sich vielleicht ganz grundsätzlich ändern sollte, fragen die Meinungsforscher deutlich seltener. Und damit wird eine immense Chance vertan.

Abgesehen davon, dass das globale Ausmaß dieser Pandemie nur mit der "spanischen Grippe" vergleichbar ist, wird die Corona-Krise auch deshalb in die Geschichte eingehen, weil diese Virus-Welle auf eine digitalisierte Welt trifft. Es sind also erstmals Massenphänomene zu beobachten, die es so noch nie gab. Ein Beispiel: Home Office.

Nun wird der eine oder andere einwenden, dass es das ja auch schon vor Corona gab. Doch aus ganz persönlicher Erfahrung kann ich sagen: Es macht einen riesigen Unterschied, ob diese Form des flexiblen Arbeitens freiwillig und tageweise praktiziert wird. In den letzten Wochen (und vermutlich auch noch länger) müssen ganze Belegschaften und Behörden zeitgleich zuhause arbeiten. In gewisser Weise befinden wir uns also alle in einem gigantischen Feldversuch. Und damit ergeben sich für Forscher ungeahnte Möglichkeiten, wesentliche Erkenntnisse für die Zukunft zu gewinnen. Denn auf eine breitere Datenbasis zur Erforschung des digitalen Lebens- und Arbeitsalltags werden wir (hoffentlich!) so bald nicht mehr zugreifen können.

Die Debatte nicht auf technische Mängel verengen

Was lässt sich alles lernen? Mir persönlich wird die Debatte aktuell zu sehr auf die technischen Mängel verengt. Dass die digitale Infrastruktur in Deutschland dringend ausgebaut werden muss, wussten wir auch vor Corona. Ich fände es sehr viel spannender zu erfahren, wie Menschen, die bislang ausschließlich Arbeit im Büro kannten, mit den neuen Gegebenheiten umgehen und zurechtkommen. Gleiches gilt für Branchen und große Teile der öffentlichen Verwaltung, in denen moderne Formen der Heimarbeit bis dato nie praktiziert wurden. Und was ist mit all den Vorgesetzten, für die Home Office bis vor wenigen Wochen ein Synonym für "bezahlte Freizeit" war? Hat sich deren Haltung gegenüber flexibleren Arbeitsmodellen grundsätzlich verändert? Nicht weniger interessant: Wie funktioniert die betriebliche Kommunikation und Abstimmung? Welche Tools werden genutzt, welche Software hat sich bewährt und was sollte unbedingt besser und was ganz anders laufen?

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich plädiere keineswegs dafür, dass alle Unternehmen und Behörden, die ihre Mitarbeiter in Gänze oder großen Teilen ins Home Office schickten, kollektiv ihre Büroräume kündigen, um die Miete einzusparen. Ich denke aber sehr wohl, dass die Erfahrungen, die Arbeitnehmer und Arbeitgeber jetzt machen, neutral und wissenschaftlich aufgearbeitet werden sollten, um die Arbeitswelt von morgen bestmöglich zu gestalten. Die Aspekte, die jetzt breit untersucht werden könnten, sind vielfältig. Denn viele Menschen arbeiten ja nicht nur erstmals in den eigenen vier Wänden, sie müssen sich vielfach auch mit digitalen Arbeitsinstrumenten auseinandersetzen, die sie nie zuvor genutzt haben. Bestes Beispiel: Die Video-Konferenz.

Neue Gruppen, neue Erfahrungen, neue Erkenntnisse

Sicher, auch vor Corona gab es bereits Studien zum Thema "Home Office". Doch die kaprizierten sich häufig auf Selbstständige und/oder selektive Branchen, die ihren Mitarbeitern schon länger flexibleres Arbeiten zutrauten (und auch abverlangten). Jetzt sind plötzlich ganz neue Gruppen betroffen, auch solche, die vor der Krise nicht wie selbstverständlich die gesamte Klaviatur virtueller Business-Tools nutzten, sondern für die sich "digitales Arbeiten" auf das Senden und Empfangen von E-Mails beschränkte. Wie lernfähig sind Mitarbeiter also? Da ich von Seiten der Unternehmen keine öffentlichen Klagen gehört habe, dass das zwangsverordnete Home Office Betriebsabläufe zum Erliegen bringt, scheint die Lernfähigkeit und Mitmach-Bereitschaft extrem hoch zu sein. Aber das ist eben nur eine Vermutung und keine valide Erkenntnis.

Auftraggeber einer solchen Untersuchung könnte das Bundesarbeits-Ministerium sein. Gerne auch in Kooperation mit Wirtschaftsverbänden und Gewerkschaften. Auf Seiten der ausführenden Sozial- und Marktforscher wäre eine kooperative Verknüpfung verschiedener Institute und Organisationen wahrscheinlich ebenso sinnvoll, um die Studie schnell und großflächig auszurollen. Was die Mitmachbereitschaft der Bundesbürger angeht – die dürfte derzeit weitaus größer sein, als in "normalen" Zeiten. Wissenschaft ist derzeit so nah und erlebbar wie selten zuvor. Home Office wiederum ist in aller Munde. Über die eigenen Erfahrungen zu reden, könnte vielen sogar ein Bedürfnis sein.  

Eines ist Fakt: Corona wird massive Folgen haben und schon aus finanziellen Gründen werden Arbeitsprozesse auf den Prüfstand gestellt werden müssen. Das könnte aber auch von Vorteil sein. Denn Staumeldungen waren in den letzten Wochen ebenso selten wie Klopapier.

Wissenschaftlich evaluierte Handlungsempfehlungen für künftige Arbeitsmodelle

Kurzum: Es gibt ein ganzes Bündel von Gründen, warum das Für und Wider von Home Office gründlich untersucht werden sollte. Denn zukunftsorientierte Arbeitsmodelle könnten maßgeblich dazu beitragen, Betriebskosten zu senken (z. B. durch die Reduzierung von Dienstreisen sowie Einsparungen bei Büros und Konferenzräumen) und gleichzeitig den Klimaschutz voranbringen (weniger Pendler, weniger Staus, weniger berufsbedingter Flugverkehr). Diese Krise zeigt: Die Digitalisierung der Arbeitswelt beschränkt sich eben nicht auf die Nutzung Künstlicher Intelligenz und die Ausweitung von Robotik.

Mittels der genauen Evaluierung der aktuellen Arbeitswirklichkeit könnten dezidierte Handlungsempfehlungen erarbeitet werden, die weit über die Debatte, ob Arbeitnehmer ein Recht auf Home Office haben sollten, hinausgehen. Es eröffnet sich die Chance, anhand der gelebten Praxis festzustellen, welche Rahmenbedingungen für digitales Arbeiten gegeben sein müssen – technisch wie psychologisch. Wie viel Home Office kann der Mensch und kann ein Unternehmen "aushalten"? Wo und wie lassen sich digitale Business-Tools sinnvoll integrieren und wann sind sie eine Zumutung? Was müssen Chefs und Mitarbeiter lernen, um die künftige, digitale Arbeitswelt bestmöglich zu gestalten?

Ich hoffe, eine solche Untersuchung kommt – und das nicht irgendwann, sondern alsbald.

Veröffentlicht am: 08.05.2020

 

Kommentare (1)

  1. Angelika Engelhard am 11.05.2020
    Wir haben unsere Kunden befragt, ob sie nach Ende des Corona-bedingten home office gerne weiterhin zumindest tageweise von zu Hause aus arbeiten möchten: 75% fänden das gut!
    Und auch in unserem Kollegenkreis gibt es viele positive Stimmen zum home office, besonders im Gegensatz zum Großraum-Büro. Und die teilweise langen Fahrtzeiten ins Büro, die dann der eigenen Freizeit zugute kommen, dürften auch sehr zur zukünftigen Stress-Resilienz und der Burnout-Prophylaxe beitragen.

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