„Wir hören von einigen Instituten von vielen Schwangerschaften und erwarten einen kleinen Corona-Babyboom.“

Interview mit Birgit Bruns, BBRecruiting Personalberatung

Viele erfahrene Marktforschende sind aufgrund der Schließung von Institutsstandorten aktuell auf dem Markt verfügbar, so Personalberaterin Birgit Bruns von BBRecruiting. Demgegenüber steht - so die Expertin - aber nach wie vor eine große Nachfrage nach erfahrenen Marktforschern – aus den unterschiedlichsten Gründen.

Birgit Bruns sieht einen Corona-Babyboom auf die Marktforschungsbranche zukommen (Foto: BBRecruiting)
Birgit Bruns sieht einen Corona-Babyboom auf die Marktforschungsbranche zukommen (Foto: BBRecruiting)

Frau Bruns, wie ist Ihre Sicht auf den Arbeitsmarkt in der Marktforschungsbranche aktuell?

Birgit Bruns: Es gibt einige grundlegende Trends in der Marktforschung, die natürlich auch Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt in der Branche, insbesondere bei den Instituten, haben. Durch Corona arbeiten zunächst einmal fast alle Instituts-Marktforscher derzeit vom Home-Office aus. Für diejenigen, die Kinder haben, kann dies mit erschwerten Arbeitsbedingungen einhergehen.

Darüber hinaus gibt es seit Jahren den Trend zur Digitalisierung. Befragungen finden aktuell fast ausschließlich online statt. Nimmt man diese beiden Trends zusammen, so stellt man fest, dass die Notwendigkeit in einem Büro physisch anwesend zu sein an Bedeutung abnimmt. Arbeitsangebote werden somit tendenziell ortsunabhängiger. Davon profitieren Arbeitgeber und Arbeitnehmer gleichermaßen.

Gibt es nicht gerade durch die Schließung der Kantar- und Ipsos-Standorte ein Überangebot an erfahrenen Marktforschern?

Birgit Bruns: Das ist richtig. Es sind aktuell viele erfahrene Marktforschende auf dem Markt und suchen nach neuen beruflichen Herausforderungen. Wir beobachten zudem auch neue Marktteilnehmer auf Institutsseite, die sehr erfahrene Mitarbeiter für sich gewinnen wollen.

Wir hören von einigen Instituten von vielen Schwangerschaften und erwarten einen kleinen Corona-Babyboom. Trotz inzwischen verbesserter Klein- und Kleinstkinder-Betreuungsmöglichkeiten fällt die Arbeitskraft zumindest zeitweise weg und diese gilt es zu ersetzen.

Darüber hinaus gibt es trotz Corona Marktforschungsinstitute, die stark wachsen und weiter munter einstellen. Last but not least führt die zunehmende Digitalisierung zu mehr Daten, die die Wirtschaft nutzen kann und für die Personen benötigt werden, die Big Data strukturieren und analysieren können. Deshalb ist unsere Einschätzung, dass es im Einzelfall vielleicht etwas Zeit in Anspruch nimmt eine neue berufliche Herausforderung zu finden, aber dass letztendlich der Markt diese hochkarätigen Menschen benötigt.

Wie stellt sich der Markt aus Sicht der Bewerber aktuell dar?

Birgit Bruns: Generelle Aussagen zu treffen ist hier schwierig. Bewerbern würde ich dazu raten, sich zu fragen, ob sie sich bei ihrer aktuellen Tätigkeit persönlich und beruflich weiterentwickeln. Ist das nicht der Fall sollten zunächst intern Chancen weiter ausgelotet werden. Kommt man dennoch zu dem Ergebnis, dass eine Weiterentwicklung nicht wie gewünscht möglich ist, kann geprüft werden ob andere Arbeitgeber solche Chancen bieten.

Der Kontakt zu einem erfahrenen Personalberater, der die Branche gut kennt, kann dabei sehr hilfreich sein.

Ist der „War for Talents“ gerade im Waffenstillstand?

Birgit Bruns: Der „War for Talents“ wird uns weiter begleiten. Die künftige Entwicklung der Marktforschungsbranche ist u.a. von den zusätzlichen Möglichkeiten durch die Digitalisierung abhängig. Hierzu muss man wissen, dass es allein in Deutschland ca. 20.000 Programmierer zu wenig gibt. Dazu kommt, dass jede Stellenbesetzung von vielen verschiedenen Faktoren abhängig ist. Dazu gehören beispielsweise Berufserfahrung, Berufsfeld, Gehalt, Arbeitsort und Zusatzleistungen. Unsere Aufgabe als Recruiter ist es in Anbetracht solcher Faktoren die dazu passenden Kandidaten zu finden.

Viele Institute haben das Thema KI auf die Agenda gesetzt. Wie schafft man es als Institut KI-Spezialisten zu sich zu lotsen? Oder ist das aussichtslos, weil alle Unternehmen diese gerade suchen?

Birgit Bruns: Tatsächlich widmen sich aktuell viele Unternehmen dem Thema Künstliche Intelligenz. Entsprechend werden viele Spezialisten in diesem Feld gesucht. Zunächst gilt es, die eigenen Anforderungen an solche Spezialisten genau zu definieren. Die Suche nach den passenden Kandidaten kann sich im Einzelfall zeitaufwändiger gestalten als gedacht. Hier gilt es genau herauszufinden, welches Arbeitsumfeld für die Kandidaten wichtig ist. Wir stellen zum Beispiel immer wieder fest, dass hier Home-Office recht weit oben auf der Wunschliste der Kandidaten rangiert und dass sie gern möglichst ortsunabhängig arbeiten. Kann man dies als Arbeitgeber anbieten, hat man bereits einen Vorteil gegenüber den Mitbewerbern am Arbeitsmarkt.

Da die Suche nach KI-Spezialisten zeitintensiv sein kann, muss man sich auch ehrlich fragen, ob man intern über die notwendigen Ressourcen, wie Erfahrung und Zeit, für eine solche Stellenbesetzung verfügt. Ist dem nicht so, ist es ggf. hilfreich eine versierte Personalberatung um Unterstützung zu bitten.

Sie waren letztes Jahr bereits Sponsor und Mitglied in der Jury des ersten Start-up Online-Pitch. Was würden Sie den Pitch-Teilnehmern als Tipps mit auf den Weg geben wollen? Worauf sollten die Kontrahenten besonders achten?

Birgit Bruns: Den Pitch-Teilnehmern muss bewusst sein, dass sie sich in einem extrem kompetitiven und kommunikativen Wettbewerb befinden. Gesucht wird die neue überzeugende Idee. Ihr Wettbewerbsvorteil muss dafür exakt und zugleich verständlich auf den Punkt gebracht werden. Eine Trockenübung vor (Online-) Publikum vor dem Wettbewerb kann hilfreich sein.

Ein Jahr Corona-Krise, ein Jahr Kontaktverbote und Lockdown: Wie hat sich die Pandemie auf Ihren Arbeitsalltag und ihr Geschäft ausgewirkt? Was ist schwieriger geworden, was ist leichter gewesen?

Birgit Bruns: Es hat sich für uns eine Menge verändert. Gleich mit dem ersten Lockdown haben Kunden laufende Projekte, für die wir bereits viel Vorarbeit geleistet hatten, auf Eis gelegt. Wir konnten die Arbeit daran ein Jahr später, also erst jetzt, wieder aufnehmen. Auch fehlte uns im vergangenen Herbst die Messe „Research & Results“, wo wir jedes Jahr wieder Klienten und Kandidaten getroffen haben. Unser Geschäft ist digitaler geworden. Vorstellungsgespräche finden fast ausschließlich per Video-Call statt. Sogar Einstellungen werden digital vorgenommen – ohne dass sich die Beteiligten jemals physisch gegenübergesessen haben.

Aber es gibt auch einen großen Vorteil für uns als Personalberater: Dadurch, dass unsere Kandidaten derzeit weitestgehend vom Home-Office aus arbeiten sind diese für uns wesentlich besser erreichbar geworden.

Birgit Bruns, BBRecruiting Personalberatung

Zur Person: Birgit Bruns besetzt als Personalberaterin, seit mehr als zehn Jahren, Stellen für Fach- und Führungskräfte bundesweit. Ihre Schwerpunkte liegen in den Bereichen Marketing und Vertrieb, insbesondere in Marktforschung, Business Intelligence und Digital. Birgit Bruns ist Mitglied der Experten-Jury des zweiten Start-up Online-Pitch am 18. März.

 

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/hg

Kommentare (2)

  1. Birgit Bruns am 25.02.2021
    Hallo zurück,
    die Sache mit den Schwangerschaften ist das, was wir inzwischen von mehreren Personaler*innen in Marktforschungsinstituten hören. Wir haben dazu keine repräsentative Erhebung durchgeführt. Es ist lediglich ein Meinungsbild, wenn Sie so wollen. Und dazu ein sehr schönes wie ich finde, wenn gerade die jungen Menschen in dieser Krisensituation solche Entscheidung für das Leben und für die Zukunft treffen.
  2. Leser am 25.02.2021
    Hallo,

    schöner Artikel - neben der ins Auge springenden Eigenwerbung - und einige interessante Aspekte.

    Anzweifeln möchte ich, dass es ein Überangebot an erfahrenen Marktforscher:innen gibt, das bekomme ich anders mit. Außerdem fraglich, wie groß der Anteil derer ist, die wirkliche Experten sind und mit der Zeit gehen. Schmunzeln musste ich über die Aussage: "
    Wir hören von einigen Instituten von vielen Schwangerschaften und erwarten einen kleinen Corona-Babyboom." bzw. marktforschung.de: "Birgit Bruns sieht einen Corona-Babyboom auf die Marktforschungsbranche zukommen."

    Was meinen Sie damit, v. a. in Zusammenhang mit dem Arbeitsmarkt? Dass die Institutsmarktforscher:innen die Gunst der Stunde genutzt haben, um Nachwuchs-Marktforschende zu zeugen? Oder dass es bald wieder viele vakante (befristete) Stellen geben wird, weil durch Schwangerschaften viele ausfallen?

    Und gibt es Zahlen dafür, oder war das ein reines Gefühl? Was unterscheidet Marktforscher:innen hier von der Gesamtbevölkerung, man geht doch insgesamt eher nicht von einem Babyboom aus. Freue mich über ein paar zusätzliche Infos zum Verständnis.

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