Wahlbarometer 2.0: Der Wahlkampf im politischen Web hat begonnen

Mannheim - Der offizielle Launch des "Deutschland-Plans" von Frank-Walter Steinmeier am 3. August hat das politische Web auf Trab gebracht. Man merkt deutlich, wie das Aktivitätsniveau anzieht. Der Wahlkampf im politischen Web hat begonnen. Die Forscher von linkfluence und Q | Agentur für Forschung haben vom 01.08.2009 bis zum 05.08.2009 (11.00 Uhr) die Beiträge im politischen Web zum Deutschland-Plan analysiert. Insgesamt 740 Beiträge und Postings entfielen auf dieses Thema. Damit hat es Frank-Walter Steinmeier geschafft, wieder mehr im Gespräch zu sein. Seit längerer Zeit zum ersten Mal liegt er wieder vor Angela Merkel und Ursula von der Leyen, was die Anzahl der Beiträge und Postings betrifft.

Vorläufig reagieren die Blogger noch relativ zurückhaltend, während die professionellen Onlinemedien hochaktiv sind. Einerseits ist das typisch für den Zyklus solcher Themen, andererseits könnte auch die Urlaubszeit eine Rolle spielen.

Die Reaktionen und Meinungen in den verschiedenen Sub-Communities fallen sehr unterschiedlich aus. Im Web, in dem üblicherweise mit deutlichen Worten nicht gespart wird, findet sich die gesamte Breite möglicher Reaktionen: von Anerkennung und Lob über Ablehnung bis zu Hohn und Spott.

Die Zahlen für den Share of Voice der Communities im Einzelnen (Beiträge zu Frank-Walter Steinmeier/Deutschland-Plan in Prozent aller Beiträge):

  • Professionelle Medienseiten: 63 %
  • Nicht parteinahe Institutionen/Organisationen/Verbände etc.: 18 %
  • Sozialdemokratische Community: 7 %
  • Liberale Community: 3 %
  • Linke Community: 3 %
  • Satire-Community: 3 %
  • Konservative Community: 2 %
  • Rechte Community: 0,5 %
  • Grüne Community: 0,3 %

In den professionellen Medienseiten wird durchaus differenziert, aber auch sehr pointiert berichtet. Immerhin gibt es konkreten Stoff, d.h. Vorschläge und Ziele, an denen man sich abarbeiten kann. Das lässt erwarten, dass die Debatte etwas länger anhält und der Deutschland-Plan bzw. Teile daraus in den nächsten Wochen auch in den Medien immer wieder zur Sprache kommen wird, statt spurenlos aus der Aktualität zu verschwinden. Die Reaktionen sind auch hier vielfältig:

Von "Steinmeiers Sommermärchen" spricht n-tv.de, Deutschland-Plan als "Leuchtendes Ziel, unklarer Weg" titelt taz.de. "Lob, Kritik, und die Furcht vor der 'Planwirtschaft': Steinmeiers Deutschland-Plan polarisiert" schreibt netzeitung.de. "Steinmeiers Plan: Endlich ein Wahlkampf-Thema" hofft ZEIT ONLINE. "Steinmeier entwirft Vision für Millionen neue Jobs", meint die Märkische Allgemeine Online.

Schnelle und zahlreiche Reaktionen finden sich in der Community der nicht partei-orientierten  Organisationen und Blogger. Auf breiter Front fällt das Urteil negativ aus. Es drängt sich der Eindruck auf, dass die SPD mit ihrem Plan auf eine mittlerweile weit verbreitete Inkompetenz-Vermutung und Negativ-Wahrnehmung stößt. Von einzelnen Ausnahmen abgesehen dominieren harte Worte: Man wittert unrealistische Ziele, wohlfeile Wahlkampflügen, verzweifeltes Aufbäumen gegen die Erfolglosigkeit, Hilf- und Planlosigkeit in der Umsetzung. Nur wenige Stimmen raten dazu, das Papier erst mal zu lesen, und dann zu urteilen.

Für die sozialdemokratische Blogosphere ist die Ankündigung des Deutschland-Plans dagegen offenbar Balsam auf die geschundene Seele. Der Auftritt wird nicht nur besonders häufig, sondern auch sehr positiv kommentiert. Man spricht von einer Weichenstellung für die Zukunft Deutschlands - und der SPD. Frank-Walter Steinmeier gilt nun als anpackend, intelligent, zukunftsweisend, solide. Es scheint, als könnte der Plan auf die eigenen Truppen wie gewünscht wirken: Die Auseinandersetzung durchaus zeitgerecht auf wichtige Themen zu fokussieren, aus Sicht der SPD-nahen Community die richtigen Argumente zu liefern und damit wieder Hoffnung und eine kämpferische Grundstimmung zu schaffen. Nicht zu übersehen ist deshalb auch die Erleichterung und die Freude darüber, endlich wieder einmal in der Offensive zu sein.

Stiller dagegen ist es noch bei den politischen Konkurrenten. Entweder will man das Papier erst mal genauer analysieren, bevor man zurückschlägt, oder man will es ignorieren.

In den noch wenigen Beiträgen der Konservativen-Blogs werden Steinmeiers Pläne scharf kritisiert, man wirft ihm gar "Großmäuligkeit" vor. Gefahr sieht man durch das Kompetenz-Team und dessen Pläne nicht aufkommen. Aber es gibt nun auch Stimmen, die vor Übermut warnen und darauf hinweisen, dass die Wahl noch nicht gelaufen sei.

Die liberale Community geht mit Steinmeier und dem Deutschland-Plan noch härter ins Gericht. Das Thema Vollbeschäftigung und das Ziel von 4 Millionen neuen Jobs wird als unseriöses Versprechen tituliert, es sei "völlig unglaubwürdig und blödsinnig". Frank-Walter Steinmeier wird gar als tragisch-komischer und flügellahmer Superheld verspottet.

Auch in Teilen der linken Community geht man mit den Plänen nicht gerade zimperlich um. Das Kompetenz-Team wird als "letztes Aufgebot" verhöhnt und Steinmeier als Schröder-Kopie bezeichnet. Die Diskussion um Vollbeschäftigung durch Zweitjobs wird sehr kritisch gesehen. Man spricht gar von "Zwangsarbeitern für den Mittelstand".

Die anderen Communities konnten aufgrund zu weniger Beiträge qualitativ nicht sinnvoll ausgewertet werden.

Die Reaktionen in diesem kurzen Zeitraum haben zumindest eines gezeigt: Im Web 2.0 wird unverblümt diskutiert. Sehr gut erkennbar wird dabei, wo emotionale Widerstandspunkte und Reaktanzen liegen und welche Rolle ein verfestigtes Image spielen kann. Damit liegen die Reaktionen im politischen Web 2.0 vermutlich nicht weit entfernt von denen im Rest der Bevölkerung.

Frank-Walter Steinmeier stemmt sich nun mit seinem Kompetenz-Team und dem Deutschland-Plan gegen diesen Trend. Einen Kantersieg davongetragen hat er dabei sicher nicht. Nichtsdestotrotz ist die Bilanz nicht völlig verhagelt:

  • Er hat es geschafft, Aufmerksamkeit zu binden, auch im politischen Web. Er erscheint als Kanzlerkandidat wieder auf dem Radar der Blogosphäre und der Medien.
  • Er kommt in die Offensive und beeinflusst dadurch in dieser Woche die Agenda der politischen Diskussion.
  • Er wird mit seinen Vorschlägen diskutiert. Es gelingt ihm dadurch zumindest partiell, von einer reinen Schicksalsdebatte über die unglücklich operierende Verlierer-SPD zurück zu Inhalten zu kommen.
  • Er trifft positiv ins Schwarze seiner eigenen Anhänger. Nichts ist dort wichtiger, als Kampfbereitschaft zu wecken, politischen Sinn und Ziele zu vermitteln, die Reihen zu schließen und dadurch wahlkampf- und kampagnenfähig zu werden. Die ersten Reaktionen der sozialdemokratischen Web 2.0-Community können ihn hier hoffen lassen.

Und schließlich birgt auch heftiger politischer und inhaltlicher Gegenwind noch Trost. Denn wer Wahlkämpfe verfolgt, weiß, dass es auch nicht weiterhilft, konturenlos, langweilig und nicht mal diskussionswürdig zu sein: Viel Feind, viel Ehr, kein Feind, keine Ehr.

Zur Analyse: 

Mit linkfluence® segmentiert und analysiert Q | Agentur für Forschung (www.teamq.de) das deutsche Internet. Im Wahljahr 2009 widmen sie sich neben anderen Märkten auch dem politischen Leben im Internet. Aus hunderttausenden deutschen Webpräsenzen haben sie zunächst das "politische Web" herausgearbeitet (www.wahlradar.de). Es umfasst die rund 3000 wichtigsten Blogs und Sites, die sich mit dem politischen Leben in Deutschland und der Welt beschäftigen. Zusätzlich haben sie in diesem thematisch abgegrenzten Segment des Internets die Sub-Communities identifiziert und ihre Einflussstärke vermessen. Auf dieser Grundlage analysieren sie laufend, welche Themen wo eine Rolle spielen und wie sie diskutiert werden.

Quelle: Q | Agentur für Forschung

Veröffentlicht am: 06.08.2009

 

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

Kommentare geben ausschließlich die Meinung ihrer Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht oder gekürzt zu veröffentlichen. Das gilt besonders für themenfremde, unsachliche oder herabwürdigende Kommentare sowie für versteckte Eigenwerbung.

Weitere Meldungen

Personalmeldungen aus der Marktforschung

Neue Köpfe bei (r)evolution, Appinio und mo'web

30.07.2021 - Spannende Neuzugänge bei drei Marktforschungsinstituten: (r)evolution begrüßt gleich zwei neue Mitglieder in seinem Team, während Appinio einen neuen Chief Product Officer bekannt gibt. Mo'web research verstärkt das Vertriebsteam und ist außerdem seit kurzem Mitglied… weiterlesen

 
Personalwechsel bei Harris Interactive

Führungswechsel auf der Brücke

Kapitän (Symbolbild)

29.07.2021 - Dr. Thomas Rodenhausen scheidet am 31. Juli planmäßig aus dem Vorstand der Harris Interactive AG aus. Gabriele Stöckl und Dr. Orhan Kocyigit werden in das Senior Executive Team der Harris Interactive AG berufen. Rodenhausen wird danach den CEO der Toluna-Gruppe bei… weiterlesen

 
Biggest-Mover im YouGov BrandIndex

Flaschenpost mit größtem Sprung

Lieferant von Flaschenpost (Bild: Flaschenpost)

29.07.2021 - Welche der unter den im YouGov BrandIndex getrackten deutschen Marken hat sich im Jahresvergleich am stärksten verbessert? Das ist erstmals der Getränke-Lieferdienst Flaschenpost. Den zweiten Rang belegen das italienische Kreuzfahrtunternehmen Costa sowie die… weiterlesen

 
Technologie

VPN unterstützt digitales Marketing und Marktforschungsprojekte

Online-Datenschutz (Bild: janbaby – Pixabay)

29.07.2021 - VPN – Warum das Ganze überhaupt? Steckt hinter der Technologie noch viel mehr als Cybersicherheit? Bringt ein VPN vielleicht sogar einen Wettbewerbsvorteil? weiterlesen

 
Covid-19

Die vierte Welle

Vierte Welle (Bild: Dimitris Vetsikas - Pixabay)

28.07.2021 - Es wird im Herbst zu einer vierten Corona-Welle kommen. Das denken zumindest 80 Prozent der Deutschen laut einer OmniQuest-Umfrage. 67 Prozent rechnen mit erneuten Einschränkungen und Maßnahmen, die vergleichbar mit denen im letzten Herbst bzw. Winter sein könnten.

weiterlesen

 

Über marktforschung.de

Branchenwissen an zentraler Stelle bündeln und abrufbar machen – das ist das Hauptanliegen von marktforschung.de. Unser breites Informationsangebot rund um die Marktforschung richtet sich sowohl an Marktforschungsinstitute, Felddienstleister, Panelbetreiber und Herausgeber von Studien, Marktdaten sowie Marktanalysen als auch an deren Kunden aus Industrie, Handel und Dienstleistungsgewerbe.

facebook twitter xing linkedin