Brexit-Abstimmung: Schlecht, aber kein Desaster für die Branche

Entscheidung in London

Das britische Parlament hat sich sehr deutlich gegen einen Brexit-Deal mit der EU ausgesprochen. Die möglichen Szenarien sind ungestüm und alles andere als beruhigend. Direkte und massive Auswirkungen auf die Marktforschungsbranche sehen viele Akteure aber nicht.

Ort der Entscheidung: London (Bild: ID 12019 - Pixabay)
Ort der Entscheidung: London (Bild: ID 12019 - Pixabay)

 

von Jörg Stroisch

Zwischen Mitleid und knallharter Kritik an der britischen Politik pendeln derzeit die Kommentare, die im Web rund um die gestrige Abstimmung im britischen Parlament zu lesen sind. Kommt es zu Neuwahlen? Wird das Austrittsdatum verschoben? Kommt es zu einem neuen Referendum? Wird es gar einen harten Brexit ohne Vertrag geben? Das Szenarium des harten Brexits, welches zumindest in weiten Teilen Kontinentaleuropas als das schlechteste angesehen wird, ist mit dem gestrigen Tag wahrscheinlicher geworden. Was wird? Eine Prognose darüber gleicht allerdings einem Blick in die Glaskugel.

Gut zweieinhalb Jahre ist es her, dass die Briten in einem Referendum den Brexit beschlossen haben. Und auch die Marktforschungsbranche muss sich seitdem auf unsichere Zeiten einstellen. Zumindest direkte Auswirkungen auf die Branche sind laut ADM-Vorstandsvorsitzenden Bernd Wachter aber "aktuell nicht erkennbar". Dennoch: "Veränderungen bringen Verunsicherungen."

Er befürchtet, dass diese Verunsicherung auch in der Marktforschungsbranche zu einem verlangsamten Wachstum und erst einmal eingefrorenen Budgets führen könnte. "Je weicher und geregelter der Brexit ausfallen wird, umso niedriger wären natürlich auch die Auswirkungen auf alle Länder in der Europäischen Union und somit auch auf die Markt-, Meinungs- und Sozialforschungsbranche", so Wachter.

Auswirkungen für den britischen Markt

Und für einen harten Brexit gilt für ihn als sicher, dass es die Marktforschungsbranche in Großbritannien selbst stark treffen wird - was vielleicht auf der anderen Seite auch Chancen für Deutschland eröffnet: "Deutschland könnte nach dem Brexit als Hub für internationale Projekte genutzt werden. Eine Rolle, die in der Vergangenheit eher von Unternehmen in Großbritannien denn von deutschen Unternehmen übernommen wurde", so Wachter.

"Die Institutspartner in UK, mit denen wir fast alle arbeiten, wird es wohl auch nach Brexit weiterhin geben", denkt zumindest Edward Appleton, Director Global Marketing von Happy Thinking People. "Eine Welle von Brexit-bedingten Mafo-Insolvenzen erwarte ich auf der Insel nicht", so Appleton. Allerdings vermerkt er auch eine "steigende Unsicherheit", die Betroffenheitsebene sei dort "eine Stufe höher". Konkurrenzdruck nehme zu, "der Wind weht dort kälter".

Auswirkungen für Deutschland

Allerdings sei der britische Markt aus deutscher Sicht zwar ein großer Mafo-Markt, aber eben nur einer von vielen. Zudem sei die Marktforschung als Industrie nicht wirklich global - vielmehr ein globales Patchwork von lokal vernetzen Instituten. Die hiesige Abhängigkeit sei daher begrenzt. "Von Systemrelevanz würde ich nicht sprechen", so Appleton über die Bedeutung des britischen Marktes im generellen.

Auch Stephan Urlings, Managing Partner bei rheingold und Leiter Team International, sagte schon vor einem Jahr auf marktforschung.de: "Wenn uns derzeit ein ehemaliger Mitarbeiter aus London anrufen würde und uns anbieten würde, eine Dependance für uns aufzubauen, würden wir sagen: Lass' uns noch einmal in zwei, drei Jahren darüber sprechen." rheingold orientiert sich lieber nach China.

Unterschiedlicher Regelungsrahmen könnte zu Problemen führen

Ganz konkret sieht Bernd Wachter vom ADM zumindest administrative Aufgaben auf deutsche Unternehmen zukommen. Wenn die Server nämlich in Großbritannien stationiert seien, würde es hier zu Anpassungen kommen, denn nach dem Austritt gelte die gerade eingeführte Datenschutzgrundverordnung nicht mehr für das Land - und Großbritannien wäre als Drittland zu behandeln.

"Es wäre zu hoffen, dass es nach wie vor ein gleiches Regime hinsichtlich Verbraucherschutz gibt", sagt Frank Knapp vom Branchenverband BVM gegenüber marktforschung.de "Für international tätige Unternehmen ist es natürlich immer einfacher, wenn man nicht prüfen muss, in welchem Land unter Umständen abweichende Regelungen vorliegen", so Knapp. In Bezug auf die DSVGO geht er aber davon aus, dass sich Großbritannien an die EU-Regeln wird anlehnen müssen, allerdings zum Beispiel bei der geplanten E-Privacy-Verordnung müsse man beobachten.

Wachter mahnt seine Branchenkollegen auch dazu - ob harter oder weicher Brexit - intensiv Know-How in Bezug auf Zollanmeldungen, aktuelle Verträge und Abläufe sowie Softwaresysteme und Serverstandorte aufzubauen.

Herausforderungen für die Branche sind ohnehin groß

Dabei befindet sich die Branche ohnehin in einem Umbruch: Nicht zuletzt die Diskussionen um WPP, die Veränderungen bei der GfK oder auch die Verkaufs- und Aufspaltungsgerüchte rund um Nielsen sorgen für Unruhe.

Aber auch generell gilt: "Der Brexit ist nur einer von vielen Faktoren, die das Wirtschafts- und Investitionsklima 2019 beeinflussen, wie zum Beispiel der schwelende Handelsstreit zwischen China und USA, oder verschiedene Geschäftsklimaindikatoren und Börsenbewegungen", so Appleton. "In der Marktforschung sind das vorrangig Aspekte wie Künstliche Intelligenz oder Automatisierung von Prozessen, die unsere Branche global durchrütteln."

Er fordert seine Kollegen in Deutschland auf, hier mehr die kollektive Stimme in globalen Foren zu erheben, sich stärker auf internationalen Konferenzen zu präsentieren, auch mehr englischsprachige Fachartikel zu verfassen, eben die Macht als immerhin drittgrößter Marktforschungsmarkt weltweit zu nutzen und auszubauen.

So gesehen ist die britische Krise vielleicht auch wirklich eine Chance für die deutsche Marktforschung: eben hin zu mehr auch intellektueller Präsenz im englischsprachigen Raum. Zumindest Appleton setzt hier - auch ohne Brexit - aber einen bewussten geografischen Fokus: Weg von Großbritannien und hin zu den USA.

Veröffentlicht am: 16.01.2019

 

Kommentare (1)

  1. Jonathan Sheldrake am 17.01.2019
    Hoffentlich kann ich als Brite, der auch in Deutschland gearbeitet hat, eine Meinung dazu geben. Die Abwertung des Pfundes wird sicherlich hindern, dass deutsche Marktforschungsfirmen alle Projekte von britischen Firmen übernehmen werden . Auch soll man in Betracht ziehen , dass hierzulande die Institute in Nordengland immer an Bedeutung gewinnen. Solche Institute können ein sehr gutes Preis-Leistungs Verhältnis anbieten, noch besser als die Institute in London. Auch wenn ich die Lage der Industrie in Deutschland verstanden habe, herrscht dort ein Mangel an Personal. So was existiert in Großbritannien nicht. Letztendlich bleibt Englisch die Weltsprache, was als grosser Vorteil in der Vergangenheit sich erwiesen hat. Also Deutschland hat die Chance seinen Marktanteil zu verbessern, aber so schlimm ist die Zukunft der Branche in UK nicht, egal was mit dem Brexit passiert. Zumindest meine Meinung nach.

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