Auf zum Endspurt

Wahlforschung 2017

Mit der Nominierung von Martin Schulz als Kanzlerkandidat der SPD und damit als direkter Herausforderer von Angela Merkel war im Januar dieses Jahres der Wahlkampf zur Bundestagswahl 2017 inoffiziell eröffnet. In weniger als zwei Wochen wird dieser am 24. September zu Ende gehen.

(Bild: DOC RABE Media - fotolia.com)
(Bild: DOC RABE Media - fotolia.com)


Sah es Frühjahr mit dem “Schulz-Hoch“ noch nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen CDU/CSU und SPD um das Kanzleramt aus, konnten sich CDU/CSU im Laufe des Wahlkampfes deutlich von den Sozialdemokraten absetzen und ihren Vorsprung bis jetzt halten. Nun geht es in den letzten Tagen vor der Wahl für die Parteien noch einmal darum, die politische Stimmung in Bewegung zu setzen und möglichst viele Wähler von sich zu überzeugen.  

Der pollytix-Wahltrend gibt Orientierungshilfe im Wahlkampf

Einen Überblick über die politische Stimmung bietet der pollytix-Wahltrend. Dieser fasst die Ergebnisse der sogenannten “Sonntagsfrage“ von 10 Umfrage-Instituten zusammen und berichtet rückwirkend bis zur Bundestagswahl 2009 täglich das gewichtete Mittel aller in den 20 Tagen davor erhobenen Wahlumfragen zur Bundestagswahl. Dabei werden die kumulierten Daten sowohl nach Aktualität als auch Fallzahl gewichtet: Je aktueller eine Umfrage und je größer die Anzahl der Befragten, desto stärker fließt eine einzelne Umfrage in die Berechnung des gewichteten Mittels ein. Liegt das Ende der Feldzeit einer Umfrage mehr als 20 Tage zurück, wird sie nicht mehr berücksichtigt.

CDU/CSU mit deutlichem Abstand stärkste Kraft, 6 Parteien im Parlament

Die Daten des pollytix-Wahltrends zeigen unverkennbar die Vorreiterposition von CDU und CSU in der deutschen Parteienlandschaft. Mit 36,8% sind CDU/CSU rund eine Woche vor der Bundestagswahl deutlich stärkste Kraft und können die SPD weiterhin auf Abstand halten, die momentan auf 22,8% kommt und somit 14 Prozentpunkte hinter der CDU/CSU liegt. Bei den kleinen Parteien ist das Feld deutlich enger: Mit 9,9% hat die AfD einen knappen Vorsprung auf die Linke, die aktuell auf 9,5% kommt. Dicht dahinter reiht sich mit 8,9% die FDP ein. Schlusslicht bilden die Grünen, die nur auf 7,6% kommen. Mit großer Wahrscheinlichkeit werden damit im neuen Bundestag sechs Parteien (bzw. mit der CSU sieben Parteien) sitzen; so viele wie seit 1957 nicht mehr.

(Grafik: pollytix strategic research)
(Grafik: pollytix strategic research)

Endspurt um Platz 3

Der Zeitverlauf zeigte seit Juni wenig Bewegung. CDU/CSU lagen in den vergangenen Monaten konstant bei rund 38%, die SPD bei 24%. Beide Parteien verlieren aber auf der Zielgeraden leicht an Unterstützung und fallen im pollytix-Wahltrend jeweils rund einen Prozentpunkt zurück. Der Abstand zwischen den beiden bleibt stabil. Weder SPD noch CDU/CSU konnten das TV-Duell, YouTube-Interviews oder die altbekannten Info-Stände auf dem Marktplatz nutzen, um den Abstand zu verkürzen bzw. auszubauen.

Bei den vier kleinen Parteien Linke, AfD, FDP und Grünen scheint auf dem Schlussspurt noch einmal  wenigstens ein Hauch von Spannung einzutreten. Hatte die Linke im Hochsommer noch einen Vorsprung vor den anderen Parteien, spitzt sich das Rennen um Platz 3 immer mehr zu. Dabei sieht es danach aus, dass der Wettkampf vor allem zwischen AfD, Linke und FDP ausgetragen wird; die Grünen liegen hinter den drei Parteien zurück. Somit haben mit der AfD und der FDP zwei Parteien, die momentan gar nicht im Bundestag vertreten sind, die Chance, aus dem Stand als drittstärkste Kraft in den neuen Bundestag einzuziehen.

Jamaika rein rechnerisch als Koalitionsoption möglich

Höchstwahrscheinlich wird nach der nächsten Bundestagswahl keine Partei alleine regieren können, sondern eine Koalition aus mindestens zwei Parteien die nächste Regierung stellen. Der auf den Daten des pollytix-Wahltrends aufbauende Koalitionsrechner gibt an, welche Koalitionen momentan eine parlamentarische Mehrheit * besitzen beziehungsweise im Zeitverlauf besaßen.

(Grafik: pollytix strategic research)
(Grafik: pollytix strategic research)

 
Nach jetzigem Stand stehen die Chancen für die Weiterführung der Großen Koalition – zumindest rein rechnerisch – recht gut: Die Koalition aus CDU/CSU und SPD verfügt momentan von allen Koalitionsoptionen über die sicherste Mehrheit. Neben der Großen Koalition wäre aber auch eine Koalition aus CDU/CSU, Grünen und FDP theoretisch mehrheitsfähig, was auf Bundesebene ein Novum darstellen würde. Das Revival des Bündnisses von CDU/CSU und FDP ist zwar momentan rechnerisch noch nicht möglich, jedoch auch nicht unrealistisch, da die schwarz-gelbe Koalition derzeit nur knapp an der Mehrheit vorbeischrammt. Die anderen diskutierten Regierungsbündnisse R2G (SPD, Linke, Grüne) sowie die Ampel (SPD, FDP, Grüne) erreichen derzeit nicht die notwendige Mehrheit.

Es bleibt spannend, ob sich die politische Stimmung in den letzten neun Tagen vor der Wahl noch ändern kann. Kann die SPD noch eine Aufholjagd hinlegen? Wer gewinnt das Rennen um Platz 3? Da immer noch rund die Hälfte der Wähler unentschlossen ist, ist auf jeden Fall noch Raum da für Bewegung. Interessant wird auch sein, inwiefern die Optionen auf die Realisierbarkeit von Koalition den ein oder anderen Wähler zu einer strategischen Wahlentscheidung bewegen. In neun Tagen wissen wir mehr.

(*) Vereinfacht ausgedrückt ist die parlamentarische Mehrheit erreicht, wenn die Parteien einer bestimmten Koalition über die Mehrheit der Sitze verfügen. Da nicht alle Parteien über die 5%-Hürde kommen, liegt die Mehrheit nicht bei 50% der Wahlanteile, sondern darunter. Beispiel: Kommen sonstige Parteien insgesamt auf 4,5% der gültigen Stimmen, liegt die parlamentarische Mehrheit bei 47,75% [(100%-4,5%)/2].

Die Autoren:

Rainer Faus ist Gründer und Geschäftsführer der Forschungs- und Beratungsagentur pollytix strategic research. In den vergangenen zehn Jahren hat er in mehr als 20 Wahlkämpfen in Deutschland, Asien, Australien und Neuseeland mitgewirkt. Mit pollytix berät er unter anderem Unternehmen, Verbände sowie im derzeitigen Bundestagswahlkampf die SPD. 

Felicitas Belok ist Beraterin bei pollytix strategic research und auf Wahlforschung spezialisiert. Die studierte Politikwissenschaftlerin hat zuletzt die US-amerikanischen Vorwahlen für die deutsche Botschaft in Washington analysiert.

Veröffentlicht am: 15.09.2017

 

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