Ein Dach über dem Kopf ist nur der Anfang

resercher4ukraine: Sabine Menzel

Vor kurzem haben wir darüber berichtet wie Dr. Dag Piper vom ISI-Institut mit einem Hilfskonvoi Hilfsgüter in die Ukraine und Menschen nach Deutschland gebracht hat. Heute erzählt Sabine Menzel, Market & Media Intelligence Director bei L’Oréal und im Beirat von marktforschung.de, über ihre Erfahrungen damit, Menschen aus der Ukraine ‚ein erstes Zuhause‘ zu geben.

Kinder Ukraine (Bild: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Waltraud Grubitzsch)

Kinder aus Ukraine bekommen zur Begrüßung in Bad Düben kleine Zuckertüten mit Süßigkeiten. (Bild: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Waltraud Grubitzsch) 

Freitag, 11. März um 17.30 Uhr rief Daria, die Bekannte einer Freundin einer Kollegin bei mir an: „Sabine, wir kennen uns nicht, aber ich habe gehört, Ihr seid bereit, jemanden aus der Ukraine übergangsweise bei Euch aufzunehmen? Eine Mutter aus Charkiw mit ihrer 7jährigen Tochter und einem kleinen Chihuahua sind heute in Düsseldorf angekommen. Sie brauchen ein Zimmer. Ab heute Abend. Würde das gehen?“ 

Und so standen von jetzt auf gleich um 20 Uhr Olena und die kleine Marharyta mit zwei Koffern und einem Hündchen auf dem Arm vor unserer Tür.

Zusammen mit Daria aus Deutschland, die sich persönlich versichern wollte, dass die Kleinfamilie aus ihrer Ursprungsheimat Ukraine bei uns in guten Händen sein würde. Kurz darauf saßen wir alle zur Willkommens-Pizza zusammen. 

Seitdem ist viel passiert. Für alle Ukrainer:innen ist jeder neue Tag ein sehr schwerer und trauriger Tag. Durch unsere Gäste ist der Krieg für uns gefühlt viel näher als zuvor. Familie und Freunde sind noch in der Heimat und wir befürchten jeden Tag, dass ihnen etwas zustoßen könnte. Beim Nachrichten-Sehen fühlen wir uns manchmal wie ‚Kriegstouristen‘.  

Mein Mann, unsere Tochter und ich bringen unsere ‚kleine Gastfamilie‘ Schritt für Schritt ins Leben in Deutschland rein – auch wenn sie selbst nicht wissen, wie lange sie den Weg gehen müssen oder wollen. Manchmal kochen wir zusammen, kaufen zusammen ein, zeigen Stadt und Umland. Und auch wir lernen die andere Kultur kennen: Am ukrainischen Ostersonntag wurden wir zum Beispiel mit Kulich, dem traditionellen ukrainischen Osterkuchen mit Zuckerguss und bunten Eiern überrascht. 

Kulich (Bild: Sabine Menzel)

Kurlich (Bild: Sabine Menzel)

Wir haben in den letzten 30 Jahren nicht halb so viele Behördenkontakte gehabt wie in den letzten 30 Tagen in unserer Heimatstadt Neuss. Und fast alle Erfahrungen waren großartig: informativ und hilfsbereit! Am schnellsten war die Direktorin der Grundschule in der Nachbarschaft: In Rekordzeit von drei Tagen nach ihrer Ankunft hatte Marharyta ihren ersten Schultag in Deutschland – und hielt eine mit Süßigkeiten gefüllte Schultüte im Arm. Schon Tage später standen die ersten Mitschülerinnen vor unserer Tür, um sie zum Spielen abzuholen. 

Die nächsten Schritte führten uns in den berühmten Behörden-Dschungel – alle Anträge und Bestätigungen natürlich in Deutsch: ‚Fiktionsbescheinigung‘ (Aufenthaltstitel), Leistungen nach ASylBLG (Asylbewerberleistungsgesetz), Kontoeröffnung (mit sage und schreibe fünfzehn zu unterschreibenden Dokumenten - in der Ukraine läuft das alles digital), Integrationskurs des BAMF zum Deutschlernen (Bundesministerium für Ausländer, Flüchtlinge & Migration). Und nun spricht Olena, auch dank täglichem Selbstlernen schon die ersten Worte Deutsch.  

Ach ja, die Sprache. Wir sind auch ohne gemeinsame Sprache eine kleine Wohngemeinschaft geworden. So wurde die App ‚Google Translate‘ festes WG-Mitglied. Wir haben damit schon viele schöne und tiefe Gespräche geführt. Und auch schon oft gemeinsam gelacht über die manchmal lustigen wörtlichen Übersetzungen. Mein persönlicher Favorit: „Marharyta sagt...“ wird zuverlässig übersetzt mit „Gänseblümchen sagt...“ 

Jetzt steht die größte Herausforderung an: Wohnungssuche. Viele Kolleg:innen und Freund:innen haben schon mit Haushaltsausstattung geholfen. Ein Kollege hat sogar seinen ausrangierten Laptop wieder fit gemacht und verschenkt. 

Wir sind dankbar, dass wir mit Olena und Marharyta ganz wunderbare Menschen kennengelernt haben – und ihre Zuversicht ist einfach bewundernswert. Wir haben sie in unser Herz geschlossen und es ist sehr bereichernd, sie bei uns zu haben, aber auch viel zeitaufwändiger mit all den ‚Integrations-To Do’s‘ als wir uns hätten vorstellen können ? 

Meine persönliche Erkenntnis ist, wie gut es tut, die Komfortzone der täglichen vermeintlichen Wichtigkeiten zu verlassen, und sich Zeit zu nehmen für das was – für andere (!) – wichtig und lebensnotwendig ist.  

Über Sabine Menzel

Sabine Menzel stieg nach dem BWL Studium bei der Infratest Burke Marketingforschung (heute Kantar) ein bevor sie zu L'Oréal wechselte, wo sie 10 Jahre in verschiedenen Geschäftsbereichen die Marktforschung verantwortete. Nach Stationen bei der Deutsche Post DHL und Henkel kehrte sie 2015 als Director Consumer & Market Intelligence zu L'Oréal zurück, wo sie die Marktforschung in eine konsumentenzentrierte strategische Abteilung entwickelt. Von 2004 bis 2012 war Sabine Menzel Mitglied im Vorstand des BVM und ist seit 2014 im Beirat von marktforschung.de.

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