Brexit: Alles auf Anfang

Die Entscheidung ist gefallen: die Briten verlassen die EU. Der Ausgang des Referendums wird weitreichende Auswirkungen haben: auf Großbritannien selbst, auf die Länder der EU sowie weltweit und nicht zuletzt auf das Selbstverständnis der EU.

Die Entscheidung ist gefallen: die Briten verlassen die EU. (Bild: anyaberkut - fotolia.com)

Die Entscheidung ist gefallen: die Briten verlassen die EU. (Bild: anyaberkut - fotolia.com)


Doch wie geht es nun weiter und vor allem welche Folgen sind für die Marktforschungsbranche zu erwarten? Die ersten Reaktionen ließen am Morgen nach der Nacht der Entscheidung nicht lange auf sich warten. Zunächst ging es am Devisenmarkt turbulent zu: Während sowohl der Euro als auch das britische Pfund stark nachgaben (das Pfund steht so schlecht wie seit 30 Jahren nicht mehr), legten Yen und Franken deutlich zu; beide Währungen gelten am Markt als sicherer Hafen und sind dementsprechend im Aufwind. Anders sieht es dagegen mit dem Dax aus, der heute Morgen zu Handelsbeginn zunächst um zehn Prozent einbrach. Auch die Aktien britischer Vertreter der Marktforschungsbranche sind betroffen. So verlor die WPP-Aktie zeitweise bis zu 5 Prozent, YouGov rund 3 Prozent.

Erste Stellungnahmen aus der Branche

Holger Geißler, Head of Research bei YouGov Deutschland, erwartet jedoch für YouGov Deutschland keine Auswirkungen. "Für die YouGov PLC wird es wahrscheinlich, wie bei anderen englischen börsennotierten Firmen, Auswirkungen auf den Aktienkurs geben. Das Thema Wechselkurse könnte ebenfalls Auswirkungen auf unser globales Ergebnis haben", führt er weiter aus. Er sieht zumindest kurzfristig nicht die Gefahr, dass UK seine führende Stellung als Europas größter Marktforschungs-Markt verliert. "Aber klar, wenn Headquarter aus London abgezogen werden, wird sich das auch auf die Mafo-Branche auswirken", fasst Holger Geißler abschließend zusammen.

Update mit einer Stellungnahme von Hartmut Scheffler, ADM:

"Der ADM nimmt das Ausstiegsvotum vor dem Hintergrund der erwartbaren wirtschaftlichen Konsequenzen einerseits und der Datenschutzthematik andererseits mit großem Bedauern zur Kenntnis. Angesichts aktueller Diskussionen (wann, wie, sogar 'ob'?) ist es unangemessen und viel zu früh, ein detailliertes 'Schnellschuss-Statement' abzugeben.

Zwei Aspekte dürfen aber als sicher und unerfreulich gelten:
Ein Brexit wird nicht nur in Großbritannien, sondern in der EU und global (nicht nur wegen der Zollthematik) zu reduziertem Wachstum führen. Da Marktforschung immer noch tendenziell prozyklisch vergeben wird, wird geringeres Wachstum mit niedrigeren Budgets für Marktforschung verbunden sein. Dies allein wird kein Krisenszenario begründen, nichtsdestotrotz ein realistisches und unerfreuliches Szenario sein.

Nicht nur weltweit, sondern auch in Europa und innerhalb der EU ist Datenschutz ein heterogener Flickenteppich aus unterschiedlichsten Regelungen gewesen. Die europäische Datenschutz-Grundverordnung verspricht hier deutliche Verbesserungen … Und nun dürfte, kaum ist die Datenschutz-Grundverordnung verabschiedet, die Gültigkeit für Großbritannien nicht mehr gegeben sein. Zu betonen bleibt, dass die Regelungen der Datenschutz-Grundverordnung für die EU-Länder und für Forschung (Datenerhebung, -verarbeitung etc.) von außerhalb der EU in den EU-Ländern gilt. Es wird sich zeigen, inwieweit das durch die europäische Datenschutz-Grundverordnung definierte Datenschutzniveau künftig auch in Großbritannien gilt. In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Server-Standortfrage wieder neu: Erste Anfragen in Richtung eines Server-Standortes 'Großbritannien' gibt es bereits.

Die nächsten Monate werden notwendige Konkretisierungen liefern. Aufmerksamkeit, Besorgnis wie konstruktive Gremienarbeit sind angebracht.

Stellungnahme von Jan Saeger, Global Director Communications
GfK SE:
"Wir gehen davon aus, dass sich nach einer Zeit der Verunsicherung – wie bei allen Veränderungen – die Wogen glätten und die Menschen und die Unternehmen Wege finden werden, mit der neuen Situation umzugehen. Internationale Unternehmen werden auch weiterhin grenzübergreifende Marktforschung benötigen.
Britische Unternehmen werden wahrscheinlich eine zeitlang risikoscheuer werten, so lange sie die wirtschaftlichen Auswirkungen des Ausstiegs auf die britische Wirtschaft noch nicht beurteilen können.
Wir sehen zwei mögliche Folgen:

  • einerseits den Druck, Budgets zu reduzieren, was einen negativen Einfluss auf die Marketing- und Marktforschungsausgaben haben kann,
  • andererseits müssen die Unternehmen die neuen Dynamiken verstehen. Das bietet auch Möglichkeiten für intensivierte Marktforschungsaktivitäten.

Wir beobachten die Situation also mit Blick auf beide Möglichkeiten genau, aber ein abschließendes Urteil über die konkreten Auswirkungen wäre verfrüht."

Die Reaktionen der Märkte sind wohl auch deshalb so heftig, weil im Vorfeld niemand so wirklich mit dieser Entscheidung gerechnet hat. Die Huffington Post hat die letzten Umfrageergebnisse in einer Übersicht veröffentlicht. Demzufolge sah lediglich TNS im Vorfeld die Brexit-Befürworter als Gewinner. Ein Kopf-an-Kopf-Rennen prognostizierten zwar alle Umfrageinstitute, aber eben überwiegend mit einem leichten Vorsprung der Bremain-Anhänger. Ein Umstand, der nun auch noch einmal die Wahlprognosegüte der Meinungsforschungsinstitute ins Rampenlicht stellen wird. Wobei für ein Referendum sicher noch andere Gesetzmäßigkeiten gelten als für eine Wahl.

Auswirkungen auf die Wirtschaft

Der Bitkom weist in einer ersten Stellungnahme daraufhin, dass es für Unternehmen schwer werden könne, wenn sich Großbritannien von den Standards des digitalen Binnenmarkts entfernen werde. Neben abweichenden Regelungen, die bürokratischen Aufwand mit sich bringen, werden international aufgestellte Unternehmen in Zukunft auch nicht mehr von der Arbeitnehmerfreizügigkeit profitieren können. Bitkom sieht deshalb weiterhin das Ziel, einen einheitlichen Rechtsrahmen beizubehalten. Ebenfalls große Auswirkungen befürchtet Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder auf den Datenschutz: "Die EU hat ihren Schutzschirm auch über britische Verbraucher ausgebreitet. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass dieser Schutzschirm zumindest teilweise eingeklappt wird." So verliere etwa die gerade erst verabschiedete Datenschutzgrundrechtsverordnung für Großbritannien ihre Gültigkeit. „Unternehmen, die ihre Zentralen in Großbritannien haben oder dort über Niederlassungen verfügen, werden davon betroffen sein – etwa wenn der freie Austausch zum Beispiel von Kundendaten eingeschränkt ist oder sie sich an unterschiedliche Verbraucherschutzrechte anpassen müssen“, so die Einschätzungen von Bernhard Rohleder.

Unklar ist, auf welchen Status Großbritanniens sich die EU in den nun anstehenden Verhandlungen einlässt. Denkbar sind verschiedene Modelle, die sich unterschiedlich auswirken würden. Im denkbar schlechtesten Fall gäbe es künftig kein Freihandelsabkommen und demzufolge auch keine Binnenmarktregeln mehr zwischen Großbritannien und der EU. Die dann existierenden Zölle würden sich in erster Linie für die Briten negativ auswirken, aber aus Sicht des ifo Institut zum Beispiel auch für deutsche Automobilunternehmen mit Produktionsstätten in Großbritannien die Kosten erhöhen. Die für beide Seiten zumindest wirtschaftlich gesehen günstigeren Modelle hätten entweder die Regelungen mit Norwegen oder der Schweiz zum Vorbild. Da die EU mit Blick auf die ohnehin politisch turbulente Situation in Europa schauen muss, welche Regelungen ihr langfristig schaden und zum Beispiel weitere Austritts-Referenden nach sich ziehen könnten, werden die kommenden Monate für alle Beteiligten äußerst spannend bleiben.

dr

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Veröffentlicht am: 24.06.2016

 

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