Wie geht es Marktforschungsinstituten mit der Inflation?

Branchenumfrage zu den Auswirkungen der Inflation in den Instituten

Alles wird gerade teurer: Essen, Tanken, Reisen, Energie. Und wie sieht es bei Feldkosten und Marktforschungsprojekten aus? marktforschung.de hat sich bei einigen Anbietern umgehört. Fazit: Auch an den Marktforschungsinstituten geht die Inflation nicht spurlos vorbei: Mitarbeitende bekommen höhere Löhne, Raumkosten steigen an und manche Software-Anbieter scheinen die Situation auszunutzen.

Vieles wird im Moment teurer. Auch die Marktforschung? (Bild: picture alliance / SVEN SIMON | Frank Hoermann )

„Das kann im schlimmsten Fall zu sinkenden Qualitätsstandards in den Instituten führen“ 

Holger Liljeberg, Info Group

Die Markt- und Sozialforschung ist bekanntermaßen eine personalintensive Branche, deren Materialkosten jedoch recht übersichtlich sind. Insofern beschränken sich die Auswirkungen der Inflation bisher lediglich auf Energiekosten (Treibstoffe, Heizkosten usw.) und nur punktuell auf weitere Bereiche. 

Etwas weiter gedacht relativiert sich dieses Bild jedoch.  

Einerseits erleben feste und freie Mitarbeitende natürlich hautnah die aktuellen Teuerungen, so dass – auch vor dem Hintergrund eines anhaltenden Fachkräftemangels - ein notwendiger Inflationsausgleich in Form höherer Honorare und Gehälter absehbar ist.  

Hinzu kommt die Erhöhung des Mindestlohns. Andererseits haben auch Kunden und potenzielle Kunden mit höheren Produktionskosten und/oder Absatzproblemen zu kämpfen, gerade in energieintensiven Branchen. Je nachdem, ob entstehende Mehrkosten an die Verbraucher weitergegeben werden können, könnten Budgetstreichungen oder zumindest ausbleibende Budgetaufstockungen in den Bereichen Marketing und Marktforschung die Folge sein, so dass auch unsere Branche die absehbar höheren Personalkosten wahrscheinlich nicht 1:1 an die Kunden weitergeben kann.  

Daraus ergibt sich die Erwartung, dass der Preisdruck auf die Markt- und Sozialforschung in den nächsten Monaten nochmals deutlich zunehmen könnte und dies im besten Fall zu mehr Effektivität, im schlimmsten Fall zu sinkenden Qualitätsstandards und sinkendem Auftragsvolumen in den Instituten führt. 

Dr. Holger Liljeberg ist Gründer und geschäftsführender Gesellschafter der INFO GmbH, IFM Berlin GmbH sowie von LILJEBERG Research International.  

„Wir Deutschen haben historisch ein sehr angespanntes Verhältnis zum Thema Inflation“ 

Ralf Ganzenmüller (Ipsos)

Ralf Ganzenmüller, Ipsos

Natürlich realisieren wir, dass jegliche Veröffentlichung, jedes Angebot mit dem Begriff „Inflation“ im Titel aktuell von unseren Kunden sehr stark nachgefragt wird (so haben wir beispielsweise eine Rekordbeteiligung bei unserer Webinar-Serie zu eben diesem Thema beobachten können.  Nachdem wir inzwischen bereits seit April Inflation als größte Sorge der Bevölkerung weltweit messen, steigen damit verbundene Kundenanfragen kontinuierlich an. Das Interesse an kurzfristigen (und kontinuierlichen) Insights bleibt sehr groß – durch die aktuelle „Weltunordnung“ (das einzig Sichere ist die Unsicherheit) ist der Bedarf nach Daten ungebrochen.  

Insbesondere Grundlagenfragestellungen sind relevanter denn je, da die Marktfunktionalitäten sich in den letzten 2,5 Jahren massiv geändert haben. Inflation ist da nur eines der für unsere Kunden relevanten Themen. Allerdings ist es für die Konsumenten von extremer Bedeutung und wird, mehr als die anderen Krisen der letzten Zeit, zu deutlichen Veränderungen im Verbraucher- und Konsumentenverhalten führen. 

Auf Institutsseite müssen wir natürlich reagieren – und gehen, wie auch unsere Kunden, mit unserem Preisen hoch. Nicht ganz überraschend, da auch wir Leistungen teurer einkaufen und so erhöhte Stundensätze durchsetzen müssen. Mit dieser Situation sind alle konfrontiert und müssen den Kostenveränderungen Rechnung tragen. Wir Deutschen haben historisch ein sehr angespanntes Verhältnis zum Thema Inflation, aber wenn man ehrlich ist, ist etwas Inflation manchmal auch durchaus hilfreich: als provokantes Beispiel: das Thema Leistungs- und Performance-Management wird dadurch sicher nicht erschwert. 

Ralf Ganzenmüller ist CEO von Ipsos Deutschland 

„Einige Lieferanten, insbesondere Software-Anbieter, nutzen die Situation über Gebühr aus“ 

Olaf Hofmann, Skopos Group

Inflationäre Tendenzen sind seit einigen Monaten für die SKOPOS Group deutlich spürbar. Dabei beobachten wir, dass einige unserer Lieferanten die Situation über Gebühr ausnutzen. Insbesondere Software-Anbieter haben die Preise binnen Jahresfrist um 30-80% nach oben geschraubt. Hier kommen mehrere Faktoren zusammen: 

Zum einen versuchen Anbieter auf den letzten Metern ihrer Finanzierung einen Pfad in Richtung Profitabilität einzuschlagen. Dies geschieht auch, weil es angesichts der Zinswende immer schwieriger wird, an „billiges Geld“ zu kommen, um – wie bislang - Wachstum um des Wachstums Willen zu finanzieren. 

Zum anderen müssen insbesondere Automobilhersteller die Verknappung im Angebot über höhere Preise ausgleichen. D. h. mit weniger Fahrzeugen wird der gleiche Umsatz erzielt. Dies beobachten wir auch in anderen Bereichen unserer Sachkosten. 

Hinzu kommen Firmen, die schlicht und ergreifend die Situation ausnutzen.

Bei der großen Mehrzahl der Lieferanten, insbesondere bei unseren Felddienstleistern sind dagegen verhaltene bzw. sachlich nachvollziehbare Preissteigerungen eingetreten. Die Situation muss man also differenziert betrachten und bewerten. Unterm Strich bleiben aber auch bei uns deutlich gestiegene Kosten. 

Insgesamt sind unsere Sachkosten – abgesehen von der Miete, die über einige Jahre festgeschrieben ist – seit Q1 2021 um ca. 15 Prozent gestiegen. In Verbindung mit den Kostensteigerungen bei den Felddienstleistern sowie höheren Lohnkosten haben auch wir damit begonnen die Kostensteigerungen an unsere Kunden weiterzugeben.  

Dies ist bislang in einem begrenzten Umfang geschehen, da wir zu einem guten Teil über 1-2 Jahre laufende Verträge vereinbart haben. Nach Auslaufen dieser Verträge sind wir gezwungen unsere Kostensteigerungen an unsere Kunden weiterzugeben. Das werden wir angemessen machen, aber wir werden es machen müssen.  

Dabei gehen wir differenziert vor: Dort, wo unsere Kosten nur wenig gestiegen sind, müssen wir und werden wir auch nur verhalten anpassen. Dort, wo unsere Kosten stärker gestiegen sind, müssen wir stärker anpassen.  

Wir sind uns im Klaren darüber, dass wir damit Teil von inflationären Sekundäreffekten sind. Letztlich haben wir jedoch keine Wahl, da wir dafür Sorge tragen müssen, dass wir insbesondere unsere Mitarbeitenden auch in Zukunft noch angemessen bezahlen können. 

Olaf Hofmann ist Gründer und Geschäftsführer der SKOPOS Group. 

"Über kurz oder lang werden alle Dienstleister diese Kosten an ihre Auftraggeber weitergeben müssen."

Ute Wetzlar, Quovadis

Die Mietverträge für unsere Studioflächen enthalten alle eine sogenannte Wertindexklausel. Das heißt: Wenn der Preisindex um 10% steigt, erhöhen sich die Mieten analog. Insofern ist die Inflation für alle Studiobetreiber in diesem Jahr ein sehr relevantes Thema. Hinzu kommen gestiegene Kosten beim Personal sowie bei den Incentives. Aktuell ist viel in Bewegung und wir müssen das genau beobachten.  

Aber über kurz oder lang werden alle Dienstleister in der Marktforschung diese Kosten an ihre Auftraggeber weitergeben müssen. 

Ute Wetzlar ist Geschäftsführerin der QUOVADIS-Teststudios 

„Bei neuen Anfragen werden die Entwicklungen mit eingepreist“ 

Markus Albrecht, Krämer Marktforschung

Zurzeit sehen wir uns als Unternehmen nur bedingt von der aktuellen Inflation betroffen. Betrachten wir die Auftragslage, so können wir bisher glücklicherweise keine rein inflationsbedingten Projektabsagen verzeichnen. Bei neuen Anfragen zu Ad hoc-Studien werden die Entwicklungen von Inflationsentwicklung und anstehenden Mindestlohnsteigerungen anteilig mit eingepreist. 

Bei Trackingstudien kommt es durchaus zu entsprechenden Preissteigerungen, die bisher jedoch von unseren Kunden alle mit Verständnis aufgenommen und an den Endkunden weitergereicht werden. 

Als Felddienstleister sitzen wir bzgl. dieser Thematik alle im selben Boot, sodass sich mögliche Unterschiede im Preisniveau weiterhin in der bisherigen Relation zueinander bewegen dürften. 

Nach wie vor steht bei uns der hohe Qualitätsstandard an erster Stelle, den wir unseren Kunden weiterhin garantieren werden. 

Markus Albrecht ist seit 2013 Managing Director bei der Krämer Marktforschung. 

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/hg
Veröffentlicht am: 21.06.2022

 

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