Wahrnehmung und Wirklichkeit: Deutsche überschätzen Migrantenanteil

Ipsos-Studie

Die eigene Wahrnehmung entspricht in vielen Fällen nicht der Realität. Das belegt eine aktuelle Ipsos-Studie. Nicht nur beim Anteil von Einwanderern an der Bevölkerung verschätzen sich Deutsche, auch beim Anteil an Muslimen und der sexuellen Potenz liegen sie daneben.

Auch beim Bierkonsum überschätzt sich der ein oder andere in Deutschland (Bild: tinconghe - pixabay)
Auch beim Bierkonsum überschätzt sich der ein oder andere in Deutschland (Bild: tinconghe - pixabay)

 

Der Anteil von Einwanderern an der Gesamtbevölkerung wird in Deutschland deutlich zu hoch eingeschätzt. Während der tatsächliche Wert 15 Prozent beträgt, liegt die durchschnittliche Schätzung der Befragten laut Ipsos doppelt so hoch (30 Prozent). In einigen anderen Ländern ist die Diskrepanz zwischen subjektiver Wahrnehmung und realen Zahlen in Sachen Migration sogar noch extremer, insbesondere in Lateinamerika. Ein Extrembeispiel: Obwohl Kolumbien laut offizieller Statistik eine Einwandererquote von lediglich 0,3 Prozent hat, wird dennoch vermutet, dass mehr als jeder dritte Einwohner Kolumbiens (34 Prozent) Migrant ist. Ähnlich gravierende Fehlwahrnehmungen zeigen sich in Peru, Brasilien, Argentinien und Chile. 

Anteil an Muslimen stark überschätzt

Während sich also die Schätzungsfehler der Deutschen bei nicht weiter spezifizierten Einwanderern noch verhältnismäßig in Grenzen halten, sieht es bei Menschen muslimischen Glaubens schon anders aus. In der Wahrnehmung der Befragten ist jeder fünfte Bundesbürger (21 Prozent) Muslim. Der tatsächliche Anteil an Muslimen an der Gesamtbevölkerung entspricht mit lediglich 4 Prozent nicht einmal einem Fünftel des Schätzwertes. Nur in sieben von insgesamt 37 untersuchten Ländern irren sich die Menschen in dieser Frage noch stärker.

Deutsche glauben jeder Fünfte ist arbeitslos

Selbst ein in der Öffentlichkeit verhältnismäßig breit diskutiertes Thema wie die Arbeitslosenquote wird hierzulande fünf Mal zu hoch eingeschätzt. Schenkt man den Schätzungen der Befragten Glauben, so würde sich aktuell jeder fünfte Deutsche im erwerbsfähigen Alter (20 Prozent) auf der Suche nach Arbeit befinden. In Wahrheit ist derzeit nicht einmal jeder zwanzigste Bundesbürger (vier Prozent) arbeitslos. Mit einer Diskrepanz von 16 Prozentpunkten schneiden wir im internationalen Vergleich sogar recht gut ab. In Mexiko (47 Prozent), Brasilien (47 Prozent) und Peru (46 Prozent) ist die Differenz deutlich gravierender. 

Einschätzung der Wirtschaftslage nur knapp daneben

Deutlich optimistischer wird die hiesige Wirtschaftskraft gesehen. Deutschland wird im Durchschnitt auf Position neun unter den 200 größten Volkswirtschaften der Welt (nach BIP) eingestuft. Tatsächlich hat die Bundesrepublik aber sogar das viertgrößte Bruttoinlandsprodukt der Welt. Mit einer Differenz von nur fünf Positionen ist die Einschätzung der Deutschen allerdings vergleichsweise akkurat. Weltweit verschätzen sich die Befragten um durchschnittlich 42 Positionen, in Argentinien sogar um sage und schreibe 129 Positionen.

Sexuelle Potenz junger Menschen wird drastisch überschätzt

Bei der Einschätzung des Sexualverhaltens junger Erwachsener, liegen die Befragten in ausnahmslos allen untersuchten Ländern komplett daneben. Hierzulande wird vermutet, dass Frauen und Männer im Alter zwischen 18 und 29 Jahren durchschnittlich 16 Mal in vier Wochen Sex haben. Die tatsächliche Häufigkeit liegt mit fünf Mal in vier Wochen weit unter dem Schätzwert. Global gesehen ist die Kluft zwischen subjektiver Wahrnehmung und realen Zahlen sogar noch etwas größer. 

Selbst Frauen unterschätzen das Ausmaß sexueller Belästigung

In Deutschland wird das Ausmaß sexueller Belästigung von Frauen massiv unterschätzt. Sechs von zehn deutschen Frauen (60 Prozent) geben an, seit ihrem 15. Lebensjahr bereits irgendeine Form von sexueller Belästigung erfahren zu haben. Die Einschätzungen der Studienteilnehmer liegen deutlich unter diesem Wert (37 Prozent). Selbst die weiblichen Befragten (40 Prozent) unterschätzten das tatsächliche Ausmaß. 

Deutsche im unteren Drittel des "Irrtumsindex" 

Berücksichtigt man alle Fragestellungen der Studie, so verschätzten sich die Deutschen deutlich häufiger als die Bürger vieler anderer Nationen. Unter den insgesamt 37 abgefragten Ländern belegt Deutschland lediglich den 24. Platz, wenn es um die beste Schätzung geht. Der Wirklichkeit am nächsten kamen die Befragten aus Hongkong, Neuseeland und Schweden, der unrühmliche Preis für die Bevölkerung mit der am wenigsten zutreffenden Wahrnehmung geht an Thailand, dicht gefolgt von Mexiko und der Türkei. 

Zur Studie: Ipsos befragte über das Ipsos Online Panel System vom 28. September bis zum 16. Oktober 2018 28.115 Personen im Alter zwischen 16 und 64 Jahren in insgesamt 37 Ländern: Argentinien, Australien, Belgien, Brasilien, Chile, China, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Hongkong, Indien, Italien, Japan, Kanada, Kolumbien, Malaysia, Mexiko, Montenegro, Neuseeland, Niederlande, Peru, Polen, Rumänien, Russland, Saudi-Arabien, Schweden, Schweiz, Serbien, Singapur, Spanien, Südafrika, Südkorea, Thailand, Türkei, Ungarn und USA. In Montenegro und Serbien wurden zusätzlich zur Online-Befragung auch Face-to-Face-Interviews durchgeführt. Es wurde eine Gewichtung der Daten vorgenommen, um die demografischen Merkmale auszugleichen und damit sicherzustellen, dass die Stichprobe die aktuellen offiziellen Strukturdaten der erwachsenen Bevölkerung eines jeden Landes widerspiegelt

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