Spiegel greift Akte Marktforschung wieder auf

Was hat sich getan?

In einem Artikel, der am Samstag erschien, greift der Spiegel in seiner Online-Ausgabe die ein Jahr zurückliegende "Akte Marktforschung" auf. Quintessenz: In der Branche habe sich nichts geändert.

Screenhot SPIEGEL ONLINE

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"Betrug in der Marktforschung" lautet zwar die Dachzeile, doch die Überschrift relativiert die vermeintliche Branchennachricht mit einer Frage: Wie stark wird bei Umfragen noch getrickst? So viel Vorweg: Eine Antwort auf diese Frage liefert der Artikel nicht.

Zunächst kommt Whistleblower Martin Thöring zu Wort, der inzwischen Arbeitslosengeld bezieht und laut Spiegel die "meistgehasste Person in der Marktforschungsbranche" sei. Er bereue nicht, den Schritt an die Öffentlichkeit gegangen zu sein. Vielmehr sei er überrascht, dass sich nicht noch weitere Insider öffentlich gemeldet hätten.

Wie ist der Stand der Ermittlungen?

Auf Anfrage von marktforschung.de im November vergangenen Jahres, sagte Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt: "Über die zeitliche Dauer der Ermittlungen kann ich keine verlässliche Auskunft geben".

Der Spiegel berichtet in Bezug auf die Ermittlungen, die nach der Selbstanzeige wegen Betrugs durch Martin Thöring aufgenommen wurden, dass diese erst aufgenommen werden könnten, wenn alle Akten beim Staatsanwalt seien. Problematisch sei die Beweissicherung, denn es seien z.B. Computer der insolventen Institute ACE und CSI bereits versteigert worden.

Kritik an den Verbänden

Kritisiert werden auch die Verbände. Die Transparenz-Initiative des ADM, die im letzten Jahr gestartet wurde und sich seit einigen Wochen in der Probephase befindet (hier ein Interview dazu mit Bernd Wachter, ADM) seien nur wenig auf Qualitätssicherung ausgelegt. Da es keine Sanktionen bei Verstößen gäbe, hätte die Initiative wenig Sinn.

Auch die Beschwerdestelle des Rats der Deutschen Markt- und Sozialforschung wird als wenig effektiv erachtet. Der Spiegel kritisiert, dass Betrugsversuche zwar anerkannt, Institute aber nicht gerügt würden.

Der im Februar 2018 veröffentlichte "Denkanstoß" des Berufsverband Deutscher Markt- und Sozialforscher (BVM) setzt einen "realistischen Angebotspreis von 24 Euro" für ein 20-minütiges Telefoninterview an. Unter dem Titel "Der Billigste gewinnt" machte sich der BVM Gedanken darüber, "wie es dazu kommen konnte, dass sie in einigen Fällen möglicherweise zu einer preisgetriebenen Branche wurde". Dem Spiegel lägen jedoch Beispiele vor, dass diese Preise häufig nicht erreicht würden, der Denkanstoße habe also nicht viel bewirkt.

Weitergeführt wird die Qualitätsdiskussion in den Kommentaren - hier flammt die Repräsentativitäts-Diskussion wieder auf. User tinnytim nimmt hier z.B. den Spiegel in die Pflicht: "Dafür dass SPON regelmäßig Umfragen von in Meinungsforschungskreisen hoch umstrittenen Civey schaltet, wirkt dieser Artikel nicht unbedingt sonderlich reflektiert."

Veröffentlicht am: 25.02.2019

 

Kommentare (2)

  1. Alexander Linder am 27.02.2019
    Ich glaube nicht, dass der Spiegel die richtige Instanz ist, um das Geschehen in der Marktforschungsbranche kritisch, hinreichend und realitätsnah zu durchleuchten. Ich weiss nicht, warum dieses Thema jetzt wieder aufgegriffen wird. Ist das das neue Sommerloch im Winter?
  2. Andreas Sperling am 25.02.2019
    Es gibt eine Geschichte, die mir seltsam vorkommt: gerade bei der Unternehmung,, die bei Spiegel mit am meisten als Marktforscher vorkommt gibt es einen anonymen Twitter Account, der sich als Whistleblower verstehend dem Spiegel - Lieferanten ziemlich ans Zeug geht.

    Unabhängig davon, ob ich diese Twitter Vorgehensweise gut finde - der Redakteur hätte bei diesem Thema nicht weit vor der eigenen Tür kehren müssen.

    Wie weit liegt da Ignoranz und Absicht auseinander (beieinander)?

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