Arbeiten im "Norwegen Deutschlands"

Interview mit Marc Leimann und Florian Tress

Als Teil von Norstat Deutschland arbeiten Marc Leimann und Florian Tress für einen norwegischen Mutterkonzern. Welche speziellen Rahmenbedingungen diese Konstellation mit sich bringt und warum Bayern und Norweger sich gar nicht so sehr voneinander unterscheiden, berichten sie im Gespräch mit marktforschung.de.

Marc Leimann (li.) und Florian Tress (Bild: Norstat Deutschland)
Marc Leimann (li.) und Florian Tress sind als Managing Director und Marketing Manager für Norstat Deutschland tätig. (Bild: Norstat Deutschland)

marktforschung.de: Herr Leimann, Herr Tress, als Mitarbeiter der deutschen Tochtergesellschaft der Norstat Group sind Sie Teil eines international tätigen Marktforschungsunternehmens. An welchen Punkten in Ihrem Arbeitsalltag kann man diese Konstellation besonders spüren?

Marc Leimann: Diese Konstellation ist natürlich immer irgendwie spürbar. Einige Fragen werden in der Firmenzentrale beantwortet, andere Angelegenheiten können die Länder selbst entscheiden. Nehmen wir zum Beispiel unsere Onlinepanels: Qualitätsstandards – wie die aktive Rekrutierung – sind für alle Länder verpflichtend, bei der Panelpflege haben die Tochtergesellschaften dagegen weitgehend freie Hand. Auf diese Weise können wir uns optimal auf regionale Besonderheiten einstellen und natürlich auch von anderen Ländern lernen, was besonders gut funktioniert. Welche Maßnahmen sollten wir vielleicht auch einmal in Deutschland ausprobieren? Im Grunde ist also die Zusammenarbeit zwischen der Mutter und ihren Tochtergesellschaften recht verzahnt.

Florian Tress: Ich glaube, diese Verzahnung lässt sich auch schön an der Personalstruktur nachvollziehen. Organisatorisch gehöre ich ja gar nicht zur deutschen Tochtergesellschaft, sondern zur norwegischen Holding. Ich bin daher auch nicht ausschließlich für die Belange in Deutschland zuständig, sondern ebenfalls für die der anderen elf Länder. Und damit bin ich auch nicht alleine am Standort. Außer meinen beiden Kollegen im Gruppenmarketing sitzt noch ein Großteil unserer internationalen Panel-IT in München. Insofern ist der Mutterkonzern gar nicht so weit weg.

Zusammenarbeit zwischen München und Oslo

marktforschung.de: Sie haben die Verzahnung mit dem norwegischen Mutterkonzern bereits angesprochen. Wie kann man sich diese Zusammenarbeit generell vorstellen? Werden beispielsweise strategische Entscheidungen ausschließlich in Oslo gefällt oder kann Norstat Deutschland sein Schicksal weitestgehend selbst bestimmen?

Florian Tress (lacht): Marc, das musst Du beantworten. Ich würde natürlich sagen, dass die Zusammenarbeit durch und durch angenehm ist.

Marc Leimann:
Wie gesagt, die einzelnen Länder können grundsätzlich sehr eigenständig agieren. Vor allem, wenn die Budgetziele erreicht oder gar übererfüllt werden (lacht). Diese Eigenständigkeit entspricht sicherlich auch dem skandinavischen Ideal von flachen Hierarchien und Mitsprachemöglichkeiten. Auf der anderen Seite muss man sich natürlich trotzdem in vielen Sachfragen aufeinander abstimmen. Entscheidungen werden häufiger durch Konsens legitimiert, zum Beispiel im Rahmen eines gruppenweiten Country Manager Meetings – und es kann für deutsche Verhältnisse schon recht aufwändig und zeitraubend sein, bis eine Entscheidung getroffen ist. Am Ende ziehen bei solchen Entscheidungen jedoch alle am selben Strang, weil alle Meinungen Gehör gefunden haben und bestmöglich berücksichtigt wurden.

marktforschung.de:
Inwieweit arbeiten Sie mit den anderen internationalen Standorten der Norstat Gruppe zusammen? Finden neben dem angesprochenen Country Manager Meeting beispielsweise regelmäßig Treffen mit den Kollegen statt?

Marc Leimann: Wie gesagt finden regelmäßig Treffen der Country Manager statt, um sich in den großen Fragen aufeinander abzustimmen – in aller Regel einmal pro Quartal. Daneben gibt es immer wieder länderübergreifende Meetings für die einzelnen Fachbereiche wie Panelmanagement, IT oder Marketing. Ein Großteil der Kommunikation geht aber sicherlich digital, also über Messenger und Webkonferenzen vonstatten. 

Florian Tress: Das Münchner Oktoberfest ist natürlich auch immer wieder ein beliebter Zeitpunkt, um persönliche Meetings in München abzuhalten. Dieses Jahr haben uns zum Beispiel ein paar Panelmanager aus England und Norwegen besucht. Das ist natürlich nur ein Beispiel für persönliche Treffen. Aber auch grundsätzlich legen wir großen Wert auf den persönlichen Kontakt, einfach weil ein gutes Arbeitsklima die Zusammenarbeit viel einfacher macht.

marktforschung.de: Den Skandinaviern wird ja landläufig ein eher kühles und reserviertes Naturell nachgesagt. Können Sie dieses Vorurteil Ihrer Erfahrung nach bestätigen? Und wenn ja, wie verträgt sich dieses mit dem Charakter ihrer wahrscheinlich überwiegend bayerischen Mitarbeiter?

Marc Leimann: Kühl und reserviert heißt ja nicht humorlos. Der Humor ist manchmal vielleicht etwas trockener, kommt aber auch in einer skandinavischen Firma nicht zu kurz. Und dann kommt ein beträchtlicher Teil der Belegschaft, – mittlerweile sind wir ja rund 200 Mitarbeiter –, aus nicht-skandinavischen Ländern. Unsere Italiener oder Engländer sind alles andere als kühl und reserviert.

Florian Tress: Das stimmt! Und tatsächlich sind gerade wir Deutschen den Norwegern ähnlicher, als viele denken. Ein Kollege hat es einmal so auf den Punkt gebracht: "Bayern ist das Norwegen Deutschlands!" Sowohl Bayern als auch Norweger möchten manchmal gerne den Ton angeben und legen viel Wert auf ihre Eigenständigkeit. Gleichzeitig gibt es in beiden Kulturen aber auch dieses "gemütliche" Element, bei dem man den lieben Gott einfach einen guten Mann sein lässt. Insofern harmonieren Bayern und Norweger eigentlich super.

Wie München als Standort punkten kann

marktforschung.de: Bevor aus Ihrem Unternehmen im Jahr 2013 Norstat Deutschland wurde, war es viele Jahre lang eigenständig als ODC Services GmbH in München tätig. Wie kam es dazu, dass sich ODC Services nach der Gründung im Jahr 2005 ausgerechnet in der bayerischen Landeshauptstadt angesiedelt hat?

Marc Leimann: Am niedrigen Gewerbesteuer-Hebesatz liegt es jedenfalls nicht (lacht). Spaß beiseite! Wie so häufig hat es etwas damit zu tun, dass der Gründer und erste Geschäftsführer der Firma aus München kam. Und München hat als Großstadt natürlich alles, was es benötigt, um als Online-Felddienstleister erfolgreich sein zu können.

marktforschung.de: Ob als ODC Services oder Norstat Deutschland: Mittlerweile ist Ihr Unternehmen über 10 Jahre in München ansässig. Haben Sie in dieser Zeit bestimmte Vor- oder Nachteile des Standorts München festgestellt?

Marc Leimann: Es ist gut, dass München eine Universitätsstadt ist. Das macht die Talentsuche für uns leichter. Und dann hat München natürlich auch einen einzigartigen Freizeitwert: die Seen und Berge im Umland oder die Parks, Biergärten und Museen in der Stadt. Mit diesem Angebot im Rücken fällt es auch unter der Woche viel leichter, Höchstleistungen zu bringen.

Florian Tress: Auf die Marktforschung bezogen ist natürlich alleine schon die jährliche Messe ein riesiger Vorteil von München. Das erleichtert die Kontaktpflege mit Kunden und Lieferanten ungemein. Nicht zu vergessen, dass München auch geographisch perfekt liegt, um vom Standort aus auch Österreich und die Schweiz mit zu betreuen.

marktforschung.de: Sie sind mit Norstat Deutschland ja vor allem im Feld der Onlinemarktforschung tätig. Wie stellt sich München insbesondere in diesem Bereich dar und welche Zukunftsperspektiven sehen Sie am aktuellen Standort?

Marc Leimann: Man möchte ja eigentlich fast meinen, dass der Standort bei einem Online-Unternehmen kaum eine Rolle spielt, weil man ja grundsätzlich überall ins Internet gehen könnte. Das entspricht aber nicht unserer Erfahrung. Es benötigt immer ein gewisses Milieu, in dem Ideen gesponnen werden und man sich gegenseitig inspiriert. Grundsätzlich hat München zwar sicherlich noch etwas Nachholbedarf gegenüber den großen "Ideenschmieden" Hamburg und Berlin, insbesondere was Produktinnovationen in der Onlinemarktforschung betrifft – aber nicht zuletzt deshalb unterstützen wir ja auch immer sehr gerne die Research Plus-Abende der DGOF und freuen uns über den fachlichen Austausch.

Das Interview führte Thorsten Treder.

Veröffentlicht am: 19.10.2016

 

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