Chinesischer Fahrrad-Boom 3.0

Chen Yiming, GIM China

Chinesische Städte erleben derzeit einen Fahrrad-Boom. Nachdem die Fahrräder in den vergangenen Jahren von den Autos deutlich verdrängt wurden, kehren sie seit etwa einem Jahr ins Straßenbild zurück. Immer mehr Menschen nutzen wieder ein Fahrrad, aber meist handelt es sich um ein geliehenes Bike.

(Bild: GIM)
(Bild: GIM)

Ich selbst bin das beste Beispiel. Seit Ende 2016 bin ich beim E-Bike-Anbieter Xqchuxing (享骑出行,  übersetzt heißt das: Rad-Spaß-Mobilität) angemeldet und habe den Dienst inzwischen fast 200 Mal genutzt. Durchschnittliche Fahrdistanz waren sieben Kilometer. Insgesamt habe ich dafür etwa 400 RMB (ca. 50 Euro) ausgegeben. Wie kam es, dass ich binnen kurzer Zeit ein Heavy User von Leihfahrrädern wurde?

Das hat etwas mit meiner Mobilitätssituation zu tun, die für viele Bewohner Shanghais typisch ist. Shanghai hat von allen chinesischen Städten sicher das fortschrittlichste öffentliche Nahverkehrsnetz.

  • Shanghai ist eine Stadt der Busse: Es gibt 1.545 Buslinien mit einer Länge von 25.200 Kilometern. Auf 87 Prozent des Stadtgebiets hat man innerhalb von 500 Metern eine Busstation (Quelle: amap.com, 2017 Q1 Major City Transportation Analysis Report).
  • Doch auch die Metro wird immer wichtiger: Es gibt 14 Linien mit einer Gesamtlänge von 617 Kilometern und 366 Metro-Stationen. Mehr als zehn Millionen Passagiere werden täglich befördert. Für die nächsten Jahre sind fünf neue Linien und die Verlängerung von vier bestehenden Strecken geplant (Quelle: baidu baike, Shanghai Metro).  

Gleichzeitig hat Shanghai, ähnlich wie andere Mega-Cities, sehr große Verkehrsprobleme (Quelle: Sina News Shanghai):

  • Die Anzahl der Privat-PKWs wächst und wächst: Derzeit sind knapp drei Millionen Privat-PKWs in der Stadt gemeldet, nachdem 2016 nochmals mehr denn je hinzukamen, nämlich 360.000.
  • Demgegenüber steigt die Zahl der Straßen jedoch kaum: Der Zuwachs betrug 2016 nur zwei Prozent und in den Stoßzeiten ist die Durchschnittsgeschwindigkeit auf den Hauptstraßen im Zentrum 18 km/h.

Ich, ein Heavy User von E-Bikes – warum? 

Um aber nun auf mich selbst und meine Situation als Shanghaier Verkehrsteilnehmer zurückzukommen:

  • Meine Frau und ich besitzen einen Volkswagen Lavida, den vor allem meine Frau nutzt. Sie fährt damit täglich zur Arbeit, diese befindet sich etwa 50 Kilometer von unserer Wohnung im Zentrum von Shanghai entfernt. Ich selbst fahre nur gelegentlich am Wochenende.
  • Mein eigener Weg zur Arbeit ist sehr kurz, da das Shanghaier Office der GIM im CBD (“Central Business District”) von Shanghai liegt und nur drei Kilometer von meiner Wohnung entfernt ist – eine perfekte Distanz zum Fahrradfahren also. Verglichen mit Bus oder normalem Fahrrad ist das E-Bike für mich die beste Lösung: Damit brauche ich nur zehn Minuten und es kostet lediglich zwei RMB pro Fahrt (25 Cent). Und die neuen E-Bikes machen das Fahren natürlich sehr bequem, kein Vergleich zu den traditionellen schweren und langsamen chinesischen Fahrrädern.
  • Ich bin absolut kein Fan der Shanghaier Metro. Meistens ist sie total überfüllt und die Luft ist noch schlechter als sonst in Shanghai.
  • Private Mitnahmedienste wie Uber oder Didi waren seit 2014 sehr beliebt. Inzwischen sind sie aber nicht mehr so billig, weil die Shanghaier Stadtregierung Ende 2016 entschieden hat, die regulären Taxis zu unterstützen und das private Taxi-Geschäft stark zu regulieren. Es dürfen nur noch Autos einer bestimmten Größe mitmachen, wenn Fahrer und Auto in Shanghai gemeldet sind. Durch diese Regeln sind 95 Prozent der Autos, die früher bei Uber und Didi mitfahren konnten, ausgeschieden. Entsprechend ist das Angebot drastisch gesunken und die Preise entsprechen inzwischen denen der regulären Taxis (Quelle: Website der Shanghaier Stadtregierung).


(Bild: GIM)
(Bild: GIM)

Kurz gesagt: Für mich sind die E-Bikes hinsichtlich Zeit, Kosten und eigener Energie das beste Transportmittel, das ich in der Stadt wählen kann. Ausgehend zum Beispiel von einem zehn-Kilometer-Trip (etwa von meiner Wohnung zu meinen Eltern): Mit dem Bus dauert es eine Stunde und kostet zwei RMB. Mit der Metro bin ich 45 Minuten unterwegs und zahle vier RMB (50 Cent), zusätzlich muss ich einen Kilometer laufen. Wenn ich Didi (der inzwischen Uber geschluckt hat) oder ein Taxi nehme, kostet es 40 RMB (5 Euro) und dauert 30 Minuten, per E-Bike sind es zwei RMB, dann benötige ich 45 Minuten. Fahrradfahren ist vielleicht nicht jedermanns Sache, aber an einem schönen Tag ist es mir tausend Mal lieber als die stickige Metro. Und mit einem E-Bike allemal.

So geht es offensichtlich sehr vielen anderen Menschen in Shanghai, wie es der jüngste Boom an Bike Rentals zeigt. Auch eine Studie, die Media Research durchgeführt hat, bestätigt mein individuelles Erleben. Als die drei wichtigsten Gründe, warum in chinesischen Großstädten so viele Fahrräder von Verleihen genutzt werden, kamen heraus:

1.    Sehr bequem, da man fast immer und überall Fahrräder findet und jederzeit zurückgeben kann;
2.    Erleichtert das allgemeine Verkehrschaos;
3.    Billiger als ein eigenes Fahrrad zu unterhalten;
Zusätzlich wird das Prozedere ungemein erleichtert durch die Nutzung und Zahlung per App. 

Die Fahrradverleih-Anbieter und ihr Geschäftsmodell 

In Shanghai gibt es zwei Sorten von Fahrradverleihen. Für Strecken zwischen drei und zehn Kilometern nehmen viele inzwischen ein E-Bike. Der Marktführer bei den E-Bikes ist Xqchuxing, die es seit 2015 gibt. Aktuell verfügt Xqchuxing in Shanghai über eine Flotte von 60.000 Miet-E-Bikes an 4.000 Stationen und mehr als 1 Million angemeldete Nutzer mit durchschnittlich 300.000 Fahrten täglich (Quelle: Netease News).

Die Nutzung von Xqchuxing ist simpel: Mit einer App ortet man die nächstgelegene Station von Bikes, dort entsperrt man das Bike dann, indem man mit dem Handy den QR-Code scannt, nach der Fahrt liefert man das Bike an einer der Stationen wieder ab und muss nur noch den Rückgabe-Button in der App drücken. Die Kosten werden vom Konto abgezogen, meist etwa zwei RMB pro Stunde. Mein Konto läuft, wie bei den meisten, über eine der mobilen Bezahl-Apps wie zum Beispiel Ali Pay oder WeChat Pay.

Für Strecken zwischen einem und drei Kilometern ist weiterhin das normale Fahrrad geeignet, einfach weil man es an jeder Ecke bekommt und wieder stehen lassen kann. Diese normalen Fahrradverleihe sind in den letzten zwei Jahren unglaublich geboomt. Ende 2016 gab es 28 Millionen registrierte Nutzer und die Zahl soll Ende 2017 vielleicht schon bei 200 Millionen liegen. Im März 2017 hatten alle Anbieter zusammen mehr als vier Millionen Fahrräder im ganzen Land am Start, davon etwa 70 Prozent in den vier größten Städten, Beijing, Shanghai, Guangzhou und Shenzhen. Die beiden Marktführer Mobike und OfO wollen zügig andere Märkte erobern, sowohl in China als auch im Ausland. Im Februar hat Ofo den Betrieb in Singapur aufgenommen und bereits 100.000 registrierte Nutzer gewonnen, die täglich 30.000 Fahrten machen (Quelle).

Der Wettbewerb zwischen den Anbietern ist inzwischen in vollem Gange. Alle haben den Fokus darauf, so viele gebrandete Fahrräder wie möglich in den Markt zu bringen. Das hat auch einen interessanten Effekt auf die chinesische Fahrradindustrie, die bei uns seit 120 Jahren sehr erfolgreich existiert. Die Hersteller müssen im Moment nicht darüber nachdenken, welche neuen Designs oder Techniken sie auf den Markt bringen, sondern die Fahrradverleihe sagen ihnen, was sie für sie produzieren sollen.

Nachteile des Verleih-Booms?

Als Nachteil der boomenden Fahrradverleihe wird derzeit vor allem diskutiert, dass Kinder unter 12 Jahren, die eigentlich nicht auf Autostraßen Fahrrad fahren dürfen, leichten Zugriff auf Bikes haben. Es gab schon verschiedene Unfälle, die die Gemüter sehr bewegt und zu Forderungen nach besseren Sicherheitsvorkehrungen geführt haben (Quelle: Sina News).

Das Thema Datenschutz ist in dem Kontext allerdings gar kein Problem bei uns. Die Nutzer der Fahrradverleihe sind sehr froh darüber, dass die Anbieter intensiv GPS-Daten der Räder sammeln, um so das Angebot an Fahrrädern und Standorten zu optimieren.

Positive Sicht des Sammelns von GPS-Daten

Hier bei uns in China macht sich keiner darüber Gedanken, dass mit seinen Fahrrad-Bewegungsdaten etwas Unerwünschtes oder gar Gefährliches gemacht werden könnte. Wenn man unter anderen Nutzern herumfragt, hört man auch nichts davon, dass etwa Werbung synchronisiert mit der eigenen Fahrradstrecke auf dem Handy erschiene. Mir ist das ebenfalls noch nie passiert. Im Gegenteil, viele würden es sogar begrüßen, interessante Infos über Geschäfte, die auf ihrer Strecke liegen, zu erhalten.

Im Moment geht es den Anbietern aber erst einmal darum, ihr Geschäft zu optimieren und sich am Markt zu behaupten, indem sie möglichst viele Fahrräder optimal über die Städte verteilen. Denn bei vielen ist das Business Modell derzeit noch darauf ausgerichtet, dass die Haupteinnahmen die Ersteinlagen der Nutzer in Höhe von 200-300 RMB (26-39 Euro) sind. Und die Nutzer entscheiden sich natürlich für den Anbieter mit dem besten Fahrradnetz.  

(Bild: GIM)
(Bild: GIM)
Datenschutz ist für uns Chinesen in diesem Kontext also von sehr geringem Belang. Das ist nicht überraschend, denn wir sind es gewohnt, in einem Land mit Zensur und Überwachung zu leben. WeChat wird zum Beispiel von uns allen genutzt, auch wenn jeder weiß, dass es vom Staat überwacht wird. Das allgemeine Mindset ist: "Ich bin ein Nobody und mache nichts Besonderes, also kann mir nichts passieren."

Wenn es um kommerzielle Datennutzung geht, wird etwas differenziert. Bei großen seriösen Firmen wie Tencent (WeChat), Alibaba, oder eben bei den großen Fahrradverleihen wie Mobike oder Ofo wird das akzeptiert. Wir gehen davon aus, dass die Daten für eine Win-Win-Situation gesammelt werden: Die Firmen wollen ihr Angebot verbessern und mit den zufriedeneren Kunden mehr Geld verdienen. Nur bei kleineren Firmen werden wir skeptisch, ob die Daten nicht zu illegalen oder für die Konsumenten schädlichen Aktivitäten genutzt werden. Aber insgesamt herrscht bei uns doch die Logik: Lass uns erst die Convenience genießen und dann machen wir uns Gedanken, ob es ein Problem dabei gibt.

Veröffentlicht am: 20.07.2017

 

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

Kommentare geben ausschließlich die Meinung ihrer Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht oder gekürzt zu veröffentlichen. Das gilt besonders für themenfremde, unsachliche oder herabwürdigende Kommentare sowie für versteckte Eigenwerbung.

Weitere Meldungen

Compensation Partner-Studie

So viel verdienen Beschäftigte ab dem 50. Lebensjahr

Wer studiert kann nachher mit einem höheren Gehalt rechnen. (Bild: geralt - pixabay)

16.08.2019 - Fach- und Führungskräfte jenseits der 50 bringen meist viel Berufserfahrung und Expertise mit. Doch zahlen Unternehmen auch entsprechend? In einer aktuellen Auswertung von Gehalt.de wurden die Einkommen von Beschäftigten über 50 Lebensjahren unter die Lupe genommen. weiterlesen

 
OmniQuest-Studie

Wohneigentum schafft Zufriedenheit

Knapp die Hälfte der Haus- bzw. Wohnungseigentümer hat eine Bestandsimmobilie gekauft. (Bild: Monkey Business - Adobe Stock)

16.08.2019 - Mehr als die Hälfte der Haus- bzw. Wohnungseigentümer sind sehr zufrieden mit ihrer aktuellen Wohnsituation. Bei Mietern ist die Zufriedenheit deutlich niedriger. Das sind Ergebnisse aus einer Studie von OmniQuest. weiterlesen

 
Top-Event

Agile Insights Summit 2019

16.08.2019 - Das Top-Event für Marketing & Insights Manager — Erfolgreiche Marken der digitalen Zeit und namhafte Experten teilen ihr Wissen am 25. + 26. September in Hamburg. Treffen Sie Top-Speaker für Agile Insights, Consumer Centricity, modernes Innovationsmanagement und neueste... weiterlesen

 
Personalie

Zwei Neuzugänge für Happy Thinking People

Matthias Busse als Senior Project Director und Mara Özütok, Project Executive

16.08.2019 - Happy Thinking People hat sich mit zwei neuen Mitarbeitern verstärkt. Mara Özütok wird als Project Executive agieren, während Matthias Busse als Senior Project Director im Unternehmen fungiert. weiterlesen

 
Auf Expansionskurs

Lucid eröffnet erstes Büro in Deutschland

Unternehmenslogo: Lucid

16.08.2019 - Der Software- und Sample-Anbieter Lucid führt seine globale Expansion fort und eröffnet mit Fabian Göing, früher bei Netquest und Research Now, ein neues Büro in Hamburg. weiterlesen

 
Über marktforschung.de

Branchenwissen an zentraler Stelle bündeln und abrufbar machen – das ist das Hauptanliegen von marktforschung.de. Unser breites Informationsangebot rund um die Marktforschung richtet sich sowohl an Marktforschungsinstitute, Felddienstleister, Panelbetreiber und Herausgeber von Studien, Marktdaten sowie Marktanalysen als auch an deren Kunden aus Industrie, Handel und Dienstleistungsgewerbe.

facebook twitter google plus