Warmlaufen fürs Superwahljahr – Die Forschungsgruppe Wahlen mit dem besten Start

Wahlforschung

Die ersten beiden Landtagswahlen des Superwahljahres 2021 sind entschieden. Und damit die Frage, welches demoskopische Institut den besten Start hatte: Die Forschungsgruppe Wahlen kommt am besten aus dem Startblock. Und die ARD rückt offensichtlich mittlerweile von reinen Telefon-Stichproben für Wahlumfragen ab.

2021 wird ein Superwahljahr, stehen doch neben der Bundestagswahl im September noch Wahlen in den Bundesländern Sachsen-Anhalt, Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen an. Die ersten beiden Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz haben stattgefunden. Zeit, um einen ersten Blick darauf zu werfen, wie gut die Wahlvorhersagen der Institute die beiden Wahlergebnisse getroffen haben.

Baden-Württemberg: Die Forschungsgruppe Wahlen macht das Rennen

In Baden-Württemberg bleibt vieles beim Alten: Die Grünen werden nicht nur wieder den Ministerpräsidenten stellen, sondern konnten ihr Ergebnis im Vergleich zu 2016 sogar noch einmal verbessern. SPD und CDU verlieren weitere Prozentpunkte, ebenso die AfD. Die FDP legt wie die Freien Wähler deutlich zu.

Vergleich der Vorhersagen und Wahlausgang LTW Baden-Württemberg 2021
Vergleich der Vorhersagen und Wahlausgang Landtagswahl Baden-Württemberg 2021

Bei den Vorhersagen schneiden alle vier Kontrahenten gut ab. Die Summe der quadrierten Abweichungen liegt beim besten Institut, der Forschungsgruppe Wahlen, bei 7,52. Knapp dahinter liegen das Institut Insa und Infratest dimap. Aber auch das Schlusslicht, INSA, hat mit 19,12 immer noch eine vergleichsweise gute Vorhersage abgeliefert.

Was auffällt: Alle vier Institute haben die AfD deutlich überschätzt.

Offensichtlich hat die Maskenaffäre noch Dynamik in den Endspurt des Wahlkampfs gebracht. Allerdings konnte nur die Forschungsgruppe die Dynamik auf den letzten Metern richtig erfassen. Die späte Vorhersage von INSA war tatsächlich schlechter als die Umfrage, die das Institut am 10.3. in der BILD-Zeitung veröffentlicht hatte.

Rheinland-Pfalz: Die SPD schneidet besser ab als vorhergesagt

Auch in Rheinland-Pfalz wird Malu Dreyer weiterregieren dürfen. Der Trend ist ansonsten ähnlich wie in Baden-Württemberg: Die CDU verliert deutlich – wahrscheinlich – auf den letzten Metern, die AfD ebenfalls. SPD, Linke und FDP bestätigen ihr 2016er Ergebnisse mit leichten Verlusten. Zugewinne gibt es bei den Grünen, Freie Wähler und den sonstigen Parteien.

Vergleich der Vorhersagen und Wahlausgang LTW Rheinland-Pfalz 2021
Vergleich der Vorhersagen und Wahlausgang Landtagswahl Rheinland-Pfalz 2021

Beim Blick auf die quadrierten Abweichungen fällt zunächst auf, dass diese sehr viel größer sind als bei den Vorhersagen für Baden-Württemberg. Der Range der vier Vorhersagen liegt von 13,46 bei der FGW bis hin zum vierten Platz Infratest dimap mit 56,86. Der Grund liegt darin, dass alle vier Institute die SPD deutlich schwächer prognostiziert haben, dafür aber die Grünen stärker. Die Vorhersage der Forschungsgruppe wurde als Letztes erhoben und scheint dadurch die Wahlkampfdynamik der letzten Meter noch am besten erfasst zu haben.

Die Nähe zum Wahltag kann helfen

So weit die Daten. Was lässt sich daraus schließen?

Auch bei diesen beiden Wahlen haben sich die deutschen Wahlforscher nicht blamiert. Die Tendenzen waren weitestgehend richtig, lediglich die SPD in Rheinland-Pfalz wurde deutlich unterschätzt. Die Umfragen in Baden-Württemberg haben den Wahlausgang sehr gut vorhergesagt, mit einer Tendenz zur Überschätzung der AfD.

Nicht überraschend ist, dass Sonntagsfragen, die am näher am Wahltag lagen, eine höhere Vorhersagegenauigkeit haben können. Gerade bei einer Wahl, bei der kurz vorm Urnengang ein Skandal wie die Maskenaffäre bekannt wird, dürfte dies ein großer Vorteil gewesen sein. Allerdings muss die zeitliche Nähe nicht zwangsläufig zu einer besseren Vorhersage führen, wie man bei der BaWü-Vorhersage des INSA-Instituts vom 12.3. sieht.

Es ist überraschend, dass ein Unternehmen wie Civey, dass eigentlich kontinuierlich Stimmen erheben könnte, nicht bis kurz vor der Wahl befragt, sondern bereits fünf Tage vor dem Wahltag am 9. März, das Feld schließt. Man könnte das einen verschenkten Vorteil nennen, wenn man es mit dem Vorgehen der Forschungsgruppe Wahlen vergleicht.

Erstaunlich ist, dass bis auf die Forschungsgruppe Wahlen alle anderen drei Institute (auch) Online-Interviews eingesetzt haben. Das dürfte ein früher Vorbote für das Wahljahr und vor allem für die Bundestagswahl sein, wenn selbst die ARD mittlerweile Infratest dimap mit einer Mixed-Mode-Studie beauftragt. Scheinbar hat hier – weitestgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit – ein Umdenken stattgefunden.

Hinweis der Redaktion (25.3.2021): In der ursprünglichen Version des Artikels wurde nicht die letzte INSA-Umfrage vor der Wahl in Baden-Württemberg verwendet, sondern die Umfrage, die am 10. März veröffentlicht wurde, da die Umfrage vom 12.März zum Zeitpunkt der Analyse noch nicht auf wahlrecht.de eingetragen war. Die INSA-Umfrage vom 10. März war in Bezug auf die Summe der quadrierten Abweichungen näher am Wahlausgang als die Umfrage vom 12. März. Da wir aber grundsätzlich bei der Analyse immer die letzte veröffentlichte Umfrage verwenden, wurde der Artikel nachträglich angepasst. 

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/hg

Kommentare (3)

  1. Menno Smid am 16.03.2021
    Nicht berücksichtigte Institute, die reglemäßig Umfragen machen, sind:
    FORSA, Kantar und YouGove
  2. Holger Geißler am 16.03.2021
    Lieber Herr Smid!
    Danke für Ihren Kommentar.
    Wegen der Auswahl der Institute: Wir haben die Umfragen einbezogen, die wir auf wahlrecht.de gefunden haben. Außerdem noch die Umfragen, die Civey auf ihrer Website veröffentlicht hat. Weitere Umfragen zu den LTWs habe ich selbst nicht finden können. Falls es weitere Umfragen gegeben hat, erbitte ich Hinweise. Die ergänzen wir gerne.
    Gruß Holger Geißler
  3. Menno Smid am 16.03.2021
    Der entscheidende Satz im Kommentar ist: "Die Vorhersage der Forschungsgruppe wurde als Letztes erhoben und scheint dadurch die Wahlkampfdynamik der letzten Meter noch am besten erfasst zu haben." Schon dieser Sachverhalt spricht gegen das "Ranking- Spiel". Ein anderes Problem ist die Auswahl der Institute. Warum gerade diese und nicht auch andere? Hat man sich tatsächlich um ein vollständiges Bild bemüht? Nein. Da stand wohl die Schlagzeile im Vordergrund mit nur anekdotsicher Evidenz und wenig Zeit zu recherchieren, auch über die methodische Anlage der jeweiligen Institute. Ich würde empfehlen: nicht so oft erscheinen, dafür aber bitte ein bischen mehr "deep diving".

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