Wahlumfragen Sachsen-Anhalt – Viel Luft nach oben

Wahlforschung

Nach den beiden Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg stand mit der LTW in Sachsen-Anhalt für die deutschen Wahlforscher die nächste Herausforderung bereit. Und diesmal scheiterten die Demoskopen deutlich am Abstand zwischen CDU und AfD.

Die Umfragen im Vorfeld der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt lagen weit daneben (Bild: Till Voigt - Pixabay)
Die Umfragen im Vorfeld der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt lagen weit daneben (Bild: Till Voigt - Pixabay)

Ein knappes Rennen zwischen CDU und AfD? - mitnichten

Wollte man den Umfragen Glauben schenken, so war von einem knappen Wahlausgang in Sachsen-Anhalt auszugehen. Civey und Insa sahen die CDU und AfD fast gleichauf. Bei Insa betrug der Abstand in der letzten Umfrage vor der Wahl gerade mal ein Prozentpunkt, bei Civey 1,5 Prozentpunkte. Bei Infratest Dimap und der Forschungsgruppe Wahlen waren die Abstände mit vier Prozentpunkten und sieben Prozentpunkten etwas größer. Das führte im Mittel dazu, dass der pollytix-Wahltrend vom 4. Juni, der alle veröffentlichten Wahlumfragen zusammenfasste, einen Abstand von 4,8 Prozentpunkten zwischen den beiden Parteien auswies. Das war weit entfernt von den 16,3 Prozentpunkten, die CDU und AfD am Wahlsonntag tatsächlich trennten. Auch weit entfernt von den Konfidenzintervallen, die im Vorfeld mitgeteilt wurden.

Auch die Grünen und die SPD wurden überschätzt

Überschätzt wurde auch das Abschneiden der Grünen und der SPD, die von allen vier Instituten besser gesehen wurden. FGW und Dimap sahen die Grünen bei neun Prozent. Letztlich waren es 5,9 Prozentpunkte, die die Partei in Sachsen-Anhalt erreichte. Infratest Dimap sah die Genossen bei elf Prozent, erzielt wurden aber nur 8,4 Prozent.

Selbst das beste Institut kann nicht glänzen

Landtagswahl Sachsen-Anhalt: Vergleich letzte Wahlumfragen mit Wahlausgang

Dementsprechend fallen die quadrierten Abweichungen, als etabliertes Maß für den Vergleich von Wahlumfragen, bei allen vier in Sachsen-Anhalt mit Umfragen vertretenen Instituten diesmal sehr hoch aus. Am besten schneidet erneut die Forschungsgruppe Wahlen ab, deren letzte Umfrage in der Summe eine quadrierte Abweichung von 67,84 erreicht. Im Vergleich: Die FGW-Umfragen für Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg lagen bei einer Abweichung von 13,46 und 7,52.

Mit deutlichem Abstand landen Infratest Dimap und Civey auf den Plätzen 2 und 3. Diesmal deutlich abgeschlagen landet das Erfurter INSA-Institut auf Platz 4 mit einer Abweichung von 137,54. Das ist mehr als doppelt so hoch wie die quadrierte Abweichung der FGW.

Interessanterweise weist die Forschungsgruppe Wahlen von allen vier Umfragen mit einer Stichprobengröße von 1.017 Fällen die kleinste Stichprobe auf, Civey hatte dagegen mit 1.812 Fällen das größte Sample befragt.

Viele Hausaufgaben für die deutschen Wahlforscher

Hermann Binkert, INSA-CONSULERE GmbH
Hermann Binkert, Insa Institut
Es gibt sicherlich viele gute Gründe, warum die Umfragen so weit vom tatsächlichen Wahlausgang entfernt lagen. So könnten Mobilisierungseffekte bei der CDU-Klientel eine Rolle gespielt haben, die aufgrund der Umfragen von einem knappen Ergebnis ausgehen mussten. „Umfragen haben eine Wirkung“, sagt Hermann Binkert, Leiter des Insa-Instituts bei Tichys Einblick. „Wenn die Wählerinnen und Wähler wissen, wie die Stimmung ist, dann machen sie ihre Wahlentscheidung auch davon abhängig, wählen möglicherweise nicht die Partei ihrer ersten Präferenz sondern der zweiten, wenn man weiß, dass man damit noch ein anderes Zeichen setzen kann.“

Dagegen spricht aber, dass die Wahlbeteiligung mit 60,3 Prozent der Wahlberechtigten knapp unter der Beteiligung in 2016 lag (61,1).

Auch die im Osten geringere Parteibindung wurde als Argument angeführt, warum die Veränderungen auf den letzten Metern nicht in den Umfragen abgebildet werden konnten. Dieser Effekt sollte nach über 30 Jahren Wiedervereinigung mittlerweile in statistischen Modellen von den Instituten abgebildet werden können.

Alles in allem kann die deutsche Demoskopie mit den Wahlumfragen für Sachsen-Anhalt nicht zufrieden sein. Nach dem Auftakt ins Wahljahr mit guten Vorhersagen für Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, gibt es noch viele Hausaufgaben für die vier beteiligten Institute bis zur Bundestagswahl im Herbst.

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/hg

Kommentare (6)

  1. Holger Geißler vor 1 Woche
    Lieber Herr Thierhoff!
    Wir könnten jetzt noch mehrmals hin und her Ping-Pong spielen, ob meine Sicht, dass alle an den Wahlvorhersagen beteiligten Demoskopen diesmal daneben lagen, richtig ist oder nicht.
    Oder wir führen diese Diskussion an anderer Stelle weiter. Die Einladung steht.
    Gruß Holger Geißler
  2. Thorsten Thierhoff vor 2 Wochen
    Das ist leider nicht richtig, lieber Herr Geißler. In Ihrem Artikel verallgemeinern Sie und sprechen von „den“ Demoskopen, von „den“ Umfragen, „den“ deutschen Wahlforschern. Und Ihre Darstellung einer „unterschiedlichen Performance“ betrachtet eben nur die Abweichungssummen.

    Das Problem liegt jedoch in der von den Medien verbreiteten Mär von einem „Kopf-an-Kopf-Rennen“. Keiner der seriösen Wahlforscher hat ein solches Kopf-an-Kopf-Rennen gesehen. Auch gibt es auf der Grundlage der Wählermobilisierung der AfD in Ostdeutschland seit 2017 keinerlei seriöse Datengrundlage, nach der die AfD bei dieser Landtagswahl 28 Prozent hätte erreichen können, wie der SPIEGEL unter Berufung auf Civey-Zahlen vermeldet hatte.
  3. Holger Geißler vor 2 Wochen
    Hallo Herr Thierhoff!
    Danke für Ihren Kommentar. Aus unserer Sicht haben wir die unterschiedliche Performance der Institute transparent dargestellt. Zu der Frage, die Sie bzgl. der Arbeitsweise der Häuser aufwerfen, finden Sie bei marktforschung.de doch etliche Artikel, die sich damit auseinandersetzen. Nichtsdestotrotz sind wir davon überzeugt, dass mit einer Abweichung von 67 nicht mal die FGW zufrieden sein kann.
  4. Thorsten Thierhoff vor 2 Wochen
    Die Betrachtungsweise des Artikels mit einer bloßen Statistik der Abweichungen lenkt von einem zentralen und für die Bewertung der Qualität einer Wahlumfrage viel entscheidenderen Faktor ab: Das angebliche Kopf-an-Kopf-Rennen wurde nur von zwei Unternehmen behauptet, in den Umfragen der langjährig etablierten Wahlforschungsinstitute jedoch zu keinem Zeitpunkt! Die mit der Realität nicht übereinstimmende und als Sensation empfundene Nachricht, dass CDU und AfD angeblich um Platz 1 in der Wählergunst kämpfen, verkündeten ausgerechnet die beiden Unternehmen, an deren Methodik und Arbeitsweise innerhalb der Fachöffentlichkeit bekanntermaßen die größten Zweifel bestehen. Doch dies wird gar nicht thematisiert. Ebenso wenig geht Holger Geißler der Frage nach, warum eigentlich nahezu alle Medien auf diesen Zug aufgesprungen sind und die Öffentlichkeit so systematisch in die Irre geführt worden ist.

    Wenn der Gründer und Geschäftsführer eines Fachmediums selbst zur Feder greift, hätte man sich eine fundiertere Betrachtung der Leitungsmöglichkeiten der Wahlforschung sowie deren Rufschädigung durch solch irreführende Behauptungen gewünscht. Nicht für die seriöse Wahlforschung in Deutschland - neben der Forschungsgruppe Wahlen und Infratest-dimap auch noch andere kommerzielle und akademische Forscher - gibt es viele Hausaufgaben, wohl aber für marktforschung.de ...
  5. Bernd Renslaer vor 2 Wochen
    Inwieweit ist die (politische?) Neutralität einer Quelle relevant, wenn diese Herrn Binkert (Insa-Institut) zur Frage der Prognosegüte zitiert? Ob das Zitat korrekt ist oder nicht, lässt sich leicht prüfen. Wenn es korrekt ist, ist "Tichys Einblick" zu diesem Sachverhalt eine relevante Quelle.
  6. Jana Faus vor 2 Wochen
    Ich bin überrascht, dass hier Tichys Einblick als relevante Quelle verlinkt wird und würde mich zukünftig über neutralere Quellen freuen!

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