Wissenschaftliche Nachnutzung von Daten stärken

Rat für Sozial- und Wirtschaftsdaten (RatSWD)

Seit vielen Jahren fordern Wissenschaftsorganisationen wie der Rat für Sozial- und Wirtschaftsdaten die Bereitstellung und Nachnutzung von Forschungsdaten etwa aus der kommerziellen Marktforschung. Was haben Marktforschungsinstitute davon, ihre Daten bereitzustellen? Darum drehte sich ein Gespräch mit Mathias Bug, dem Leiter der Geschäftsstelle des RatSWD.

Mathias Bug, RatSWD (Bild: RatSWD / David Ausserhofer)

Mathias Bug, RatSWD (Bild: RatSWD / David Ausserhofer)

Jeder kennt das Problem: Es existiert ein Erkenntnisinteresse, das man gern über Primärforschung deckt. Anreichern oder stützen würde man es aber gern mit bereits vorhandenen Daten. Das hat viele Vorteile, funktioniert aber nur, wenn die erhebenden Entitäten nicht auf ihren Daten sitzen wie Dagobert Duck auf seinem Gold.

"Vorreiter sind da etwa die großen Panelstudien SOEP, NEPS oder Share, da sie über Forschungsdatenzentren ihre Datenschätze öffnen", sagt Mathias Bug, Leiter der Geschäftsstelle des Rats für Sozial- und Wirtschaftsdaten (RatSWD). Der RatSWD berät seit 2004 die Bundesregierung und die Regierungen der Länder in Fragen der Erweiterung und Verbesserung der Forschungsdateninfrastruktur für die empirischen Sozial-, Verhaltens- und Wirtschaftswissenschaften. Er engagiert sich dabei für einen breiten, flexiblen und sicheren Datenzugang für die Wissenschaft. Die Daten werden dabei von staatlichen, wissenschaftsgetragenen und privatwirtschaftlichen Akteuren bereitgestellt.

Zwar würden inzwischen auch kleinere, nur für wenige Jahre finanzierte empirische Forschungsprojekte dazu angehalten, ihre Daten zugänglich zu machen - leider aber nur mit mäßigem Erfolg. Das mag auch daran liegen, dass in den letzten 15 Jahren zunächst staatliche Registerdaten im Zentrum der Bemühungen des RatSWD standen, und weil darüber hinaus Forschungsförderer erst in den letzten Jahren die Potentiale aus der Datennachnutzung stärker auf dem Schirm haben.

Was haben Marktforschungsinstitute davon, ihre Daten für die wissenschaftliche Nachnutzung bereitzustellen?

"Ein großes Potenzial für die unabhängige Wissenschaft": So beschreibt Bug eine mögliche Öffnung der Datentruhen, die aus Dekaden kommerzieller Marktforschung prall gefüllt in den Schatzkammern der Institute lagern. Dass den Truhendeckel derzeit nur altruistische Datensammler heben würden, verschweigt er nicht, betont aber ein mögliches Lernpotenzial für die Marktforschung: "Die Nachnutzung der Daten hat den Vorteil, dass die Güte der Daten von Dritten überprüft und auch nochmal ganz andere und neue Methoden auf die Daten angewandt werden können. Davon geht ein qualitätssichernder Effekt aus." Darüber hinaus könne durch die Nachnutzung ein viel größerer Personenkreis die Daten schlichtweg nachhaltiger nutzen. So kommen die Ergebnisse dann auch der Allgemeinheit zugute. Damit würde das Potenzial der Daten - vielleicht nicht das volle, aber mehr als bislang, greifbar. Wichtig sei aber vor allen Dingen, dass die unabhängige Wissenschaft möglichst kostengünstig an bereits erhobenem Datenmaterial partizipieren könne, so Bug weiter.

Hürden für die Nachnutzbarmachung von Daten

Wer seine Daten für die wissenschaftliche Nachnutzung bereitstellen möchte, kann das etwa über ein Forschungsdatenzentrum (FDZ) tun. Der RatSWD hat inzwischen 38 FDZ akkreditiert, von denen einige auch einen Repositoriumsservice für einzelne Datensätze von Externen anbieten. Wenn Einrichtungen eine große Anzahl an Datensätzen bereitstellen möchten, bietet sich jedoch vielmehr die Einrichtung eines eigenen FDZ an - da dann die Kooperation mit der Wissenschaft nah an der operativen Expertise der datenproduzierenden Einrichtung stattfindet. Für die Akkreditierung müssen einige Kriterien für einen transparenten, qualitätsgesicherten und gesetzeskonformen Datenzugang erfüllt sein. So werden beispielsweise nur Datenzentren akkreditiert, bei denen bereits ein operatives Geschäft - mindestens seit sechs Monaten - besteht. Die Akkreditierungskriterien können auf den Webseiten des RatSWD nachgelesen werden.

"Wer seine Daten anderen Forschungsvorhaben zur Verfügung stellt, der befördert aktiv einen Datenkulturwandel", bei dem das in den Daten verborgene Wissen geteilt, statt gehortet wird oder auch schlichtweg verloren geht. Diese Gedanken werden von immer mehr Fördermittelgebern als Forderung gegenüber solchen Forschungskooperationen formuliert, die mit Steuergeldern finanziert sind. Das betrifft dann auch Kooperationen zwischen Marktforschungsinstituten und Wissenschaft. Hier sieht Mathias Bug in den kommenden Jahren eine weiter steigende Dynamik, da die Erwartungshaltung zunähme, dass diese Daten für die Nachnutzung zugänglich gemacht würden. Natürlich unter Berücksichtigung geltenden Rechts.

Der Oeconomicus mag sich nach dem wirtschaftlichen Nutzen der Daten-Bereitstellung fragen. Der Einbahnstraßen-Charakter für kommerzielle Marktforscher ist leider nicht wegzudiskutieren. Allerdings können aggregierte Daten, wie sie etwa die statistischen Ämter des Bundes und der Länder - wo auch vom RatSWD akkreditierte FDZ zu finden sind - verfügbar machen, in Form sogenannter Public Use Files für kommerzielle Forschungsvorhaben genutzt werden. Und wer weiß? Vielleicht setzt sich der RatSWD eines Tages ja auch für die rechtskonforme Öffnung der von seinen akkreditierten FDZ kuratierten Daten hin zur kommerziellen Forschung ein.

Das Gespräch fasste Julian von der Meden zusammen

Veröffentlicht am: 16.07.2020

 

Kommentare (1)

  1. Thomas Wüstenfeld vor 3 Wochen
    Als ehemaliger betrieblicher Marktforscher der BP/ Aral stimme ich Hn. Bug prinzipiell zu. Allerdings werden dier Daten ja im Auftrag eines Unternehmens erhoben und enthalten gerade bei großen repräsentativen Studien sicherlich viele allgemein interessante Daten, aber auch Daten über das eigene Unternehmen und der Wettbewerber.
    Diese Daten müssten dann evtl. systematisch gelöscht werden oder die Markendaten anonymisiert werden.
    Und wer soll dann diesen Aufwand betreiben und auch noch bezahlen ???
    Institute und deren Auftraggeber sind kommerzielle Unternehmen, deren Ziel es ist, Gewinn zu erwirtschaften.
    Markt- und Meinungsforschung ist da sehr hilfreich, steht aber zumeist unter einem enormen Zeit- und vor allen Kostendruck.
    Wenn man diese Daten für die allgemeine Forschung nutzen möchte, muss man das berücksichtigen und für den zeitlichen und finanziellen Aufwand eine Lösung finden.
    Ansonsten wird kaum ein Unternehmen bereit sein, die eigens erhobenen und bezahlten Daten für die Allgemeinheit freizugeben.

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