China – ein großes digitales Wonderland

Chen Yiming, GIM China

Meine Frau und ihr Smartphone – mit maßvoller Nutzung hat das nicht viel zu tun. Ich würde sagen, dass sie etwa die Hälft der Zeit, die sie zuhause verbringt auf den riesigen Screen ihres iPhone 7 Plus starrt, mit Freunden chattet, online shoppt oder zumindest Produkte recherchiert, sich Filmchen aus dem endlosen Strom von Viral-Videos anschaut, News liest oder eben sonst wie in der ihrer digitalen Welt unterwegs ist. Und was soll ich sagen: all meine Freunde berichten von ihren Ehefrauen das Gleiche: wir müssen sie teilen mit Mister Smartphone!

2016 lag die Zahl der Internetnutzer in China bei 700 Millionen. (Bild: Jevanto Productions - fotolia.com)
2016 lag die Zahl der Internetnutzer in China bei 700 Millionen. (Bild: Jevanto Productions - fotolia.com)

Neulich abends sahen wir an der U-Bahn-Station ein großes Plakat, das Teil einer staatlichen Werbekampagne ist. Auf dem Banner ging es genau um dieses Thema: Eine junge Frau sitzt auf dem Bett und ist mit ihrem iPhone beschäftigt, während ihr Kind neben ihr sitzt und sagt: "Ich sitze neben Dir, aber Du siehst mich nicht." Meine Frau und ich schwiegen und ich glaube wir dachten beide: Hoffentlich passiert das unserem Kind nie. Allein: das Plakatmotiv spiegelt die chinesische Realität wider und legt den Finger in eine Wunde …

chinesisches Plakat: Smartphonenutzung (Bild: GIM)

Wie ich gleich anhand einiger Beispiele zeigen werde, ist die Digitalisierung in einem Land wie China mit seiner Milliardenbevölkerung, den großen Distanzen und den riesigen Städten wie eine Art sozialer, virtueller Kitt im Alltag. Gleichzeitig fangen wir aber ebenso wie die Menschen im Westen an, darüber nachzudenken, was der Siegeszug des Digitalen für unsere realen zwischenmenschlichen Beziehungen bedeuten wird.   

Smartphones und landesweites Internet 

Zunächst ein paar Fakten: Im Jahre 2016 hat die Zahl der Internetnutzer in China nach offiziellen Angaben 700 Millionen erreicht, davon 650 Millionen mobil. Das halbe Land hat inzwischen ein digitales Leben und dieser Trend ist unumkehrbar. Auch die Altersspanne wird immer größer. War der Altersdurchschnitt der Social-Media-Nutzer 2013 bei 29 Jahren, so liegt das Durchschnittsalter inzwischen bei 32. Dank der schnellen Verbreitung von Smartphones und der leichten Zugänglichkeit von mobilem Internet nehmen immer mehr Chinesen immer intensiver am digitalen Leben teil. Mobiles Internet ist bei uns in China ziemlich billig: Für 50 RMB monatlich (das sind ungefähr 7 Euro) bekommt man bei China Telecom zurzeit einen Handyvertrag, der Telefonieren, SMS und 2GB Datenvolumen inkludiert. Das ist auch für die einkommensschwächeren Schichten, die vielleicht in ihrer Wohnung keinen festen Internetanschluss haben, durchaus finanzierbar. 

"Internet Plus"

Das mobile Internet wird in China nicht nur viel genutzt für die weltweit gängigen Services wie Kommunikation, E-Commerce und Unterhaltung, sondern es hat bei uns auch eine enorme Bedeutung gewonnen im Bereich der Gesundheit, bei Behörden und Bildungseinrichtungen. Vielleicht muss ich Ihnen an der Stelle einen Begriff erklären, der bei uns seit ein bis zwei Jahren sehr geläufig, aber außerhalb Chinas gar nicht so bekannt ist: "Internet Plus" oder "Internet+" (Chinese: 互联网+, siehe: en.wikipedia.org/wiki/Internet_Plus). Dieses Stichwort wird bei uns viel verwendet und bezieht sich im Prinzip auf die Nutzung des Internets in traditionellen Wirtschaftszweigen außerhalb der IT-Branche. In Deutschland nennt man das "Industrie 4.0", in den USA "Industrial Internet".   

"Internet+Medical System" – Gesundheitsversorgung wird digital 

Bei der Gesundheitsversorgung ist es in China zum Beispiel ein Dauerthema, die riesige Bevölkerung, vor allem die schnell alternde Stadtbevölkerung, in einem staatlichen Gesundheitssystem mit knappen Ressourcen effizient zu versorgen. 

Hier werden an das Internet+ große Erwartungen gerichtet. Mit Hilfe von mobilem Internet, Wearables, Cloud Computing und Big Data soll die Versorgung optimiert werden. Und das System macht bereits große Schritte in diese Richtung. 

  1. Inzwischen ist es praktisch bei jeder staatlichen Gesundheitseinrichtung, also in jedem Hospital und bei jedem Arzt, möglich, Termine online zu vereinbaren und auch die Bezahlung dafür kann per App passieren. Damit das so reibungslos klappt, wurde die offizielle Website "Guahao" eingerichtet, die landesweit genutzt werden kann und inzwischen fast 150 Millionen Nutzer hat. Wobei die mobile Version, die App "WeDoctor" sogar noch beliebter ist. (Quelle: "Internet +" Medicine Research Report, iiMedia Research, 2015)
  2. Neben den staatlichen Gesundheitseinrichtungen gibt es in China ja auch ein wachsendes privates Angebot an Ärzten, vor allem im Bereich Zahnmedizin, Gynäkologie/Geburtshilfe und Pädiatrie. Hier existiert inzwischen auch Apps und Plattformen, die Informationen und Beratung bereithalten.
  3. Tele-Medizin
    Staatliche Einrichtungen bieten inzwischen auch Video- / Telefonberatung an, um den Druck auf die realen Praxen zu senken. Dieses Angebot wird aber noch nicht sehr gerne genutzt, da vielen noch das Vertrauen fehlt.
  4. Online-Apotheken (in China: Medical E-Commerce)
    Aufgrund der zahlreichen Skandale der vergangenen Jahre um gefälschte Medikamente hat man auch in Online-Apotheken weniger Vertrauen. Die Optionen existieren, werden aber kaum genutzt. Die Mehrheit der Chinesen bevorzugen Krankenhausapotheken.  

Das Feld von "Internet+Medical System" ist insgesamt sehr dynamisch und es ist zweifelsohne zu erwarten, dass sich findige chinesische Unternehmer in den nächsten Jahren hier zunehmend betätigen werden und es zu einer Ausdifferenzierung des Angebots beziehungsweise zu ganz neuen Angeboten kommen wird. 

Sehr beliebt: Digitale Fitness-Welten 

Viele Chinesen, gerade in den großen Städten, stehen finanziell sehr gut da und müssen sich nicht mehr nur der Befriedigung basaler materieller Bedürfnisse widmen. Und was passiert dann? Man hat Zeit und Muße, sich mit anderen Dingen zu befassen, zum Beispiel mit den neuen Idealen eines modernen Lebensstils: mit gesundem Lebenswandel, Fitness, Hobbies, Spaß am Leben. Und auch das findet nicht nur im realen Leben statt, sondern auch in der digitalen Welt, beziehungsweise gerade dort, nämlich mit der Hilfe von sozialen Medien. Denn es war in letzter Zeit zu beobachten, dass der neue gesunde Lebensstil für viele Chinesen höchst attraktiv war, sich aber auf den Erwerb von schicken Mitgliederkarten angesagter Fitness-Studios beschränkte. Man gehörte dazu, richtig abgenommen oder Muskeln aufgebaut hat dabei aber kaum jemand. Denn so ganz alleine macht der Workout eben doch keinen Spaß. Dann kam vor knapp zwei Jahren die App "KEEP" auf den Markt und das Land fing tatsächlich an zu schwitzen und zu sporteln. KEEP bietet Online-Kurse und individuelles Personal Training an. Als Teilnehmer kann man dann Statistiken erstellen, Fotos, Videos und Erfahrungen austauschen. Man fühlt sich auf jeden Fall nicht mehr als Einzelkämpfer, sondern als Teil einer aktiven Gruppe, mit der man sogar in einen gewissen Wettbewerb treten kann. Inzwischen hat die KEEP-Community 60 Millionen aktive User und die Nutzung ist ungebrochen. 

China digital – es gibt noch viele Trends zu beobachten  

Neben den digitalen Fitnesswelten gibt es in China natürlich noch viele andere Dienstleister mit digitalen Angeboten für den modernen Lifestyle: Diäten, Kunstkurse, Reisen und Socializen, all das hat auch bei uns in China digitale Pendants. Das sind alles mehr oder weniger Angebote, die das Internet in bestehende Dienstleistungen integrieren. Darüber hinaus gibt es auch digitale Anwendungen, die ein in China ganz neues Verhalten kreieren, wie etwa das System des bargeldlosen Bezahlens, das Car-Sharing, Bike-Rental-Applications oder andere Shared-Economy-Angebote. Das sind wirklich wichtige Trends im heutigen China, weshalb wir diesem Thema bald noch einen gesonderten Beitrag widmen werden.  

Die Herausforderung: digitale Optionen sinnvoll nutzen 

Kommen wir zum Schluss noch einmal auf unser Anfangsthema zurück: Muss man sich Sorgen machen, dass gerade die junge chinesische Generation "digital deformiert" und es dadurch soziale Probleme geben wird? Ich denke nein: Soziales Verhalten wird nicht von Technologie determiniert.

Ich denke allerdings schon, dass China sich in einer Ära der Informationsexplosion befindet und wir lernen müssen, damit umzugehen. Wir müssen lernen, wichtige von unwichtigen Informationen zu unterscheiden und wir müssen lernen, neue technologische Möglichkeiten in unserem Sinne zu nutzen und ihnen nicht ausgeliefert zu sein. Wenn wir das mobile Internet sinnvoll nutzen, dann eröffnet es sogar MEHR Möglichkeiten für unser soziales = reales Zusammenleben. Im Moment ist alles etwas im Umbruch, aber ich bin überzeugt, dass wir diese Herausforderungen meistern werden. 

Veröffentlicht am: 25.04.2017

 

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