Kantar: Die Brautschau beginnt

Hintergrund

Seit dem Weggang von WPP-Urgestein Martin Sorrell gab es Gerüchte, dass die Marktforschungstochter Kantar zum Verkauf stünde. Nun begibt sich das Unternehmen ganz offiziell auf die Suche nach einem Käufer – und verkauft es als wichtigen strategischen Schritt.

Mark Read, CEO WPP (Bild: WPP)
Mark Read, CEO WPP (Bild: WPP)

 

von Jörg Stroisch

Ob der angestrebte Verkauf von Kantar ein Befreiungsschlag ist oder doch nur ein weiterer Schritt in Richtung Niedergang des einst so glänzenden Werbeprimus WPP – diese Frage kann nur ein Guru beantworten. Fakt ist, dass WPP seit dem Weggang seines legendären Chefs Martin Sorrell einen neuen Weg sucht.

Kantar sucht Käufer

Jedenfalls bevorzugt es der neue CEO Mark Read in der Pressemitteilung zu den Quartalszahlen ein bisschen nebulös. Erst liest man im besten Sinne Werbesprech: Man sei dabei, ein neues WPP zu erschaffen, das Unternehmen zu vereinfachen etc. Und auch der Abschnitt zu Kantar beginnt erst mal ziemlich gut. Wortwörtlich steht da: "Es gibt eine signifikante Möglichkeit, Kantar zum weltweit führenden Unternehmen für Daten, Insights ("Einblicke") und Beratung weiter zu entwickeln. Wir glauben an das Potenzial von Kantar…"

Wer jetzt nicht weiterliest, hat den wichtigsten Satz verpasst – man müsse nämlich eine "harte Entscheidung" treffen. Der beste Weg, das "Potenzial zu entfesseln", sei die Zusammenarbeit mit einem strategischen oder finanziellen Partner. Etwas kleinlaut liest es sich dann weiter, wenn Read sich wünscht, doch wenigstens Anteilseigner an Kantar bleiben zu wollen.

Die einleitenden Worte klingen nun ganz anders und wirken wie das Schönmachen der Braut für einen potenziellen Käufer. Das ist auch bitter nötig. Denn der Blick auf die harten Zahlen ist alles andere als erfreulich. Die Präsentation der Halbjahreszahlen – marktforschung.de berichtete – geriet bereits zum Börsendesaster. Der Geschäftsbereich Data Investment Management, dem auch Kantar angehört, musste ein Minus von 5,1 Prozent auf 946 Millionen Pfund im Vergleich zum Vorjahreshalbjahr (997 Millionen Pfund) verkraften.

Im dritten Quartal wieder Umsatzrückgang

Der immerhin drittstärkste Bereich im Unternehmen (15,4 Prozent) und der zweitgrößte Player im Marktforschungsbereich konnte auch bei den Quartalszahlen nicht punkten: In der Analystenpräsentation belief sich der Verlust auf minus 3,5 Prozent und damit einem Rückgang auf nunmehr 477 Millionen Pfund (Vorjahresquartal: 494 Millionen Pfund).

Wer Käufer werden könnte, ist offen. Selbst Ex-Chef Martin Sorrell wurde Interesse nachgesagt. Der wegen Gerüchte um unziemliches Verhalten und angeblich veruntreuten Geldern quasi über Nacht abgesetzte Werbegott verbittert seinem Nachfolger durch diverse Sticheleien, wie etwa der Gründung eines eigenen Werbeunternehmens, sowieso schon regelmäßig den englischen Tee. Vom "Ende einer Spielerkarriere", wie DIE ZEIT titelte, scheint er jedenfalls noch weit entfernt zu sein.

Aber natürlich fallen auch in diesem Zusammenhang gerne die Namen großer Player der Branche, wie etwa Nielsen. Derzeit ist es allerdings nicht so, dass die Branche wirtschaftliche Freudensprünge macht, sondern sich in einem schmerzhaften Umstrukturierungsprozess befindet.

Die Börsen quittierten den geplanten Verkauf jedenfalls mit einem weiteren Niedergang der Aktie, zumal auch kaum ein anderer Unternehmensbereich bei WPP mit seiner Performance derzeit überzeugt. Von ursprünglich 1.056 britischen Pence stürzte der Kurs zeitweise auf etwa 829 britische Pence ein, erholte sich hinterher wieder etwas. Auf den Monat betrachtet ist das ein Minus von etwa 22 Prozent. Und im Vergleich zum Vorjahr befindet sich der Kurs bei über 33 Prozent im Minus.

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

Kommentare geben ausschließlich die Meinung ihrer Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht oder gekürzt zu veröffentlichen. Das gilt besonders für themenfremde, unsachliche oder herabwürdigende Kommentare sowie für versteckte Eigenwerbung.

Weitere Meldungen

Umfangreiches Rebranding bei Schlesinger Europe

Schmiedl Marktforschung wird zu Schlesinger Group Germany

18.09.2020 - Im Rahmen eines umfangreichen Rebrandings wird das deutsche Marktforschungsunternehmen Schmiedl Marktforschung in Schlesinger Group Germany umbenannt. Auch weitere europäische Unternehmen firmieren zukünftig unter neuem Namen. weiterlesen

 
"Breakthrough Innovations"-Bericht von Nielsen BASES

Premium, Achtsamkeit & Genuss: Das sind die Top 25 Produktinnovationen 2020

17.09.2020 - Nielsen BASES veröffentlichte seine jährliche Liste der Top 25 Neueinführungen in Europa ("Breakthrough Innovations"). Dabei sind mehrere klare Trends erkennbar. Welche das sind, was die Top-Innovationen des Jahres ausmacht und welche sechs Produktideen aus Deutschland... weiterlesen

 
Reell und virtuell

planung&analyse mit Insights Kongress am 1. und 2. Oktober

16.09.2020 - Die älteste Fachzeitschrift für Marktforschung in Deutschland, planung&analyse, lädt am 1. und 2. Oktober 2020 zum planung&analyse Insights Kongress nach Frankfurt. Das Motto: "Die Zukunft ist jetzt“. Die Veranstaltung wird auch virtuell stattfinden. weiterlesen

 
Start-up Online-Pitch

AI-Assistent AskBrian gewinnt den ersten Start-up-Pitch auf marktforschung.de

AskBrian, der Gewinner des Start-up Pitch 2020 auf marktforschung.de

15.09.2020 - AskBrian heißt der Gewinner des ersten Online-Pitchs für Start-ups auf markforschung.de. Das Wolfratshausener Unternehmen, das einen AI-gestützten Assistenten für Professional Services entwickelt, setzte sich im Finale gegen fünf Mitbewerber durch. weiterlesen

 
Neues Angebot von quotapoint

Hybrid-Streaming in der qualitativen Marktforschung

Quotapoint bietet eine neue Art des Interview-Streamins an (Bild: Jagrit Parajuli - Pixabay).

15.09.2020 - Eine hybride Art des Streamings von quotapoint soll einen Mehrwert für die qualitative Forschung ermöglichen. Das Unternehmen bietet hierzu verschiedene Features an, die eine Weiterentwicklung der digitalen Marktforschung bieten sollen. weiterlesen

 
Über marktforschung.de

Branchenwissen an zentraler Stelle bündeln und abrufbar machen – das ist das Hauptanliegen von marktforschung.de. Unser breites Informationsangebot rund um die Marktforschung richtet sich sowohl an Marktforschungsinstitute, Felddienstleister, Panelbetreiber und Herausgeber von Studien, Marktdaten sowie Marktanalysen als auch an deren Kunden aus Industrie, Handel und Dienstleistungsgewerbe.

facebook twitter xing linkedin