Die langsame Digitalisierung - Bremst uns unsere Skepsis aus?

Andreas Güntert & Dr. Martin Schultze, concept m

Für wie technikaffin halten sich die Deutschen eigentlich? Wie datengetrieben das Land der Dichter und Denker in seiner Selbstwahrnehmung ist, hat concept m untersucht.

(Bild: Pixabay)

(Bild: Pixabay)

Künstliche Intelligenz, Digitalisierung und Breitbandausbau sind Technologien, bei denen die Bundesrepublik keine gute Figur abgibt: Deutschland hinkt international gesehen in diesen Bereichen deutlich hinterher und belegt oft nur die hinteren Plätze.

Was die Adaption und Nutzung von neuen Technologien angeht, herrscht in Deutschland auf staatlicher Seite meist gähnende Langsamkeit. Während die Staatsministerin für Digitalisierung Dorothee Bär schon von Flugtaxis schwärmt, sind viele Teile Deutschlands noch nicht einmal mit schnellen Internetanschlüssen ausgestattet. Auch bei dem Thema e-Government, was einer deutlichen Erleichterung für die Bürger gleichkäme, hängt Deutschland weit hinterher. Dabei ist die Digitalisierung heutzutage weder aus der Geschäftswelt noch aus dem Privatleben wegzudenken. Nicht von ungefähr sprechen wir vom Informations- und Internetzeitalter. Die zunehmende Digitalisierung bietet dabei nicht nur vielversprechende Innovationen, sondern stellt den Einzelnen auch vor die Herausforderung, sich in höherem Maße mit Technik auseinanderzusetzen.

Gelegentlich wird kokettiert, dass die Bundesbürger ohnehin nicht sonderlich technikaffin sind. Ab und an wird uns sogar unterstellt, wir seien Technikskeptiker. Dieses Bild rührt noch von der im Bildungsbürgertum weit verbreiteten Sichtweise auf Deutschland als einem Land der Dichter und Denker, bei dem es durchaus als en vogue galt in Mathematik und Technik die eigene Unfähigkeit demonstrativ zur Schau zu stellen und sogar positiv zu konnotieren.

Wie sieht es aber aktuell mit der Technikaffinität in Deutschland aus? Concept m research+consulting hat in diesem Jahr eine Studie hierzu durchgeführt. Insgesamt wurden 1.000 Bundesbürger repräsentativ online zu diversen Lebenseinstellungen befragt, darunter auch über ihre Technikaffinität. Dabei gaben die meisten Befragten mit insgesamt ca. 56 Prozent an, eher technikaffin oder sogar sehr technikaffin zu sein, während gerade mal ca. 16 Prozent äußerten eher nicht bis überhaupt nicht technikaffin zu sein.

Damit sieht sich immerhin mehr als jeder zweite Deutsche in der Selbsteinschätzung als technikaffin. Von den sogenannten Digital Natives (18-39 Jahre), die Gruppe der Bevölkerung die in das digitale Zeitalter hineingeboren wurden, geht man davon aus, dass sie inhärent technikaffiner sind, während die Digital Immigrants (40+) gewisse Schwierigkeiten in der Adaption neuer digitaler Techniken haben. Empirisch zeigt sich, dass Alter und Technikaffinität leicht negativ zusammenhängen – je älter die Personen, desto weniger technikaffin sind diese. Hierbei reden wir, mit Blick auf die Gruppen, aber nicht von einem gravierenden Unterschied: Bei den älteren Befragten sehen sich immer noch 45 Prozent als technikaffin, gegenüber 62 Prozent bei den Digital Natives.



Wird Geschlecht als Vergleichskategorie herangezogen, zeigt sich, dass 24 Prozent der weiblichen Befragten laut Selbsteinschätzung nicht oder eher nicht technikaffin und 40 Prozent technikaffin bis sehr technikaffin sind. Im Vergleicht dazu gaben neun Prozent der männlichen Befragten an, nicht oder eher nicht technikaffin und 72 Prozent technikaffin bis sehr technikaffin zu sein. Dabei beginnt die Distanz zur Technik oft bereits im frühkindlichen Alter im Elternhaus bei der Auswahl der Spielzeuge und setzt sich im Verlauf der schulischen Laufbahn und Ausbildung fort. Schaut man sich den Verlauf der Statistik der Bundesagentur für Arbeit (2018) bezüglich des Frauenanteils in MINT-Berufen von 2013 bis 2017 an, ist dieser innerhalb der letzten 4 Jahre nur um 0,8 Prozent auf insgesamt 15,2 Prozent gestiegen.

Neben diesen bekannten Geschlechterunterschieden liefert eine Unterteilung in eher städtisch bzw. ländlich lebende Personen keinen so starken Kontrast. Der Unterschied in der Bewertung bewegt sich hier lediglich im niedrigen einstelligen Prozentpunktebereich. Bundesbürger auf dem Land sind also durchaus an technischen Innovationen interessiert und auch fähig und willens, sich mit diesen auseinandersetzen. Es ist daher richtig, dass für den Breitbandausbau als Auflage z.B. die Verbesserung der Netzabdeckung auf dem Land enthalten ist.
Die digitale Revolution könnte dabei zu einer größeren Dezentralisierung von Leben und Arbeit führen. Wenn überall flächendeckend schnelles Internet verfügbar wäre, lassen sich viele Tätigkeiten in jedem Dorf und jeder Kleinstadt ausführen. Neue Formen der Mobilität und Lebensgestaltung könnten entstehen. Die Rahmenbedingungen dafür sollten in Deutschland besser sein, als dies bisher der Fall ist. Die Ausrede, dass Bürger dies nicht nachfragen oder benötigen ist vermessen.

Veröffentlicht am: 05.07.2019

 

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