Die Zukunft der Wahlumfragen: Ein Blick in die USA

Janina Mütze, Civey

Am Auftaktabend der WdM lud Civey zu einem amerikanischen Event mit Burger und einem Blick auf die Meinungsforschung der USA zu sich ein. Zu Gast war David Shor, einer der einflussreichsten Data-Analysten im Umfeld der US Democratic Party. Janina Mütze, Gründerin und Geschäftsführerin bei Civey, berichtet nun über den gelungenen Abend im Rahmen der dritten Woche der Marktforschung.

American Night bei Civey (Bild: Civey)

In einer lebhaften Diskussion hat Shor die Bedeutung der Demoskopie als wichtiges Bindeglied zwischen den Meinungen der Parteieliten und den Bürgerinnen und Bürgern betont. (Bild: Civey)

Endlich wieder Präsenz-Events! Nach langer Corona-Durstrecke haben wir gerne am Auftaktabend der Woche der Marktforschung zu Burger und Bier geladen und dabei einen Blick auf die Meinungsforschung in die USA geworfen.  Zu Gast war David Shor, einer der einflussreichsten Data-Analysten im Umfeld der US Democratic Party. Der Mathematiker, der bereits mit 17 Jahren seinen Universitätsabschluss machte und mit 20 Jahren zum Daten-Team der Obama-Kampagne 2012 gehörte, ist heute einer der angesehensten Datenmodellierer in den USA. Er ist Co-Gründer der Firma Blue Rose Research und konzentriert sich auf Wahlvoraussagen. Dementsprechend spannend waren seine Thesen, die er per digitaler Zuschaltung den rund 50 Gästen im Civey-Büro präsentiert hat. Es folgte eine lebhafte Diskussion, in der Shor die Bedeutung der Demoskopie als wichtiges Bindeglied zwischen den Meinungen der Parteieliten und den Bürgerinnen und Bürgern betont hat. Aus meiner Sicht waren zudem die spannendsten Aspekte:

  • Politische Organisationen in den USA sind laut Shor im Wahlkampf immer stärker mit Fragen konfrontiert: Wie eng ist das Rennen und wo sollte ich meine knappen Ressourcen am besten einsetzen? Welche Botschaften sollte ich transportieren und wen sollte ich ansprechen?
  • Die US-Wahlen 2016 und die Brexit-Entscheidung haben für Shor gezeigt, dass die traditionellen Techniken der Meinungsforschung nicht mehr vollends in der Lage waren, zufriedenstellende Ergebnisse zu liefern. Als Grund sieht er vor allem die sehr geringen Ausschöpfungsquoten per Telefonumfragen, die in den USA besonders dramatisch sind. Auch beim Mobilfunk existieren große Herausforderungen, besonders aufgrund von Spam-Anrufen. Shor sprach von einem Verhältnis von 2 zu 1 Spam-Calls zu normalen Anrufen, die Demoskopie per Telefon noch schwieriger mache.
  • Zudem zeigt sich für Shor eine Verzerrung von den Menschen, die an Umfragen teilnehmen zu denen der Gesamtbevölkerung. Bildung und Vertrauen in die politischen Eliten sind hier ein wichtiger Faktor. Es kann eine Verzerrung entstehen, die nur noch sehr schwer durch klassische demographische Gewichtungsvariablen alleine kontrolliert werden kann. Das Wahlverhalten wird durch ein komplexes Zusammenspiel zahlreicher und in der Regel korrelierter Faktoren bestimmt (ethnische Zugehörigkeit, sozioökonomische Klasse, Religion etc.). Darüber hinaus korreliert laut Shor soziales Vertrauen mit der Bereitschaft zur Teilnahme an Umfragen. Je mehr Faktoren man kontrollieren muss, desto schneller kommt man mit den typischen Gewichtungsvariablen allein an seine Grenzen. Shor sieht hier in Modellierungen die Lösung.

Das sind alles Entwicklungen, die wir auch in Deutschland sehen. So sind die am Anfang von vielen misstrauisch beäugten Online-Umfragen mittlerweile Branchenstandard, wie zuletzt die Vorwahl-Umfragen in Nordrhein-Westfalen gezeigt haben. Die meisten Meinungsforschungsinstitute haben für ihre Umfragen auf Online-Erhebungen gesetzt. Hier sind wir in der Branche auf einem zukunftsorientierten Weg, was mich sehr freut.

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