Von der nationalen Schutzheiligen zum Willkommensengel – Interview Teil zwei

Im ersten Teil des Interviews mit marktforschung.de erklärte Psychologe Stephan Grünewald vom rheingold-Institut, inwiefern Mutter Merkel vor dem Hintergrund der Flüchtlingssituation zum Willkommensengel wurde. In Teil zwei beschreibt er, was Politik und Gesellschaft leisten müssen.

Stephan Grünewald (rheingold institut)
Stephan Grünewald, Psychologe und Mitbegründer des rheingold instituts (Bild: rheingold institut)

marktforschung.de: Warum ist es so wichtig, dass wir uns als Gesellschaft wieder auf gemeinsame Werte einigen?

Stephan Grünewald: Ich würde sagen, dass das eine positive Nebenwirkung ist, denn wenn wir jetzt Integrationsarbeit leisten möchten, dann können wir das nur, wenn wir uns klar werden, was wir erhalten möchten, was wir als unverzichtbar auch von den Fremden verlangen. Jetzt wird zum Beispiel wieder deutlich, was das für ein toller Wert ist, dass man hier als Frau alleine durch die Stadt laufen kann, ohne belästigt zu werden. Wie toll es ist, dass man als homosexueller Mensch keine Angst haben muss, gesteinigt zu werden. Wie klasse es ist, dass ich, wenn ich angeklagt werde, nicht irgendwo verschwinde, sondern, dass ich mir einen Anwalt nehmen kann.

marktforschung.de: Was müssen wir also als Gesellschaft und was muss die Politik leisten?

Stephan Grünewald: Wir müssen eine doppelte Integrationsarbeit leisten, das heißt, wir müssen überlegen, wie man diesen Menschen, die sich vom System nicht mehr geliebt fühlen und sich stillschweigend verabschiedet haben, wieder eine Heimat bieten kann, wie man ihnen das Gefühl geben kann, Wertschätzung zu erfahren, gebraucht zu werden, unverzichtbar zu sein. Im Moment ist der politische Reflex, diese Menschen als Pack zu bezeichnen, womit man die Kränkung und das Gefühl der Minderwertigkeit nur noch verstärkt. Das hat zur Folge, dass man sie in die sozialen Echoräume des Internets führt, wo sie dann noch viel stärker ihre eigene Verschwörungswirklichkeit konstruieren.
Wenn Menschen vermeintlich nicht wahrgenommen werden

marktforschung.de: Inwiefern gibt es hier aus Ihrer Sicht einen Zusammenhang mit der Verwendung des Begriffs Lügenpresse?

Stephan Grünewald: Nur noch 50 bis 60 Prozent der Bevölkerung fühlen sich in den Leitmedien zu Hause, schauen also Nachrichten, hören Radio oder lesen eine Tageszeitung. Diese Menschen bemühen sich sozusagen mit den Leitmedien um eine gemeinsame Wirklichkeit. So einen Common Sense benötigt die Gesellschaft. Ein Drittel der Bevölkerung hat sich aber schleichend, also nicht erst seit dem vergangenen Jahr, aus diesem Common Sense, diesen Leitmedien, verabschiedet und in die sozialen Echoräume des Internets zurückgezogen. Das Internet ist aber weniger ein Tor zur Welt als eine inzestuöse Selbstbespiegelungsmaschinerie, wo ich meine privaten Interessen, meine Hobbys, meine privaten Ansichten suche und bestätige, da bewegt man sich dann in inzestuösen Kreisen des Gleichgesinntseins.

marktforschung.de: Aber woher kommt der Hass, der bei der Verwendung des Begriffs Lügenpresse mitschwingt?

Stephan Grünewald: Auch den beobachten wir schon seit mehreren Jahren. Dieser Hass rührt daher, dass wir uns in eine gesellschaftliche Richtung bewegen, in der Menschen Abstiegsängste haben, wo viele Menschen in der Zweiklassengesellschaft fürchten, in die Zweitklassigkeit abzurutschen und wo das Vertrauen nicht mehr vorhanden ist, an Aufstieg und Wohlstand partizipieren zu können. Die Lügenpresse ist das Wahrnehmungsorgan der Mutter, die mich nicht wahrnimmt, die mich nicht beachtet, die meine Ängste nicht aufgreift und letztendlich mit anderen Dingen beschäftigt ist. Das ist eine schon lange schwelende Entwicklung, zu der auch der Umstand gehört, dass viele Menschen seit geraumer Zeit nicht mehr wählen gehen.

Deutschland als Einwanderungsland

marktforschung.de: Betrachten wir noch einmal die positive Seite der Medaille – was unterscheidet uns denn von unseren europäischen Nachbarn, liegt es an Angela Merkel oder warum hat Deutschland eine größere Willkommenskultur?

Stephan Grünewald: Dafür ist sicher nicht nur Frau Merkel verantwortlich. Es liegt auch am liberalen Bürgertum, das aber letztendlich durch dieses Bild des ertrunkenen Kindes wachgerufen worden ist. Was uns unterscheidet: Deutschland war durch seine zentrale Lage mitten in Europa und durch den Rhein schon immer ein Land, durch das unwahrscheinlich viele Menschen durchmarschiert und in den vergangenen 2.000 Jahren sesshaft geworden sind. Dieser Umstand wird in meiner Lieblingsstelle in "Des Teufels General" von Carl Zuckmayer von der Hautfigur General Harras ganz wunderbar beschrieben, hier fällt der Begriff "Völkermühle". Soll heißen: Wir waren schon immer ein Land, das viel Innovationskraft aus dieser Reibung mit anderen gezogen hat.

marktforschung.de: Aber es gab ja dann einen großen Einschnitt im sogenannten Dritten Reich. Inwiefern hat das Auswirkungen bis heute?

Stephan Grünewald: Das ist sicherlich so, dass wir uns genau deshalb freuen, wenn wir nicht als die Vernichter, als die bösen Deutschen dargestellt werden, sondern zum Beispiel nach der Fußball-WM im eigenen Land als charmante Gastgeber gefeiert wurden. Und wir haben uns jetzt gefreut, dass wir als Willkommenskultur und nicht als die bösen Deutschen wahrgenommen wurden.

marktforschung.de: Wenn wir an die Bilder der ertrinkenden Menschen im Mittelmeer denken, kann man sich kaum eine andere Reaktion als Empathie und Willkommenskultur vorstellen – in welcher Form können wir diese Bilder überhaupt verarbeiten?

Stephan Grünewald: Solche Bilder stürzen uns wieder in eine Ambivalenz. Eine normale Reaktion ist natürlich, dass man Mitleid hat und empathisch reagiert. Aber wir haben schon lange vor dem vergangenen Sommer Stimmen in Interviews erlebt, die meinen, dass es das falsche Signal wäre zu zeigen, wie Menschen im Meer gerettet werden, man sollte sie doch lieber ertrinken lassen, dann würde auch keiner mehr kommen.

marktforschung.de: Wie hoch ist der Anteil an Menschen, die so denken?

Stephan Grünewald: Da sind wir durchaus bei 10 bis 15 Prozent, sie artikulieren das aber nicht offen. Sie befreien sich innerlich aus diesem Grundkonflikt, indem sie einfach auf eine radikale Lösung setzen.

marktforschung.de: Inwiefern könnte denn die Markt- und Sozialforschung bei der Bestandsaufnahme und der Bewältigung der nun anstehenden Aufgaben eine Rolle spielen?

Stephan Grünewald: Eine konstruktive Rolle kann sie erst spielen, wenn man die Probleme verstanden hat. Wir sehen eben nun, dass ein Kernproblem in der unterschwelligen Geschwisterrivalität besteht, die wiederum daran liegt, dass wir durch Frau Merkel lange Zeit gepampert und beschwichtigt worden sind. Dadurch ist auch ein Stück weit Unmündigkeit verstärkt worden und wir sind in einer Phase, in der Menschen den Glauben an die Zukunft verloren haben, wo sie sich zurückgesetzt und zweiklassig fühlen. Von dieser Diagnose aus gibt es nun andere Ansatzmöglichkeiten: Eine Frage ist, wie können sich Parteien dieser Menschen annehmen, die nicht mehr an ihr Deutschland glauben? Markt- und Sozialforschung leistet an dieser Stelle mehr als nur aufzuklären, das führt nun dazu, dass wir den Blick umakzentuieren und zeigen können, wo die Handlungsnotwendigkeiten liegen.

marktforschung.de: Es gibt immer wieder Auseinandersetzungen, gerade auch im Vorfeld der nun anstehenden Landtagswahlen – was sagen Sie zu den Überlegungen, AfD-Politiker aus Diskussionsrunden auszuschließen?

Stephan Grünewald: Das halte ich für einen verhängnisvollen Fehler, weil so eben gerade nicht das Gefühl einer Doppelintegration entsteht, sondern man die Leute mit ihrer Sicht der Dinge ausschließt. Behandelbar ist aber etwas nur, wenn es auch einen Austausch gibt. Wir können Verdrängungen nur aufheben, wenn wir den Menschen einen vorurteilsfreien Raum anbieten, in dem sie sich artikulieren können. Und wir können hoffen, dass sich in diesem Raum die Position selbst diskreditiert, aber in dem Moment, wo wir ausgrenzen, passiert genau das, dann ziehen sie sich wieder in die Echoräume zurück und fühlen sich noch bestätigt in ihrem Ressentiment der Lügenpresse. Die Politik kann an dieser Stelle nur noch mehr Vertrauen verspielen.

marktforschung.de: Herr Grünewald, haben Sie vielen Dank für das Interview.

Hier geht es zu Teil eins des Interviews.

Das Interview führte Dorothee Ragg.

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Veröffentlicht am: 03.02.2016

 

Kommentare (1)

  1. Alfred Schmitt am 03.02.2016
    Den Darstellung von Stephan Grünewald kann ich voll und ganz zustimmen.
    Ergänzen möchte ich: alle reden zwar von Integration, aber ich habe noch nirgendwo gelesen, was Politiker konkret meinen, wenn sie das Wort bemühen.

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