Brexit: Bloß nicht investieren!

Der Brexit ist seit eineinhalb Jahren beschlossene Sache, aber wie er konkret umgesetzt wird, ist unklar. Vage Zukunftsaussichten machen den britischen Markt deshalb für viele deutsche Marktforschungs-unternehmen unattraktiv – und mancher hofft, dass sich internationale Aufträge mehr nach Kontinentaleuropa verlagern könnten.

 

Von Jörg Stroisch 

In seinem Gastbeitrag auf marktforschung.de sieht Edward Appleton von Happy Thinking People grob zusammengefasst keinerlei aktuelle Auswirkungen des Brexit auf die deutsche Marktforschungsbranche oder gar einen Rückgang von Marktforschung in Großbritannien. "Der Brexit scheint aus der heutigen Perspektive für die Marktforschungsbranche nicht so disruptiv zu sein: Existierende Business Modelle werden nicht auf den Kopf gestellt", konstatiert er.

Viele halten ohnehin nicht den Brexit für den Haupttreiber in der britischen Marktforschung. Großbritannien sei in den 80er-Jahren eine Drehscheibe für die Marktforschung in Europa gewesen, beschreibt zum Beispiel Stephan Teuber, Geschäftsführer bei der Gesellschaft für Innovative Marktforschung (GIM). "Das hat sich jedoch im Laufe der letzten anderthalb Dekaden geändert: In den anderen europäischen Märkten stiegen Kompetenzen und die Qualität der Marktforschung, gleichzeitig konnten britische Institute nicht mehr die Preise verlangen, die sie gewohnt waren", so Teuber. Den Brexit sieht er hier höchstens als einen Verstärker für einen ohnehin schon lang anhaltenden Trend. Großbritannien sei zwar einer der größten Markforschungs-märkte, "aber eher überversorgt mit Dienstleistern",sagt so auch Frank Knapp, Vorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Markt- und Sozialforscher (BVM).

Großbritannien verliert ohnehin schon seit Jahren an Bedeutung

Bernd Wachter, Vorstand bei psyma, unterstreicht die Hoffnung, dass sich internationales Geschäft vor allem aus den USA mehr nach Kontinentaleuropa verlagern wird, "von deutschen Instituten koordiniert, statt von den Briten". Eigentlich lassen alle Befragten mehr oder minder diese Hoffnung durchschimmern – und Stephan Urlings, Managing Partner bei rheingold und Leiter Team International konkretisiert das auch: Denn er beobachtet bereits heute "atmosphärische Effekte", wie er es nennt: "Wir stellen fest, dass die Zusammenarbeit mit britischen Partnern schwieriger geworden ist. Entscheidungen, in welche Richtung eine Studie gestaltet werden soll, werden häufiger aus politischen Gründen getroffen und nicht, weil es für den Kunden sachlich das beste ist."

Und sein Urteil ist hart: Mit seinem Institut sieht er mittelfristig keine Perspektive, auf den britischem Markt mit einer eigenen Zweigstelle aktiv zu werden: "Wenn uns derzeit ein ehemaliger Mitarbeiter aus London anrufen würde und uns anbieten würde, eine Dependance für uns aufzubauen, würden wir sagen: Lass‘ uns noch einmal in zwei, drei Jahren darüber sprechen." rheingold orientiert sich lieber nach China, eröffnet in Shanghai eine neue Dependance.

Vage Zukunftsperspektive für Großbritannien ist ein Problem

Kommt der harte Brexit oder doch nicht? Diese Frage treibt auch die deutschen Marktforscher um – und niemand kann in die Glaskugel schauen und dazu eine passende Antwort geben: "Entspannen sollte man sich nicht", sagt so auch Edward Appleton von Happy Thinking People: "Keiner weiß, wie die Verhandlungen ausgehen werden, ob wir am Ende doch einen "Hard-Brexit" samt "No Deal" erleben werden."

Die Auswirkungen eines harten Brexits könnten verheerend sein – für die Marktforscher selbst, aber auch für die Unternehmen, die sie beauftragen: Hohe Zölle vernichten dann Wirtschaftsideen. Und das ist auch genau der Grund, warum nicht nur Marktforschungsunternehmen im Umgang mit der britischen Insel eher in einer Warteposition sind. 

Stephan Urlings von rheingold: "Es sind weniger die knallharten wirtschaftlichen Fakten, die Großbritannien derzeit schwierig machen. Es sind mehr die weichen Faktoren: Dort ist alles derzeit sehr vage." Und "vage" ist alles andere als eine Investitionsempfehlung für das hart erarbeitete Geld. Kommt der  harter Brexit, würde er massiv Investments vernichten. Und die Angst davor wird durch die aktuellen politischen Entwicklung nicht unbedingt kleiner.

Geld zu verschenken hat am Ende des Tages niemand.

Kommentare (1)

  1. Jonathan Sheldrake am 05.01.2018
    Leider (aus britischer Hinsicht) hat Herr Wachter Recht. Aber London ist noch nicht als Drehscheibe der Marktforschung tot. Die Währung ist abgewertet, was heißt, dass Studien billiger werden. Auch hat man gelernt, dass Marktforschung außerhalb von London auch machbar ist (DJS, Research Bods). Das heißt auch, dass Marktforschung in GB nicht unbedingt teuer sein soll. Letztendlich bleibt Englisch die Weltsprache. GB wird sicherlich an Bedeutung verlieren, aber nicht als Marktforschungsdrehscheibe verschwinden.

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