Bürgerschaftswahl in Hamburg – So verlief das Rennen der Meinungsforscher

Wahlforschung

Für die deutschen Meinungsforschungsinstitute gibt es 2020 wenig Möglichkeiten, sich auszuzeichnen. Mit der gestrigen Bürgerschaftswahl in Hamburg fand die einzige Landtagswahl in diesem Jahr statt. Wie gut waren die Vorhersagen der verschiedenen Institute?

Der Wettstreit der Meinungsforscher
Der Wettstreit der Meinungsforscher (Bild von dreamtemp auf Pixabay)

Wahlen sind nicht nur das Hochfest der Demokratie, sondern auch die Stunde der Wahrheit für die teilnehmenden Meinungsforscher. Jedes Institut möchte die beste Vorhersage erzielen, um einen Beweis zu erbringen, dass die institutseigene Vorgehensweise aus Datenerhebung und Vorhersage die beste im Land ist. Ein regelrechter Wettbewerb ist entbrannt, der – wie in der Auseinandersetzung zwischen Civey und Forsa zu beobachten ist – äußerst ernsthaft geführt wird. 2020 ist für die deutschen Meinungsforscher ein Jahr mit nur einer Wahl. Und die fand gestern in Hamburg statt. Die Hamburger Bürgerschaft wurde turnusmäßig neu gewählt.

Wahlsieger waren die SPD mit 39 Prozent und Grüne mit 24,2 Prozent, Verlierer die CDU mit nur noch 11,2 Prozent und die FDP mit 5 Prozent.

Doch wie haben die Meinungsforscher mit ihren Vorhersagen abgeschnitten? Insgesamt erfreulich gut.

Die letzten Vorhersagen der Bürgerschaftswahl 2020
Die letzten Vorhersagen der Bürgerschaftswahl 2020

Der Sieg geht an die jüngste Umfrage

Die beste Umfrage - mit einer minimalen und beeindruckend geringen Abweichung von nur 2,02 (Summe der quadrierten Abweichung) - war auch die jüngste Umfrage. Durchgeführt von der Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF, veröffentlicht am 20. Februar, also nur drei Tage vor der Wahl. Das ist auch die einzige Umfrage, deren Feldzeit zumindest teilweise nach dem Attentat in Hanau am 19. Februar lag. Ob es deshalb einen Mobilisierungseffekt gab, der u.a. zu der höheren Wahlbeteiligung führte, kann vermutet werden.

Auf dem zweiten Platz findet sich eine Mixed-Mode-Erhebung (Online/Telefon) des Erfurter Institut Insa Consulere für die Bild-Zeitung, die bereits am 18. Februar, also vor dem Ereignis in Hanau, veröffentlicht wurde. Die Summe der quadrierten Abweichung ist hier mit 9,82 zwar deutlich höher, aber die Geschichte des Wahlausgangs wurde ebenso korrekt vorhergesagt. Dicht dahinter liegt Infratest Dimap – ebenfalls telefonisch erhoben – für die ARD mit einer quadrierten Abweichungssumme von 12,02. Das ist insofern erstaunlich gut, da die Umfrage bereits zehn Tage vor der Wahl, am 13. Februar, veröffentlicht wurde.

Reine Online-Umfragen deutlich dahinter, aber nicht so schlecht wie der telefonische Hamburg Bus

Im Vergleich dazu liegen die reinen Online-Umfragen des Berliner Instituts Civey und des Hamburger Trend Research Institut relativ weit weg. Civey unterschätzt die SPD deutlich und landet dadurch in der Summe der quadrierten Abweichungen bei 29,42. Die Vorhersage von Trend Research für Radio Hamburg, die bereits am 10. Februar veröffentlicht wurde, liegt ebenso weiter entfernt, weil sie die SPD bei lediglich 33 Prozent sah.

Es läge nahe, nun in die kritischen Töne gegenüber Online-Stichproben einzustimmen. Wäre da nicht die telefonische Umfrage der Universität Hamburg. Der Hamburg Bus 2020, durchgeführt vom Forschungslabor der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften mit einer Gabler-Häder-Stichprobe, der ebenfalls am 20. Februar – wie die Umfrage der FGW – veröffentlicht wurde, liegt mit einer Summe der quadrierten Abweichungen von 93,42 abgeschlagen auf dem letzten Platz in diesem Vergleich. Zum Verhängnis wurde dieser Vorhersage zum einen die deutliche Unterschätzung der SPD, aber vor allem die kräftige Überschätzung der Grünen: Vorhersagt waren 32 Prozent, letztlich erzielten die Grünen nur 24,2 Prozent.

Fazit: Was lernen wir aus den Vorhersagen für Hamburg?

Erfreulich ist, dass es gleich mehrere Vorhersagen gab, die den Wahlausgang der Hamburger Bürgerschaft annähernd richtig vorhergesagt haben. Das ist ein gutes Zeichen für die Branche.

Im Mittel liegen die telefonischen Erhebungen von FGW, Infratest Dimap und trotz des Hamburg Bus immer noch vor den beiden Online-Erhebungen (35,82 vs. 41,22). Insa landete mit einem Mixed-Mode-Ansatz eine solide Vorhersage.

Der Hamburg Bus arbeitete mit einer reinen Festnetz-Stichprobe aus eingetragenen und nicht-eingetragenen Telefonnummern. Mobile Anschlüsse wurden lt. Methodenbericht außen vorgelassen. Das könnte ein Grund sein, warum gerade diese telefonische Stichprobe zu einem anderen Ergebnis kam. Der Anteil der sogenannten Mobile-Onlys, d.h. Personen, die nur noch mobil zu erreichen sind, dürfte in Hamburg recht hoch sein.

Bei der Recherche der Umfragen fiel auf, dass die methodischen Informationen zu den Umfragen teilweise nur schwer zu finden sind. Bei der Veröffentlichung der Trend Research Umfrage auf den Seiten des Auftraggebers fehlt z.B. jeglicher Hinweis auf die Erhebungsmethode. Die Kollegen von Wahlrecht.de weisen für diese Umfrage eine Online-Erhebung aus.

 

Methodische Hinweise

Betrachtet wurde in der Analyse nur die jeweils jüngste Umfrage des jeweiligen Instituts, die entweder auf Wahlrecht.de oder bei Wikipedia veröffentlicht wurde. Zusätzlich wurde die Umfrage zur Bürgerschaftswahl in Hamburg von Civey in die Analyse aufgenommen. Umfragen, die vor dem 9. Februar, also 14 Tage vor der Wahl veröffentlicht wurden, wurden nicht in der Analyse berücksichtigt. Um die Abweichungen zu berechnen, wurde als Wahlergebnis die Vereinfachte Auszählung, die der Landeswahlleiter Oliver Rudolf am 24.2. bekannt gegeben hat, als Schätzer für das amtliche Endergebnis der Bürgerschaftswahl, verwendet. Geringe Abweichungen sind möglich.

Als Maß für die Abweichung der Umfragen wurde die Summe der quadrierten Abweichungen verwendet. D.h. sagt ein Institut die CDU mit 12 Prozent voraus, die CDU erzielt aber tatsächlich 10 Prozent, dann ist die Abweichung 2, im Quadrat 4. Größere Abweichungen fallen dadurch stärker ins Gewicht. Die quadrierten Abweichungen werden dann aufsummiert. Je kleiner die Summe ausfällt, desto näher war die Vorhersage am Wahlausgang dran.

hg

 

 

Veröffentlicht am: 24.02.2020

 

Kommentare (2)

  1. Hans A. Dethlefsen am 25.02.2020
    Sehr interessante und schnelle Aufarbeitung. Neben dem ...
    >> Zeitpunkt/Befragungszeitraum / der Abbildung der aktuellen Ereignisse, spielen
    >> Stichprobenansatz und z.T. damit verbundener Bias inkl. Korrekturen / Ausschöpfung
    >> Einflüsse der Erhebungs-/Befragungsmethode sowie
    >> das klassische Handwerkszeug der "pol. Gewichtung und "Mobilisierungsindex"
    eine wesentliche Rolle. Spannend, dass die schon fast veraltete telefonische Befragung unter professioneller Interviewerführung, aber auch die Mix- Methode (Tel./Onl.) sehr gute Ergebnisse produzieren. P.S.: Im Vgl. würde mich auch das Abscheiden von Civey und Forsa interessieren...
  2. Sebastian Götte am 25.02.2020
    Ein Grund für das schlechte Abschneiden der Uni-Befragung könnte auch sein, dass dort eher die politische Stimmung ausgewiesen wurde als eine Prognose auf den Wahltag. Im Report finden sich zumindest keine Hinweise, dass die Werte in irgendeiner Form gewichtet wurden (abgesehen von der Strukturgewichtung). Die drei führenden Institute haben hingegen bereits mehr oder weniger bewährte Prognoseverfahren. Aber schön zu sehen, dass es ein paar gute Vorhersagen gab!

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