"Wir haben uns gefunden, um uns über Entwicklungen, Herausforderungen und mögliche Lösungen auszutauschen."

Über das Forum Grenzgänger

Wer hat das "Forum Grenzgänger" gegründet, und warum? Welche Ziele verfolgen die Mitglieder? Lesen Sie die Antworten dazu im Interview und erfahren Sie von den sieben kreierten Personas, die verschiedene Marktforschungstypen symbolisieren.

(Bild: DeathtoStock)
(Bild: DeathtoStock)

marktforschung.de: Fangen wir mit einer grundsätzlichen Frage an: Wer oder was ist das "Forum Grenzgänger"?

Forum Grenzgänger: Das Forum Grenzgänger ist ein Zusammenschluss von Marktforscherinnen und Marktforschern aus Unternehmen, Instituten und Beratung unterschiedlicher Größe und Ausrichtung. Wir haben uns 2012 gefunden, um uns über Entwicklungen, Herausforderungen und mögliche Lösungen in der Marktforschung und allem, was dazugehört, auszutauschen. Dazu treffen wir uns mindestens zweimal im Jahr persönlich und stehen in der Zwischenzeit in regelmäßigem Austausch. Wir haben uns einen Kodex gegeben, der mögliche Interessenskonflikte ausschließt. Alle Grenzgänger treten z.B. nicht als Vertreter Ihrer Unternehmen, sondern als Individuen auf.

marktforschung.de: Sie nennen sich "Grenzgänger". An welche Grenzen wollen Sie gehen?

Forum Grenzgänger: Angefangen hat alles 2012 auf einem Kongress, bei dem Institutsvertreter Zugang zu Diskussionen der Betrieblichen bekamen. Einigen Teilnehmern wurde damals klar, wie wichtig ein Dialog zwischen Betrieblichen und Dienstleistern wäre, in einem geschützten Raum ohne die Schranken, die zwischen potenziellen Auftraggebern und Dienstleistern sonst bestehen. Alle haben gespürt, dass es uns als Branche insgesamt gut tun würde, diese Art der Grenzziehung zu unterlassen. Eine Handvoll "Grenzgänger" hat dann angefangen, "grenzüberschreitend" Lösungen zu diskutieren, und über persönliche Kontakte wurden wir mehr. Uns ging es immer darum, die natürlichen Grenzen und Interessensgegensätze zwischen Marktforschern aus Instituten und Unternehmen, zwischen Insights-Produzenten und Insights-Nutzern bis in andere Arbeitsfelder wie Marketing hinein zu überwinden. Nicht als Auftraggeber und Auftragnehmer natürlich, diese Grenze ist strikt einzuhalten und sie ist auch Teil unseres Kodex. Aber jenseits davon sind wir eben nicht nur Funktionsträger im Job, sondern private Menschen mit Begeisterung für unseren Beruf. Mittlerweile haben die "Grenzen", die es zu überwinden gilt, zugenommen, z.B. zu Marketing, Kommunikation, Consulting, Big Data, Data Science, DIY-Software etc.

marktforschung.de: Sie haben beim BVM-Kongress 2019 sieben Personas vorgestellt, die bestimmte Marktforschungstypen symbolisieren. Können Sie das Projekt kurz vorstellen?

Forum Grenzgänger: Die Personas sind aus der Diskussion heraus entstanden, in der wir gemerkt haben, dass Tools, Methoden, Daten, Prozesse, Kosten und Geschwindigkeit mehr und mehr unsere Branche bestimmen. Uns beschäftigte die Frage, wie das die Zukunft der Menschen beeinflusst, die dort arbeiten, und damit auch die der Branche. Wir wollten einen Beitrag liefern, um die völlig einseitig ausgerichtete Diskussion um die Zukunft der Marktforschung anzuregen, was uns erfreulicherweise geglückt ist.

Wie wir alle wissen, sind die Menschen in der Marktforschung sehr unterschiedlich. Diese Unterschiedlichkeit haben wir versucht, mit den Personas einzufangen. Wir wissen auch, dass die Zukunft nicht vorhersehbar ist, aber wir können über sie nachdenken und sie uns vorstellen. Dann haben wir begonnen, beides zusammenzufügen.

marktforschung.de: Auf dem Kongress konnten die Teilnehmer abstimmen, welche Persona Sie für besonders zukunftsfähig in der Marktforschung halten. Welche beiden wurden ausgewählt, können Sie diese kurz beschreiben?

Forum Grenzgänger: Auf unserer Postersession haben wir die Besucher aktiv aufgefordert, für die zwei Personas zu stimmen, die den Besuchern nach die größte Relevanz in der Zukunft haben werden. Dabei haben wir festgestellt, dass zwei Grundströmungen die meisten Stimmen bekamen. Die "Vordenkerin" und der "Stratege" auf der einen Seite und der "Wissenschaftler" auf der anderen Seite. Der "Stratege" verfügt über ein fundamentales Methoden- und Zahlenverständnis, er entwickelt ‚Connecting the Dots‘ Ansätze auf der Basis von etablierten und neuen Methoden. Seine Aufgabe ist es, neue Lösungsansätze anzubieten und neue Standards ‚kreativ‘ zu nutzen. Seine Arbeit definiert er aus der strategischen Perspektive seines Arbeitgebers heraus, für den er arbeitet.

Die "Vordenkerin" möchte vor allem als Expertin auf ihrem Gebiet angesehen werden und profiliert sich dadurch, Marktforschung nach vorne zu denken. Sie sieht aber – in Abgrenzung zu anderen Personas – die Marktforschung nicht als Hauptzweck ihrer Tätigkeit. Sie benötigt Freiraum aber auch Mittel, um neue Ansätze entwickeln zu können. Sie definiert ihre Arbeit aus einer die Marktforschung als enges Genre verlassenden methodischen Cutting Edge-Perspektive heraus.
Beide Personen eint das Hinterfragen von Standards sowie das systematische Denken. Ein langer Atem und das Schauen über den Tellerrand sind wichtige Treiber. Aber was sie fasziniert, was sie begeistert, ist sehr unterschiedlich.

Der Wissenschaftler hingegen möchte unbedingt wissenschaftlich fundiert arbeiten und in diesem Sinne neue Grundlagen erschließen. Er bringt dafür gewissermaßen eine methodische Wertewelt mit, verfügt über ein festes, im klassisch wissenschaftlichen Paradigma verwurzeltes Fundament, das ihm sehr dabei hilft, richtig und falsch zu bewerten, weit jenseits von reinem Pragmatismus. Er strebt nach akademischer Tiefe, sieht sie als Grundbedingung für gute Ergebnisse und vergisst dabei hin und wieder die Anwendbarkeit, aber strapaziert damit auch die Geduld seiner internen Kunden, die dazu einfach keine Verbindung haben.

marktforschung.de: Hat Sie die Auswahl der Teilnehmer überrascht?

Forum Grenzgänger: Die Eindeutigkeit der Stimmenabgabe fanden wir schon bemerkenswert. Hinsichtlich der Tendenz der zukünftigen Relevanz der Personas war es keine große Überraschung. Immerhin spiegelt sich hier ja auch die Binnenperspektive der organisierten Branche, die ihre eigene Wahrnehmung davon hat, was künftig überlebensfähige Charaktere sind. Man darf nicht vergessen, wer abgestimmt hat. Es waren Teilnehmer des BVM Kongresses, die sicher keinen repräsentativen Querschnitt über die Menschen in unserer Branche darstellen. Wir glauben, dass es eine gewisse Verzerrung hinsichtlich Berufserfahrung, Dauer der Branchenzugehörigkeit und Stellung im Unternehmen gab. Das hängt dann eben auch zusammen mit einem Selbstbild, das sich eventuell in der Abstimmung  Luft verschaffte.

marktforschung.de: Deckt sie sich mit den Einschätzungen der Mitglieder des Forum Grenzgänger?

Forum Grenzgänger: Bei der Erarbeitung der Personas in den Workshops fanden wir, dass alle Personas in unserer Marktforschungsrealität vorkommen. Wie gesagt, in einem anderen Kontext hätte die Stimmenabgabe sicher auch anders ausfallen können.
Ganz wichtig ist aber aus unserer Sicht etwas ganz anderes: Wen wir für zukunftsfähig halten, hängt davon ab, welche Zukunft wir vor uns sehen. Und das ist nun überhaupt nicht Common Sense, sondern wird geprägt von vielen Annahmen über diese Zukunft, die uns selbst oft gar nicht klar sind. Das haben wir in unseren internen Diskussionen selbst gemerkt, bisweilen durchaus schmerzhaft. Denn unsere Zukunftsbilder unterschieden sich beträchtlich. In der Diskussion haben wir aber auch – und das war das Gute daran – bemerkt, welchen Annahmen (im Gegensatz zu Gewissheiten) wir auf den Leim gehen. Denn diese Annahmen sind oft getrieben durch Ängste, Hoffnungen, Zerrbilder, belegbare Signale, massive Einflüsse aus anderen, inzwischen konkurrierenden Branchen oder auch Frustrationen aus dem Berufsalltag. Wir haben es darüber alle sehr zu schätzen gelernt, dass unsere heterogene Zusammensetzung und die damit verbundenen ganz unterschiedlichen Perspektiven sich fruchtbar ergänzen, unseren Horizont weiten und uns sehr voranbringen. Das Erarbeiten der Personas war ein sehr konstruktiver Prozess, der uns als Gruppe viel Spaß gemacht hat. Vieles ist erst im Gespräch entstanden. Von Mensch zu Mensch. Und darum wird es im Wesentlichen auch in der Zukunft gehen.

marktforschung.de: Bei der Präsentation der Ergebnisse wurde beim BVM-Kongress rege diskutiert. Welche Themen habt ihr dort für Euer Projekt mitgenommen?

Forum Grenzgänger: Wir waren natürlich sehr zufrieden mit der regen Beteiligung nach dem Vortrag. Denn wir wollten ja keine finalen Antworten liefern, keine Wahrheiten verkünden, sondern den Diskurs und das Weiterdenken anregen.
Wir haben viele Anregungen bekommen, unser "Model" zu verfeinern. Grundtenor war sicherlich, dass es um eine Verbindung von Wissenschaft und Strategie geht. Wobei wir aber auch gesehen haben, das eine einfache Wortschöpfung wie z.B. "strategischer Wissenschaftler" oder "wissenschaftliche Vordenkerin" zu kurz greifen würde.
Wir haben aber auch mitgenommen, dass unser Ansatz richtig ist, weit über die Diskussion von Tools und Technik hinauszugehen. Wir haben bestätigt gesehen, dass die Branche sehr reaktiv mit ihren Herausforderungen umgeht, dass ihr ein offener und kontroverser Diskurs jenseits reiner Anpassungspragmatik fehlt und vor allem, dass ihr ein eigenständiger Ansatz fehlt, die Zukunft der Branche wirklich zu gestalten statt nur zu erleiden. Da sind uns die zeitgenössischen Konkurrenten, die nicht aus der Branche selbst kommen, meilenweit voraus.

marktforschung.de: Was sind die nächsten Themen bzw. Projekte, die Sie im Forum angehen wollen?

Forum Grenzgänger: Die Arbeit mit den Personas und der Vortrag hat uns nochmal gezeigt, wie vielfältig die Menschen sind, die in der Marktforschung arbeiten. Und damit sind wir sicher noch nicht am Ende.
Der Filter für die Themenfindung bei den Grenzgängern ist sehr gering, weil wir alle unsere individuelle Sichtweise und Historie mit einbringen. Wir haben derzeit auch noch andere Themen, die uns beschäftigen. Neue Themen entwickeln sich aus unserer Arbeit und den Impulsen heraus, die uns begegnen. Daher kann man nur sagen, dass es neue Themen geben wird, aber nicht welche. Sicher ist nur, dass es mit Relevanz, Positionierung und Zukunft der Marktforschung und ihrem Verhältnis zu den Bereichen zu tun haben wird, mit denen wir zu tun haben. Aber sicher ist: Wir sind neugierig, haben großen Spaß und freuen uns darauf, die Grenzen zu den konkurrierenden Disziplinen zu begehen und mit interessierten Leuten aus diesen Welten intensiv ins Gespräch zu kommen. Und natürlich sind wir immer offen für neue Grenzgänger, die ihre eigenen Themen und ihre Neugier mitbringen und unseren Kodex zu 100 Prozent unterschreiben können.

marktforschung.de: Vielen Dank für das Interview!

Die Mitglieder des Forum Grenzgänger sind: Christian Dössel, Dirk Frank, Andera Gadeib, Stefan Hagl, Geoffrey Hildbrand, Thomas Methner, Christoph Petersen, Thomas Perry, Florian Tress, Beate Waibel-Flanz und Thorsten Wintrich.

Veröffentlicht am: 24.06.2019

 

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