China Insight 3 Fragen an… Wutao Wen, Rheingold Institut

Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein

Mülltrennung ist seit Anfang Juli auch in China ein heißes Thema. China ist, nach den Vereinigten Staaten, der zweitgrößte Abfallerzeuger der Welt. Ab sofort versucht das Land des Lächelns, den Müll besser zu sortieren.

Senioren als freiwillige Mülltrennungs-Helfer in Shanghai (Bild: Carsten Kattau - Adobe Stock).
Senioren als freiwillige Mülltrennungs-Helfer in Shanghai (Bild: Carsten Kattau - Adobe Stock).

Wie muss man sich die Mülltrennung in China vorstellen? Welche Regeln erstellt die Stadt?

Wutao Wen: Die Abfall- und Recyclingregeln der Stadt traten zum 1. Juli in Kraft. Das ehrgeizige Ziel ist, vergleichbare Erfolge der Mülltrennung aus Ländern und Regionen wie Japan, Taiwan oder Deutschland nachzuahmen.
Doch die Bewohner Shanghais sind verwirrt, da die Regierung den Hausmüll mit Regeln zur Trennung belegt, die für die Chinesen nicht immer einfach zu beantworten sind. So wird Müll als nass, trocken, reyclebar und gefährlich kategorisiert, was nicht immer dem alltäglichen Verständnis entspricht. Beispiel: Feuchttücher werden als Trockenmüll definiert und die Schalen von Sonnblumkernen als Nassmüll. Die Fragen die sich stellen lauten "Handelt es sich um Trockenmüll oder Nassmüll?", "Ist der Müll recyclebar?", oder gar "gefährlich" bis "gesondert" zu entsorgen?
Bis zum nächsten Jahr werden die Verbrennung von Trockenmüll und die Behandlung von Nass- bzw. Biomüll (z.B. Küchenabfälle) voraussichtlich 27.800 Tonnen pro Tag erreichen, was etwa 80 Prozent der gesamten Abfallmenge der Stadt ausmacht. Nach dem Pilotprojekt in Shanghai sollen die Regeln auch in anderen chinesischen Großstädten durch- und umgesetzt werden.
Unternehmen und Organisationen, die gegen die neuen Regeln verstoßen, müssen mit einer Geldstrafe von 50.000-500.000 Yuan (ca. 6.250 bis 62.500 Euro) rechnen, während einzelne Straftäter eine Geldstrafe von 50-200 Yuan (bis zu 200 Euro) riskieren.

Wie reagieren die Chinesen darauf?

Wutao Wen: Die meisten Chinesen reagieren mit Humor auf die neue Verordnung zur Mülltrennung. Die Stadt Shanghai hat in den jeweiligen Wohnblöcken z.B. Senioren als freiwillige Mülltrennungs-Helfer engagiert, die sich mit dieser Tätigkeit ein Zubrot verdienen können.
Die Bewohner der Wohnblöcke bringen ihren Müll zu den Containern oder Müllbehältern und können sich von den "Mülltrennern" helfen lassen, ihren Müll korrekt zu trennen. Die Senioren fragen nach der Art von Müll, die die Bewohner bringen, "Was hast du für Müll?". Auf chinesisch und im umgangssprachlichen reduziert sich die Frage auf den Wortlaut "Was für Müll bist du?" (lacht).
Vorbild für die Mülltrennung ist Japan: obwohl es fast keine Mülleimer im öffentlichen Straßenbild gibt, sehen die Straßen wie "geleckt" aus, was einfach an der anderen Mentalität liegt. Japaner sind es gewohnt, ihren Müll mit nach Hause zu nehmen und dort, nach einem detaillierten Entsorgungsplan, zu entsorgen.
In China möchte man nun ebenfalls für die Umwelt tätig werden, ist sehr sensibilisiert für eventuelle Umweltverschmutzungen und informiert sich täglich. Gleichzusetzen mit dem Wetter (z.B. bei extrem verschmutzter Luft, verlasse ich mit meinem Kind nur kurz das Haus) und deren Vorhersagen beeinflussen die Mülltrennungsregeln den Alltag sowie das Verhalten der Chinesen.

Was heißt das für das Konsumverhalten und Marken?

Wutao Wen: In China ist seit ein paar Jahren von Consumption-Upgrade die Rede. D.h., Konsum wurde und wird nach wie vor nicht nur als Grundbedürfnis zur Selbstversorgung verstanden, sondern auch als eine Art Bereicherung zelebriert. Die Konsumenten genießen die reibungslose Infrastruktur und Annehmlichkeiten des grenzenlosen Markts. Mit dem Smartphone kann man in einer Großstadt wie Shanghai z.B. rund um die Uhr Essenslieferung genießen oder Produkte aus aller Welten bestellen.
Doch grenzenloser Konsum zeigt seine Wirkung in Müllbergen von Verpackungsmüll, Umverpackungen von Essenslieferung, aufwändigen Kartonagen sowie Verpackungen von Lieferungen aller Art. Den Müllbergen ist nicht mehr beizukommen. 
Nun fordert die Regierung eine aktive Auseinandersetzung mit dem Thema Müll. Den Konsumenten wird das Entsorgungsproblem, das seit Jahren in den Hintergrund getreten ist, massiv vor Augen gehalten.
Das führt zu neuen Anforderungen und Bedürfnissen. Die Konsumenten werden allmählich achtsamer und haben einen moralischen Anspruch. Frei nach dem Motto "Ich kaufe das, was mir wirklich gefällt.", "Ich kaufe das, was die Welt zu einem besseren Ort macht."
Hilfreich für Marken in China kann ein dementsprechendes Angebot zur Komplexitätsreduktion sein. Deutsche Marken haben da einen Vorsprung: In den Supermärkten können Batterien abgegeben und fachgerecht entsorgt werden, weiterhin stehen Plastik- und Papiertonnen bereit, um den Verpackungsmüll direkt, nach dem Einkauf, fachgerecht zu trennen.
 Mit kleinem Einsatz und entsprechenden, optischen Hilfestellungen, können Marken in China Vorreiter sein und von einer – auf den Konsumenten ausgerichteten – Unterstützung profitieren. Mülltrennung kann chic und hip sein, sie sollte sich für den Konsumenten nur leicht im Umgang anfühlen, z.B. über Hinweise auf den Verpackungen: Ich gehöre in die Tonne für "Nass-" oder "Trockenmüll".

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