IMAS-Umfrage: Große Politikverdrossenheit in Österreich

Linz - Nach den Schlagzeilen über Korruptionen, Missstände und reformerischen Stillstand in der österreichischen Regierung bringen die Österreicher der Innenpolitik weniger Aufmerksamkeit entgegen als zu irgendeiner anderen Zeitphase dieses Jahrhunderts. Nur 5 Prozent von ihnen sind nach eigener Aussage sehr stark am innenpolitischen Geschehen interessiert. Dazu kommen 21 Prozent, die ihr gedankliches Engagement an der Innenpolitik als "ziemlich stark" beschreiben. Diesem Viertel halbwegs interessierter Bürger stehen rund dreimal so viele Erwachsene gegenüber, die sich entweder wenig (44 Prozent) oder gar nicht (30 Prozent) mit innenpolitischen Fragen auseinandersetzen.

Dies geht aus einer Umfrage von IMAS International hervor, die zwischen dem 19. August und dem 2. September 2011 unter 1.009 Personen per Face-to-face-Interview durchgeführt wurde. Die Umfrage ist repräsentativ für die österreichische Bevölkerung ab 16 Jahren.

Die Ergebnisse der aktuellen Umfrage unterscheiden sich auffallend stark von den Beobachtungen von IMAS in den früheren Jahren. Das höchste politische Interesse registrierte das Institut während der EU-Sanktionen gegen Österreich (2000), als sich 56 Prozent der Bewohner gedanklich zumindest ziemlich stark mit den politischen Vorgängen auseinandersetzten

Das innere Engagement ampolitischen Geschehen korreliert vor allem mit Bildung und Alter. Demnach haben von den Maturanten und Akademikern 37 Prozent eine stark ausgeprägte politische Neugier, von Personen mit Volks- oder Hauptschulbildung hingegen nur 16 Prozent. Innerhalb der Altersgruppen wenden die über 50-jährigen Österreicher (zu 33 Prozent ihrer Zahl) der Politik eine vergleichsweise große Aufmerksamkeit zu; von den Angehörigen der jungen Generation denken lediglich zwölf Prozent politisch mit. Dies bedeutet zugleich, dass 88 Prozent der unter 30-Jährigen ein Minimalinteresse an der Innenpolitik besitzen. Unter regionalen Gesichtspunkten erscheinen die Wiener politisch am alertesten. Als Faustregel kann gelten, dass knapp ein Drittel der Hauptstadtbevölkerung das politische Geschehen mit wachem Interesse verfolgt, von den Bewohnern der Bundesländer tut dies nur jeweils rund ein Viertel.

Bei der Bewertung der aktuellen Befunde ist zunächst zu bedenken, dass die jüngste Umfrage im Spätsommer durchgeführt wurde, als sich ein Teil der Österreicher noch ein wenig in Urlaubsstimmung befand und somit eine untypisch geringe Neugier an der Politik gehabt haben könnte.

Dieser Überlegung steht jedoch die Tatsache entgegen, dass nicht nur das politische Interesse, sondern auch das politische Wissen der Bevölkerung eine rückläufige Tendenz aufweist. Das gilt für praktisch alle politischen Sachgebiete, die vom IMAS in der Umfrage als Messkriterien für den politischen Kenntnisstand herangezogen wurden. Einige Beispiele verdeutlichen das abnehmende politische Wissen: Vor vier Jahren konnten noch 92 Prozent der Österreich von sich behaupten, den Namen des Bundeskanzlers zu kennen, jetzt sind es nur mehr 85 Prozent. Über die Parteizugehörigkeit des eigenen Landeshauptmanns wussten im Jahr 2007 noch 74 Prozent der Erwachsenen Bescheid, mittlerweile ist das nur mehr bei 61 Prozent der Fall. Vor vier Jahren waren noch drei Viertel der Österreicher in der Lage, die im Nationalrat vertretenen Parteien zu benennen, jetzt verfügen nur mehr rund drei Fünftel über dieses Wissen.

Einigermaßen stabil geblieben ist (wenngleich auf niedrigem Niveau) die Aussagefähigkeit der Bevölkerung über die typischen Merkmale einer Demokratie, oder über die Unterschiede zwischen Sozialismus und Kapitalismus. Ganz allgemein dürfen an die politische Sachkenntnis der Bevölkerung, wie weitere Befunde belegen, keine allzu großen Erwartungen gestellt werden: Kaum die Hälfte der Staatsbürger ist in der Lage, die Spitzenkandidaten der österreichischen Parteien aufzusagen. Nur jeweils rund zwei Fünftel der Bevölkerung könnten Auskunft darüber geben, wie viele Länder zur EU gehören, wer Engelbert Dollfuß gewesen ist, oder was unter Faschismus zu verstehen ist. Noch ein wenig schwächer ist das Wissen darüber, welche Ziele die österreichischen Parteien verfolgen oder wer das Außenministerium leitet. Am allerwenigsten ist den Österreichern geläufig, welche Aufgaben der Bundesrat vertritt: nur drei von zehn trauen sich darüber eine Antwort zu.

Quelle: IMAS International

Veröffentlicht am: 19.09.2011

 

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