Informationsverhalten: Nur noch gut die Hälfte der Österreicher hat Freude am Lesen

Linz (AT) - Der Rückgang der Lesefreudigkeit verlief zeitlich parallel zum Siegeszug des Internet, die Online-Aktivisten sind dennoch keine Lesemuffel. "Zeitenwende im Informationsverhalten" bedeutet zugleich Hinwendung zu knappen Formeln und Gefahr von Simplifikationen. Dies sind die Ergebnisse einer IMAS-Trendbeobachtung. Hierfür wurden im Zeitraum vom 19. Oktober bis zum 03. November 2011 1.040 Österreicher ab 16 Jahren repräsentativ befragt. 

Nur noch 53 Prozent der Österreicher haben Freude am Lesen. Vor knapp vier Jahrzehnten, 1973, registrierte das IMAS noch 64 Prozent (also fast zwei Drittel der Erwachsenen), die gern zu einem Buch, einer Zeitschrift oder Zeitung griffen. Besonders deutlich zurückgegangen (von 36 auf 25 Prozent) ist im besagten Zeitraum die Zahl jener Personen, die nach eigener Angabe eine ganz außergewöhnliche Freude am Lesen haben. Am stärksten unterscheidet sich die Lust am Lesen nach Bildung und sozialer Schicht. Demgemäß ist die Lesefreude der Maturanten und Akademiker (mit insgesamt 75 Prozent) ungleich größer als die von Personen mit  Volks- oder   Hauptschulbildung (42 Prozent). Angestellte und Beamte sowie Selbständige und Freiberufler greifen ansonsten weitaus lieber zu einem Buch oder Printmedium als es Arbeiter, insbesondere ungelernte, tun. Unter den Letzteren besteht eine ungefähre Parität  von 36:34 Prozent zwischen denen, die Freude am Lesen verspüren und anderen, denen es eher Missvergnügen bereitet.

Bemerkenswert unterschiedlich ist die Zuwendung zum Lesen auch zwischen den Geschlechtern: Von den Frauen haben 60 Prozent, von den Männern hingegen nur 45 Prozent daran eine wirkliche Freude. Vergleichsweise flacher ist die Abstufung der Lesefreudigkeit innerhalb der Altersgruppen, wenngleich Österreicher über dem 50. Lebensjahr (mit 57 Prozent) deutlich lieber zu Büchern, Magazinen und Zeitungen greifen als die Angehörigen der jungen Generation. Diese tun es nur zu 46 Prozent ihrer Zahl. Was ferner ins Auge sticht, ist die Tatsache, dass die ausdrückliche Unlust am Lesen von 1973 bis 1998  annähernd  konstant geblieben ist, nach der Jahrhundertwende jedoch abrupt (von 12 auf 20 Prozent) nach oben schnellte. Es war jene Periode, die von einer rasanten Ausbreitung des Internet gekennzeichnet war. Fest steht, dass im Jahr 1999 nur 21 Prozent der Österreicher das Internet dem IMAS gegenüber als eine wichtige Informationsquelle für Politik, Wirtschaft, Warenangebote u.ä. bezeichneten, jetzt vertreten bereits 48 Prozent einen solchen Standpunkt. Die Hinweise auf eine geringe Bedeutung des Internet für das eigene Dasein sind im gleichen Zeitraum von 69 auf 48 Prozent zurückgegangen. Radikal gesunken (von 46 auf 24 Prozent) ist seit Beginn des Jahrhunderts vor allem die Zahl der Österreicher, für die das Internet gar keine Rolle spielt.

Der vom Internet ausgelösten Revolution im Kommunikationsbereich wird bisweilen nachgesagt, dass sie nicht nur die Lust, sondern auch die Fähigkeit des Lesens geschmälert habe und dass wir uns auf dem Weg zu einem neuen Analphabetentum befänden. Für eine solche Befürchtung gibt es in der vorliegenden IMAS-Untersuchung jedoch keine Anhaltspunkte. Vielmehr scheint es so zu sein, dass die sinkende Lesefreude vor allem mit der generell geringer gewordenen Zeitkapazität für die Aufnahme geschriebener Texte zusammenhängt. Keinesfalls handelt es sich bei den Internetnutzern um Lesemuffel und erpichte Gegner von Büchern, Zeitschriften und Zeitungen. Im Gegenteil: Intensivnutzer des Internet haben im Vergleich zu den Internet-Abstinenten eine sogar überdurchschnittlich starke Neigung zum Lesen von Printmedien und umgekehrt.

Die beschriebene Korrelation ändert jedoch nichts daran, dass das Internet einem anderen Nutzungsmuster unterliegt als Print. Der Unterschied besteht vorallem darin, dass die Informationsaufnahme über das Internet selektiver erfolgt als in Zeitschriften und Zeitungen. Aktive Internet-User informieren sich dann über bestimmte (insbesondere politische) Vorgänge und Ereignisse, wenn sie für den Nachrichteninhalt ein besonderes Interesse mitbringen. Das unermesslich große Informationsangebot des Internet, aber auch das breiter gewordene Wissensspektrum in einer mehr und mehr miteinander verwobenen Welt führen zwangsläufig zu einem ökonomischeren Umgang mit der Lesezeit. Damit verdichtet sich zugleich der Wunsch nach knappen, zeitsparenden Mitteilungen. Es ist die unbewusste Suche nach einfachen, griffigen Formeln für das politische oder wirtschaftliche Geschehen.

cl/IMAS International

Veröffentlicht am: 13.12.2011

 

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