Das sagt Civey zur Beschwerde beim Presserat

Repräsentativität in der Diskussion

Nach der Beschwerde beim Presserat über FOCUS ONLINE wegen der Nutzung von Civey-Daten äußert sich das Berliner Start-up zu den darin erhobenen Vorwürfen. In unseren Beiträgen zu diesem Thema wird klar, wie weit die Meinungen hier auseinandergehen. Lesen Sie hier eine Stellungnahme und diskutieren Sie mit.

Wie erhebt man repräsentative Daten? Eine Beschwerde beim Presserat hat die Diskussion entfacht (Bild: mohamed_hassan - pixabay)
Wie erhebt man repräsentative Daten? Eine Beschwerde beim Presserat hat die Diskussion entfacht (Bild: mohamed_hassan - pixabay)


Am vergangenen Dienstag berichteten wir über die Beschwerde der Institute forsa, infas und der Forschungsgruppe Wahlen beim Presserat. Die Beschwerde bezog sich auf einen Artikel bei FOCUS ONLINE, der sich auf Daten aus einer Civey-Umfrage stützt. In der Beschwerde, die marktforschung.de vorliegt, stellen die Institute die Methodik des Berliner Start-ups in Frage und werfen dem Unternehmen vor, ein Befragungsdesign zu verwenden, dass "nicht geeignet ist,'repräsentative' Ergebnisse zu liefern."

Das sagt Janina Mütze, Gründerin und Geschäftsführerin von Civey, zu den Vorwürfen: 

Janina Mütze
Janina Mütze
"Die Daten von Civey sind repräsentativ. Unsere online-basierten Methoden zur Datenerhebung und –auswertung basieren auf Standards, die international längst anerkannt sind. Internationale Leitmedien setzen auf Daten, die mit Methoden vergleichbar derer von Civey erhoben werden. Wir schließen aus, dass unsere Daten schlechter sind als jene traditioneller Call-Center Institute. Das Gegenteil ist vielmehr anzunehmen.

Die Beschwerde vor dem Presserat durch forsa, der Forschungsgruppe Wahlen und infas ist ein Baustein eines immer aggressiveren Verhaltens, das wenig überraschend ist, da es dem typischen Verhaltensmuster von einstigen Marktführern, die einen entscheidenden Technologiesprung verpasst haben und auf überalterten Geschäftsmodellen basieren, entspricht. Es ist eine Bestätigung für die Gründer und Mitarbeiter von Civey, ein massives Problem in der Branche gelöst zu haben: Traditionelle Befragungsmethoden müssen sich mit immensen und steigenden Kosten bei gleichzeitig geringer werdender Erhebungsqualität auseinandersetzen. Das Erhebungsmodell traditioneller Call-Center Institute funktioniert nicht mehr. Die in dieser Woche bekannt gewordenen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen die Geschäftsführer der Forschungsgruppe Wahlen wegen des Verdachts, dass bei einem Tochterunternehmen, das als Call-Center Befragungen für die Forschungsgruppe Wahlen durchführt, Sozialabgaben nicht korrekt abgeführt wurden, unterstreicht diese Annahme. Auch für die persönlichen Ausfälle der Chefs von forsa und Forschungsgruppe Wahlen finden wir keine andere Erklärung. Man darf nicht überrascht sein, wenn die traditionellen Call-Center Institute ihr eigenes Diesel-Gate erleben. Civey prüft nach den jüngsten Ausbrüchen zum Schutz der eigenen Reputation und derer seiner Kunden juristische Schritte gegen Prof. Güllner und Matthias Jung."

In einem Kommentar stellt Holger Geißler hier bereits einige Fragen zu dieser Thematik.

Wie sehen Sie das? Ist diese andere Methodik eine überfällige Innovation oder kritisch zu sehen? Diskutieren Sie mit. Wir freuen uns auf Ihren Kommentar unter diesem Artikel.

Kommentare (10)

  1. Frank Lüttschwager am 09.10.2018
    Vielleicht sollte man die Diskussion etwas grundsätzlicher angehen:

    Es ist zwar noch ein paar Tage hin, aber im Mai findet wieder der Kongress der Deutschen Marktforschung statt. Auf diesem wird auch jedes Jahr ein Innovationspreis vergeben. Das wäre doch eine hervorragende Gelegenheit für Civey, mit einer Einreichung der dort verwandten innovativen Methode sich einer fachlich versierten Jury zu stellen und somit Zweiflern zu beweisen, dass die Erhebungsmethoden von Civey zu sinnvollen Ergebnissen führen.

    Besten Gruß
    Frank Lüttschwager
  2. Janina Mütze am 08.10.2018
    Sehr geehrter Herr Prof. Dierks,

    „Civey macht so ziemlich alles anders, als man es in Jahrzehnten empirischer Sozialforschung gelernt hat und nennt das innovativ.“

    Diese Aussage von Ihnen ist richtig. Die Methodik von Civey ist innovativ. Gerne stellen wir Ihnen diese in einem persönlichen Gespräch vor. Eine E-Mail zur Terminfindung schicken wir Ihnen heute noch zu. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie uns bei dieser Gelegenheit auch Einblicke in die schwarzen Kästchen der „etablierten“ Institute geben.

    Mit freundlichen Grüßen
    Janina Mütze
  3. Thomas Schäfer am 08.10.2018
    Sehr geehrte Frau Mütze,
    den Kollegen mit ihren Kommentaren ist weitgehend beizupflichten. Ich möchte ergänzen, dass die Branche wirkliche Innovationen, auch wenn sie nicht aus den eigenen Reihen stammte, immer annehmen konnte und angenommen hat. Das betrifft Erhebungsarten zum einen, aber auch technische Möglichkeiten und Ansätze wie DIY- / Plattform-Lösungen, ein sehr aktuelles Thema. Gelegentlich Akzeptanz mit etwas zeitlichem Verzug, aber immerhin. Ihr Rundumschlag ist (nachweislich) fehl am Platz ebenso wie die Vermengung von mgl. Straftatbeständen: Wenn Sozialabgaben nicht abgeführt werden, ist das nicht akzeptabel. Aber ob oder ob nicht, ist meiner Kenntnis zufolge für die Repräsentativität bzw. Qualität einer Stichprobe unerheblich. Komplett andere Baustelle.
    Mit freundlichen Grüßen. T. Schäfer
  4. Prof. Dr. Sven Dierks am 08.10.2018
    Die Stellungnahme Civeys ist keine Stellungnahme, sondern ein Rundumschlag unterhalb der Gürtellinie gegen etablierte Institute mit einem verschwörungstheoretischen Beigeschmack. Civey macht so ziemlich alles anders, als man es in Jahrzehnten empirischer Sozialforschung gelernt hat und nennt das innovativ. Kernelement ist ein schwarzes Kästchen (Gewichtung), über dessen Funktionsweise Civey alle im Unklaren lässt. Mich würde einmal eine Validierungsstudie interessieren, in der Civey-Ergebnisse mit Daten aus konventionellen Erhebungen verglichen werden. Und nach Möglichkeit sollte das nicht die "Sonntagsfrage" sein, deren Ergebnisse man ja locker anhand der laufend veröffentlichten Umfrageergebnisse anderer Institute gewichten könnte (wobei ich nicht behaupte, dass Civey das bei seinen Wahlprognosen macht).
  5. Stephan Teuber am 08.10.2018
    Eine merkwürdige Stellungnahme. Statt das neue Geschäftsmodell zu erklären und die vermeintliche Überlegenheit darzulegen, wird ein Modell, das auf allgemeinen, transparenten Grundlagen basiert, pauschal als überkommen diffamiert. Ein Argument für das neue Instrument ist sicherlich nicht, dass "internationale Leitmedien" auf dieses Modell setzen. Das spricht lediglich dafür, dass es sich leichter verkaufen lässt, aber nicht, dass es valider ist. Warum veröffentlicht Civey nicht seine Methodologie in transparenter Form, wie das in der Wissenschaft üblich und Gesetz ist? Warum sagt es nicht, nach welchen Kriterien und vor allem nach welchen Benchmarks es gewichtet? Nur das "Überkommene" für obsolet zu erklären, ohne das "Neue" zu erklären, es dabei jedoch zu beschimpfen, kann per se nicht überzeugen.
  6. Bernd R. am 05.10.2018
    Habe mir mal die Website von C. angeschaut: Teilnehmer suchen sich ihre Befragungen / Fragen anscheinend selbst aus und bekommen eine redaktionelle Einleitung in das Thema (aktuelles Beispiel auf der Website zum Thema "Spurwechsel": In der redaktionellen Einleitung ist von "gut integrierten Flüchtlingen" die Rede, im Fragentext nur noch von "abgelehnte(n), aber geduldete(n) Asylbewerber(n)".
    Es scheint ein Problem der Zeit zu sein, dass nicht mehr unterschieden wird zwischen Dingen, die prinzipiell funktionieren können (bevölkerungsrepräsentative Ergebnisse durch telefonische Befragungen), und Dingen, die prinzipiell nicht funktionieren können (bevölkerungsrepräsentative Ergebnisse durch selbstselegierte Onlineteilnehmer mit Suggestivfragen).
  7. Prof. Dr. Andreas Krämer am 04.10.2018
    Ich möchte jetzt nicht in das Thema Repräsentativität und Stichproben-Gewichtung gehen (das muss man auch tun) einsteigen, aber versuche das Thema einmal aus einer anderen Perspektive zu beleuchten. Wenn es Studienergebnisse gibt, die zu identischen Sachverhalten diametrale empirische Ergebnisse liefern, stellt sich schon die Frage der Glaubwürdigkeit der Marktforschung. Man muss sich nicht wundern, wenn Marktforschung insgesamt an Glaubwürdigkeit verliert, wenn das Gefühl der Beliebigkeit aufkommt.

    Es gibt eben nur die "eine" Wahrheit - und nicht mehrere. Dementsprechend wäre mein Vorschlag, dass die Perspektiven / Methodiken nebeneinander gehalten werden (dazu müsste man Transparenz erzeugen), um zu überprüfen, wer jetzt wirklich "repräsentative Daten" zur Verfügung hat. Vielleicht spielt der Presserat ja den "Ball" zurück zu den Marktforschern. Ich persönlich finde, dass man das Thema innerhalb der Profession klären sollte!
  8. Matthias Hallmann am 04.10.2018
    Wenn wir davon ausgehen wollen, dass Institute in Deutschland ADM-konform und nach fundierten Erhebungsmethoden forschen, ist innerhalb dieses Rahmens jede Vorgehensweise angemessen und dann sowieso richtlinienkonform .
    Markt- und vor allem Meinungsforscher, die von diesen Richtlinien abweichen, sollten genauer hinterfragt werden; das ist legitim und auch wichtig für die Reputation der gesamten Branche. Auch mich würde brennend interessieren, wie die Teilnehmerrekrutierung bei Civey repräsentativ für die wahlberechtigte, deutsche Bevölkerung sein soll. Aber auf ungeklärter Basis Beschuldigungen in den Raum zu stellen, wie es 'die drei' tun, widerspricht angemessener und sachlicher Argumentation.
    Übrigens schlage ich mich auch schon seit den 90ern damit herum, was die noch älteren Marktforscher für repräsentativ halten. Und damit widersprechen sie sich heute selbst, hiess es früher, dass das Internet nicht die Bevölkerungsstrukturen abbilde, was heute und schon lang die Telefonpenetration sicher nicht mehr kann.
  9. Florian Bauer am 04.10.2018
    Frau Mütze mag richtig liegen mit ihrer Einschätzung des Kontextes. Allerdings hätte ich mir als Betriebsmarktforscher und Auftraggeber etwas mehr inhaltliche Auseinandersetzung mit den erhobenen Vorwürfen gewünscht.
  10. Christian Loeb am 04.10.2018
    Ich finde es prima, dass SPD-Mitglied Güllner ab jetzt die Rohdaten und seine Gewichtungsfaktoren offenlegt, damit jeder sich überzeugen kann, dass die massiven Abweichungen seiner Prognosen nicht von seiner politischen Meinung herrühren.

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