„Der Kampf um Talente in der Marktforschungsbranche war noch nie so hart.“

Sommerumfrage: Rückblick aufs erste Halbjahr

Wie verlief das erste Halbjahr in der deutschen Marktforschungslandschaft? Und wie ist der weitere Ausblick auf die restlichen Monate? Im ersten Teil unserer Sommerumfrage lesen Sie, wie das erste Halbjahr 2022 bei Bonsai, Happy Thinking People, Ifak, INNOFACT, mindline, SKOPOS und Statista verlaufen ist.

Auseinandersetzung auf dem Fußballplatz (Bild: picture alliance / Laci Perenyi | Laci Perenyi)

Auch wenn Marktforschende in der Regel nicht so hitzig aneinander geraten, wie Kingsley Ehzibue und Jonas Hofmann beim Niederrhein-Derby: Der Kampf um Talente war noch nie so hart, sagt Sven Arn von Happy Thinking People. (Bild: picture alliance / Laci Perenyi)

Eine große Nachfrage erfordert entsprechende Ressourcen in der Marktforschung, um diese auch abzuarbeiten. Deshalb überrascht es nicht, dass das größte Problem der an der Umfrage beteiligten Institute aktuell darin besteht, weitere Marktforschende einzustellen. Die Auftragslage blieb stabil, alle sechs Institute haben ein gutes erstes Halbjahr gehabt und liegen zumindest auf Vorjahreskurs. Größere Anpassungen waren bislang nicht nötig.

INNOFACT: Im Moment liegen wir sogar leicht über Vorjahr, obwohl das letzte Jahr schon historisch gut war.

Christian Thunig von Innofact
Christian Thunig: Das erste Halbjahr verlief sehr gut. Bisherige gesamtwirtschaftliche Eintrübungen z. B. vor dem Hintergrund des Ifo-Geschäftsklimaindex haben sich bei uns bisher nicht niedergeschlagen. Im Moment liegen wir sogar leicht über Vorjahr, obwohl das letzte Jahr schon historisch gut war. Die Wirtschaft insgesamt scheint aber auch trotz vieler Schwierigkeiten sehr robust zu sein. Das könnte zwei Ursachen haben: Die Unternehmen sind krisenerfahren und haben durch Corona eine gewisse Resilienz gelernt.

Zum anderen scheint das Vertrauen in den Staat, insbesondere was die „Unterstützung“ der Wirtschaft und des Konsums angeht, so groß zu sein, dass fokussierte Krisenabarbeitung und -bewältigung bei den Entscheidern vorherrscht, – obwohl gerne und viel über die aktuelle Bundesregierung lamentiert wird.

Das heißt, es ist nicht alles in bester Ordnung, aber angesichts der multiplen Krisen-Situation sind alle erstaunlich besonnen geblieben.

Christian Thunig ist im BVM-Vorstand verantwortlich für den Kongress und das Jahrbuch der Marktforschung sowie Managing Partner bei der INNOFACT AG.

Statista: Wir haben Firmen insbesondere in Wachstumsthemen unterstützt.

Peter Kautz von Statista
Peter Kautz: Zu Beginn des ersten Halbjahres haben wir mit großer Vorfreude auf sich öffnende Märkte und daraus resultierende Marktchancen für viele Branchen einschließlich der Marktforschung geblickt: Wir als Statista Q haben Firmen insbesondere in Wachstumsthemen unterstützt und z. B. Produkt-Testings für neue Launches, Nutzeranalysen und Market Sizing Projekte durchgeführt. Zu den Highlights gehört unser Engagement mit der größten Reisemesse der Welt, der ITB. Im Bereich Forecast & Modelling Solutions haben wir beispielsweise neue Trends und Entwicklungen im Reisemarkt aufgezeigt. Der Krieg von Russland in der Ukraine hat die Situation verändert und global zu einer größeren allgemeinen Unsicherheit gesorgt, von der persönlichen Situation vieler Menschen bis hin zur Steigerung der Energiepreise.

Peter Kautz führt als Managing Director der Marke Statista Q das datengetriebene Projektgeschäft bei Statista.

mindline: Wir blicken recht optimistisch in die Zukunft.

Stefan Ruthenberg von mindline
Stefan Ruthenberg: Das Jahr startete sehr gut und nach wie vor blicken wir – zumindest aus unternehmerischer und projektbezogener Sicht – recht optimistisch in die Zukunft.

Ein überraschender Trend: Deutliche Zunahme von Shopping- und Customer Journey. Nach den Corona-Krisenjahren geht es Unternehmen wohl verstärkt um kurzfristige Kaufaktivierung und -steuerung.

Stefan Ruthenberg ist Gründer und Geschäftsführer der mindline GmbH.

SKOPOS GROUP: Wir nähern uns mit großen Schritten der 20 Mio. Schwelle.

Olaf Hofmann von Skopos
Olaf Hofmann: Das erste Halbjahr 2022 hat uns alle positiv überrascht. Wir haben erwartet, dass sich angesichts der geopolitischen Lage spürbare Auswirkungen auf der Nachfrageseite für unsere Dienstleistungen ergeben. Dies ist bislang nicht eingetreten, ganz im Gegenteil. Die Auftragseingänge sind in der SKOPOS Gruppe im ersten Halbjahr 2022 um 28 Prozent gewachsen, die Umsätze sogar um 35 Prozent, sodass wir uns bezogen auf 2022 gesamt mit großen Schritten der 20 Mio. Schwelle nähern.

Die Herausforderung liegt somit eher darin, wie wir das Wachstum managen und vor allem Fachkräfte in allen Bereichen und Ebenen rekrutieren können.

Alleine im ersten Halbjahr hat die SKOPOS Gruppe 24 neue Mitarbeitende begrüßen dürfen.

Olaf Hofmann ist zusammen mit Thomas Starsetzki Group-Geschäftsführer der SKOPOS GROUP.

Happy Thinking People: Neue Rahmenbedingungen schaffen auch Bedarf an neuen Insights

Sven Arn von Happy Thinking People
Sven Arn: Wir sind sehr zufrieden mit dem Verlauf des ersten Halbjahrs und liegen stabil auf Vorjahresniveau. Dies entspricht auch unseren Zielsetzungen, denn weiteres signifikantes Wachstum ist für uns nur mit hoch qualifiziertem Personal denkbar. Und das suchen wir auf allen Ebenen.

 

Damit sind wir nicht allein – der Kampf um die Talente in der Marktforschungsbranche war meiner Erfahrung nach noch nie so hart.

Wir stehen deshalb in intensivem Dialog mit unseren eigenen Gen Z Teams, um gemeinsam nach Wegen zu suchen, uns als Arbeitgeber für diese Generation noch attraktiver aufzustellen. Denn es ist nach all dem, was wir in früheren Krisenzeiten erlebt haben, nicht davon auszugehen, dass der Bedarf an Marktforschung durch die sich eintrübende Wirtschaftslage dauerhaft nachlässt. Neue Rahmenbedingungen schaffen auch Bedarf an neuen Insights, das sehen wir bereits an den Fragestellungen der laufenden Projekte.

Ein besonderes Highlight für uns war es sicher, auf dem Esomar Kongress „Digital. Dynamic. Diverse.“ im Februar präsentieren zu dürfen – ein Fallbeispiel, wie man sensibel die Ansprache für eine junge LGBTQIA*-Zielgruppe optimiert, eines der spannendsten Projekte der letzten Jahre für uns.

Sven Arn ist Geschäftsführer und Mitinhaber bei Happy Thinking People.

Bonsai: Wir gehen davon aus, dass wir unser Jahresziel erreichen.

Jens Krüger von Bonsai Research
Jens Krüger: Wir hatten insgesamt ein gutes erstes Halbjahr bei den Verkäufen und gehen davon aus, dass wir unser Jahresziel erreichen oder sogar leicht übertreffen können. Insbesondere in den Bereichen Meda/Analytics, Shopper und unserem BonsaiLAB haben wir das Geschäft nachhaltig ausbauen können.

Der klassische Testmarkt tut sich aktuell noch schwer. Einer der Gründe, warum wir hier unser Portfolio um neue Komponenten wie VR und auch unsere Kooperation mit GoToMarket ausgebaut haben.

Im Bereich Marke/Markenstrategie haben wir noch einiges vor. Wir haben grade BrandMap gelauncht und haben noch einiges für den Herbst im Köcher.

Warum Marke? Wir sind für Forschung entlang der Customer Journey bekannt – hier wird überall „Marke gemacht“ und wir sind nah dran. Und haben mit Thomas Hoch und Team die richtigen Experten, die unseren Kunden helfen, jetzt die Weichen für den zukünftigen Markenerfolg zu stellen.

Jens Krüger ist CEO von Bonsai Research.

Ifak Institut: Vieles fühlt sich wieder normal an.

Martina Winicker: Einfach schön, dass wir New Normal und das damit einhergehende Geruckel überwunden haben und sich Vieles wieder ganz normal anfühlt. Aktuell gibt es auch wieder zahlreiche interessante Studien auf dem Markt, die sowohl inhaltlich als auch methodisch neue Wege gehen.

Mein besonderes Highlight im ersten Halbjahr 2022 war der BVM Präsenz-Kongress: Endlich wieder eine echte Live Veranstaltung! Es war schön, die Branchen-Freunde ohne Zoom & Co. direkt sprechen zu können. Man spürte eine große Offenheit und auch, dass es allen so ging. Sehr betroffen macht mich allerdings, dass unsere ukrainischen Kolleginnen aus der IFAK Zweigstelle in Kiew ihre Heimat verlassen mussten und die männlichen Kollegen jetzt ihr Land verteidigen, statt Marktforschungsprojekte in Osteuropa zu managen.

Martina Winicker ist Geschäftsführerin des IFAK Instituts. Sie leitet seitdem den Geschäftsbereich Media & Communication und den Bereich der Sozialforschung.

 

Lesen Sie am 11. August die Ausblicke der Häuser auf das zweite Halbjahr.

Ein Wort noch zur Stichprobe: Angefragt für ein Statement wurden die zwanzig lt. Context-Liste 2021 größten deutschen Institute. Es ist nicht überraschend, dass die börsennotierten Institute außerhalb ihren Berichtszyklen kein offizielles Statement abgeben. Andere haben sich gemeldet, dass sie aktuell in Urlaub sind und es gerade nicht schaffen. Von daher ist die resultierende Auswahl der sieben Institute sicherlich nicht repräsentativ für die Top20. Dennoch liefern die Statement aber eine interessante Momentaufnahme.

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Kommentare (1)

  1. Marcel Heinrich vor 4 Tagen
    Vielleicht sollte man einmal darüber nachdenken, in der Marktforschungsbranche auf Institutsseite angemessene Gehälter zu bezahlen. Insbesondere die Einstiegsgehälter (unter anderem bei oben genannten Instituten) sind mitunter eine bodenlose Frechheit.

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