Ein Wirtschaftssystem zum Vorteil der Reichen und Mächtigen?

Ipsos-Studie

Ipsos hat eine Umfrage durchgeführt zu einem zentralen Thema unserer Zeit: Welche Auswirkungen haben populistische und nationalistische Tendenzen für die Politik und die Gesellschaft? Die Marktforscher befragten dafür im Frühjahr 2019 Menschen in 27 Ländern.

Was denken Menschen über die Politik? (Bild: Jürgen Fälchle - AdobeStock)
Was denken Menschen über die Politik? (Bild: Jürgen Fälchle - AdobeStock)

69 Prozent der Deutschen sind der Meinung, das Wirtschaftssystem werde zum Vorteil der Reichen und Mächtigen manipuliert. Das entspricht etwa dem weltweiten Durchschnitt (70 Prozent). Die Wahrnehmung, dass lokale Experten die Lebenssituation der gewöhnlichen Leute nicht verstehen, ist in der Bundesrepublik im Vergleich zu 2016 um 11 Prozent gestiegen. Deutschland bleibt jedoch eines von nur drei Ländern, in dem sich weniger als die Hälfte der Bevölkerung einen starken Führer wünscht; jeder zweite spricht sich ausdrücklich dagegen aus (48 Prozent).

18.000 Interviews

Eine Ipsos-Studie, in der über 18.000 Menschen in 27 Ländern befragt wurden, zeigt, dass Vorstellungen über ein kaputtes, politisches System auf globaler Ebene heute noch genauso verbreitet sind wie im Dezember 2016 - wenige Wochen nach der Wahl von US-Präsident Donald Trump und Monate, nachdem sich eine Mehrheit der Briten für den Austritt aus der Europäischen Union entschieden hat.

"Die Daten bestätigen die gravierenden politischen Umwälzungen, die wir in den letzten Jahren beobachten konnten", sagt Dr. Robert Grimm, Leiter der Politik- und Sozialforschung bei Ipsos in Deutschland. "Tiefgehende ideologische Differenzen werden in vielen westeuropäischen Ländern offen gelebt und gegebenenfalls auch mit politisch motivierter Gewalt ausgetragen." 

"Das Land treibt von einer ungewollten Zweckkoalition zur nächsten"

In Deutschland ist das Bild zweideutig. Immer mehr Deutsche bezweifeln, von Experten verstanden, von Volksparteien vertreten und am Wohlstand beteiligt zu sein. "Andererseits sehen viele Deutsche, wohl auch auf Grund der tiefgehenden Erfahrung mit totalitaristischen Regimes, keine Lösung in einer starken Führungspersönlichkeit", so Grimm weiter. "So treibt das Land in einer apathischen politischen Kultur von einer ungewollten Zweckkoalition zur nächsten, ohne konkret nach einem neuen Gesellschaftsvertrag zu suchen."

Mehrheiten stimmen populistischen und nationalistischen Aussagen zu 

Während die Gesamtzahl der populistischen Meinungen weltweit nahezu unverändert auf hohem Niveau geblieben ist, haben nationalistische Einstellungen noch an Boden gewonnen. Die Umfrage zeigt, dass populistische (Schweden, Südafrika, Argentinien, Indien) und nationalistische Tendenzen (Mexiko, Schweden, Japan) in einigen Ländern einen Anstieg verzeichnen, während sie in anderen (Israel, Italien, Ungarn, USA) zurückgegangen sind.

Mehrheit fühlt sich ausgeschlossen

Eine Mehrheit der Bürger in den 27 befragten Ländern fühlt sich von der "normalen Ordnung" in ihrem Land ausgeschlossen, daran hat sich seit der Erhebung im Dezember 2018 kaum etwas geändert:

  • 70 Prozent sagen, die Wirtschaft werde manipuliert, um die Reichen und Mächtigen zu begünstigen (plus 1 Prozentpunkt seit Dezember 2018)
  • 66 Prozent sind der Meinung, dass sich traditionelle Parteien und Politiker nicht um Menschen wie sie kümmerten (plus 2 Prozentpunkte)
  • 54 Prozent halten die Gesellschaft ihres Landes für zerrüttet (plus 4 Prozentpunkte)

In jedem Land der Welt außer in Schweden stimmt eine Mehrheit der Aussage zu, dass ihre Wirtschaft zugunsten der Reichen und Mächtigen manipuliert werde. Seit Dezember 2018 ist diese Ansicht in Schweden, Argentinien und Japan um jeweils 11 Prozentpunkte gestiegen. Die Zustimmung zu dieser Einstellung ist jedoch auch in einigen Ländern zurückgegangen: am meisten in Israel (15 Prozentpunkte) und in geringerem Maße in Ungarn und Serbien (jeweils 5 Punkte), sowie Mexiko und den USA (jeweils 3 Punkte).

Wenig Vertrauen in Politiker und Parteien

Nur 11 Prozent der Menschen in den 27 Befragungsländern haben den Eindruck, dass traditionelle Politiker und Parteien sich um Menschen wie sie kümmerten. Seit 2016 ist die Wahrnehmung, von ihnen nicht mehr vertreten zu werden, in Südafrika (plus 13 Punkte) und Großbritannien (plus 11 Punkte) am stärksten angestiegen. Israel (minus 8 Punkte), Serbien und Italien (jeweils minus 5) verzeichnen dagegen einen Rückgang dieser Einschätzung.

Das Gefühl, die Gesellschaft sei zerbrochen, ist auf globaler Ebene zwischen 2016 und 2019 um 4 Prozentpunkte zurückgegangen. Am stärksten ist der Rückgang in 

Südkorea (minus 29 Punkte), Italien (minus 19 Punkte) und Mexiko (minus 15 Punkte). Kanada verzeichnet als einziges Land einen zweistelligen Anstieg dieser Einschätzung um 15 Prozentpunkte.

Zwei Drittel der Befragten verlangen nach starkem Führer

  • 64 Prozent sagen, ihr Land brauche einen starken Führer, um es von den Reichen und Mächtigen zurückzuholen (plus 1 Punkt)
  • 62 Prozent glauben, dass lokale Experten das Leben von Menschen wie ihnen nicht verstünden (plus 2 Punkte)
  • 49 Prozent sind der Meinung, dass ihr Land, um es wieder in Ordnung zu bringen, einen Führer brauche, der bereit sei, die Regeln zu brechen (unverändert)

Deutschland, Schweden und Japan sind nach wie vor die einzigen Ländern, bei denen die Zustimmung zu der Ansicht, das Land brauche einen starken Führer zum Schutz vor den Reichen und Mächtigen unter 50 Prozent liegt. Allerdings hat die Einschätzung in Schweden mit einem Anstieg um 10 Prozentpunkte am stärksten zugenommen. In Italien (minus 8 Punkte) und Israel (minus 6 Punkte) wurde der größte Rückgang gemessen.

Nationalistische Stimmungen bleiben auf hohem Niveau

  • 60 Prozent sagen, dass Arbeitgeber bevorzugt Staatsbürger statt Einwanderer einstellen sollten, wenn Arbeitsplätze knapp sind (plus 4 Prozentpunkte)
  • 60 Prozent verneinen die Ansicht, dass es ihrem Land besser ginge, wenn es alle Einwanderer hereinließe, die kommen wollen (plus 1 Punkt)
  • 43 Prozent denken, dass Einwanderer den "echten" Staatsangehörigen ihres Landes wichtige Sozialleistungen wegnähmen (plus 4 Punkte)

Bei der Einschätzung, dass Arbeitgeber Einheimischen Vorrang vor Einwanderern geben sollten, wenn Arbeitsplätze knapp sind, lassen sich lokale Tendenzen beobachten: Bis auf wenige Ausnahmen liegt diese Ansicht in Osteuropa, Lateinamerika und Asien über, sowie in Westeuropa und Nordamerika unter dem globalen Durchschnitt. Den stärksten Anstieg verzeichnen Schweden (plus 17 Punkte), Japan (plus 15 Punkte) und Mexiko (plus 14 Punkte). Italien (minus 7 Punkte) ist das einzige Land mit einem Rückgang von über 4 Prozent. 

Fünf Länder verzeichnen eine zweistellige Zunahme bei der Einschätzung, Einwanderer nähmen "echten" Staatsbürgern wichtige Sozialleistungen weg - die meisten von ihnen haben einen Zustrom von Geflüchteten erfahren: Mexiko (plus 25 Prozentpunkte), Peru (plus 23 Punkte), Serbien (plus 17 Punkte), Schweden (plus 13 Punkte) und Brasilien (plus 10 Punkte). In der Türkei, Malaysia und Serbien liegt der Zustimmungsgrad bei über 50 Prozent. In Japan (25 Prozent) und Polen (26 Prozent) ist die Zustimmung am geringsten.

Über die Studie: Die Ergebnisse stammen aus der Global Advisor Studie "Populist and Nativist Sentiment 2019", die von 22. März bis 15. April 2019 in 27 Ländern durchgeführt wurde. Ipsos befragte im Rahmen der Online-Befragung 18.528 Erwachsene im Alter von: 

  • 16 bis 74 Jahren in Argentinien, Australien, Belgien, Brasilien, Chile, Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Ungarn, Indien, Italien, Malaysia, Mexiko, Peru, Polen, Russland, Saudi-Arabien, Serbien, Südafrika, Spanien und Schweden
  • 18 bis 74 Jahren in Kanada, Israel, Südafrika, der Türkei und den USA
  • 19 bis 74 Jahren in Südkorea

Die Stichprobe besteht in Australien Brasilien Kanada, Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Italien, Japan, Spanien und den USA aus mehr als 1000 Personen, in jedem anderen untersuchten Land aus über 500 Personen. 

In Argentinien, Australien, Belgien, Kanada, Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Ungarn, Italien, Japan, Polen, Südkorea, Spanien, Schweden und den USA können Online-Umfragen als repräsentativ für die allgemeine Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter angesehen werden. In den anderen untersuchten Ländern sind Online-Stichproben städtischer, gebildeter und/oder wohlhabender als die allgemeine Bevölkerung.

Es wurde eine Gewichtung der Daten vorgenommen, um die demografischen Merkmale auszugleichen und damit sicherzustellen, dass die Stichprobe die aktuellen offiziellen Strukturdaten der erwachsenen Bevölkerung eines jeden Landes widerspiegelt.

Veröffentlicht am: 09.09.2019

 

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