Uwe Förster: "In dieser rein von Konkurrenz bestimmten Welt wird die Marktforschung endlos weiterexistieren"

Hamburg / Köln - Uwe Förster, Geschäftsführer von foerster + thelen, stand marktforschung.de im Rahmen des diesjährigen BVM-Kongress in Hamburg zum Videointerview zur Verfügung. Die Fragen für marktforschung.de stellte Sabrina Gollers.

Auszüge aus diesem Interview finden Sie auch als Videopodcast in unserer Rubrik "Video".

Sabrina Gollers für marktforschung.de: Herr Förster, was erwarten Sie vom diesjährigen BVM-Kongress?

Uwe Förster: Ich erwarte, dass ich Kollegen treffe - teilweise sogar Freunde treffe, denn über unsere Profession haben sich auch Freundschaften ergeben - dass ich das eine oder andere an Neuigkeiten erfahre, das wär's eigentlich schon.

SG: Ein der Kernthemen des Kongresses ist ja die Attention-Society. Wie kann man denn Ihre Aufmerksamkeit gewinnen?

UF: Das ist eine schwierige Frage. Wenn sich das mit meinen Intentionen nicht deckt, dann bin ich nicht ansprechbar auf neue Dinge. Wir haben ja bestimmte Vorstellungen und wenn wir sehen, dass sie nicht in Erfüllung gehen, dann reagieren wir ansonsten auf was Neues nicht so richtig.

SG: Zu welchem, gerne auch ungewöhnlichen Thema, würden Sie denn gerne einmal einen Kongress sehen? Das muss nichts mit Marktforschung zu tun haben.

UF: Doch, hat auch mit Marktforschung zu tun: Weil wir als Felddienstleister den Eindruck haben, dass wir sehr gerne Vorreiter sind, wenn es um Formalismen geht, die die EU oder Brüssel nur andenkt. Dann hab’ ich immer das Gefühl: hier wird es sofort umgesetzt. Wir würden gerne in Ruhe immer so weiterarbeiten, wie wir es schon seit dreißig Jahren machen, aber wir haben das Gefühl, wir müssen ständig uns, unsereTätigkeit, die Tätigkeit des Interviewers, die rechtliche Situation der Branche, in der Befragung immer in Frage stellen, und das finde ich lästig. Und da finde ich, dass unsere Branche zu wenig Stärke beweist, auch in Richtung Berlin, und nicht - zumindest für alle Großen an wirtschaftsprojektbeteiligten Unternehmungen - auch in die Bresche springen kann. Die verstecken sich. Die Marktforscher sind nicht besonders mutig. Das ist eigentlich sehr bedauerlich und das sollte mal ein Thema werden.

SG: Wie sind Sie denn zur Marktforschung gekommen?

UF: Also wenn Sie es genau wissen wollen: durch meinen Partner. Wir haben während des Studiums unterschiedliche Tätigkeiten ausgeübt, um uns am Leben zu erhalten. Ich war in der Baubranche tätig, mein Partner in der Marktforschung als Interviewer, und als er zu viel Arbeit hatte, hat er mich um Hilfe gerufen. So sind wir eingestiegen schon als Mitte-20-Jährige. Und dann hat uns die Branche nicht mehr losgelassen.

SG: Wir haben eben schon Ihre Frau gesehen: können Sie denn gut zwischen Job und Freizeit trennen, oder machen Sie in Ihrer Familie auch erst einmal eine Umfrage, bevor Sie die Wochenendengestaltung beginnen?

UF: Also faktisch trennt man zwischen Freizeit und Familie, aber eigentlich nicht so richtig. Ich erlebe Arbeit nicht wie andere als Belastung, die mich trennt von der Familie, sondern hab das Glück, dass meine Frau auch im Institut arbeitet, dass unsere Kinder uns häufig besuchen, wir sie sogar mitnehmen. Also: wir trennen da nicht so scharf. Das Privileg hat man, wenn man selbständig ist. Wir können unsere Blagen sozusagen mitnehmen und unser Leben insgesamt so händeln, dass wir uns alle freuen.

SG: Was reizt Sie denn an der Marktforschung?

UF: Es ist eine Branche, die unendliche - etwas überspitzt formuliert - Entwicklungsmöglichkeiten hat. Ich glaube, dass gerade in der sehr konsumlastigen Welt, in der wir uns hier aufhalten, die Marktforschung immer wichtiger wird für alle am Wettbewerb beteiligten. Die Technologien ändern sich ständig und daher ändern sich ständig die Anforderungen. Wir haben ständig neue Projekte vor Augen - allerdings teilweise mit auch mit verrückten Anforderungen - die uns unsere Auftraggeber vor die Brust werfen. Aber es ist immer was Neues, es ist viel in Bewegung. Wir sehen kein ende, sondern eher im Gegenteil: wir sehen ständig Erweiterungen. Nicht nur, was inhaltlich die Tätigkeit bei uns hier in Deutschland angeht, sondern eben auch international. Wir haben uns in Spanien beteiligt an einem Institut, sind vor 14 Tagen in Buenos Aires gestartet. Also: es hat viele spannende Aspekte. 

SG: Wie stark setzen Sie auf internationale Vernetzung?

UF: Sehr schön, da knüpfen wir ja genau an das an, was ich gerade gesagt habe. Ein Großteil unserer Auftraggeber sind diese sogenannten Global Player. Wir sind ja als reiner Felddienstleister Zulieferer, Rohdatenlieferer für unsere größten Auftraggeber. Und das sind in der Regel immer mehr Global Player. Die wollen von uns auch wissen: Was könnt ihr in Deutschland, aber wo könnt Ihr noch? Und darum sind wir eben auch anderweitig so langsam unterwegs.

SG: Und welche Themen dominieren gerade die Marktforschungsbranche?

UF: Das kann ich generell nicht sagen. Eins ist ganz bemerkenswert, das gilt jetzt für die Bundesrepublik: das klassische Feld war schon ein bisschen totgesagt. Der Interviewer, der von Haus zu Haus rennt und mit einem Zettel die Leute befragt, der sollte durch Telefonbefragungen und Onlinebefragungen abgelöst werden, und wir haben im Augenblick das Gefühl, dass das Gegenteil der Fall ist. Wir haben enorme Anfragen in Richtung Sozialforschung. Interviewer, die tatsächlich in die Brennpunkte gehen und Menschen befragen – Thema Migration, Thema gesellschaftliche Entwicklung, ökonomischer Art zwischen Reich und Arm. Also: es gibt eine Menge Dinge, die in Bewegung gekommen sind und die die Marktforscher, - also gerade die Sozialforscher - ganz besonders auf uns stoßen lässt, denn wir helfen, dort Fragen zu beantworten.

SG: Was macht denn Ihrer Meinung nach einen guten Interviewer aus?

UF: Es gibt bestimmt nicht DEN Interviewer, weil es zu viele Umstände gibt, in denen interviewt werden muss. Grundsätzlich soll der Interviewer eben merken, dass er nicht anders funktioniert als ein Messverfahren, als eine Uhr, als ein Wecker. Denn das Interview soll ja nicht nur theoretisch sondern auch praktisch so sein, dass, egal wer die Fragen stellt, es immer dieselben Antworten gibt. Ist sehr theoretisch, aber am Schönsten wäre es, wenn es so klappen würde, dass jeder Interviewer ganz objektiv messen kann und unbeeinflusst von jeglichen persönlichen Präferenzen auf der Probanden- oder der Interviewerseite immer dieselben Antworten auf dieselben Fragen bekommt. Das ist aber sehr theoretisch. Aber dahin zu kommen, sagen wir, die Intention dahin zu bewegen, dem Interviewer das mitzugeben, dass er eben nichts anderes ist, als ein Messinstrument, das ist unsere ständige Aufgabe.

SG: Was war denn der schönste Marktforschungsmoment Ihres Lebens?

UF: Das ist sehr intim, das kann ich Ihnen sagen. Wir haben mal einen Mitgesellschafter gehabt, von dem ich vieles, fast alles, gelernt habe, der aber menschlich schwierig war. Und als ich’s geschafft habe, ihn - obwohl er einer der größten Auftraggeber war - aus unserer Firma zu entfernen, das war das Schönste, was ich je erlebt habe.

SG: Welche großen Marktforschungstrends sehen Sie für die Zukunft?

UF: Also das eine ist im regionalen Bereich, das kann ich wirklich nur für Deutschland beurteilen. Da glaube ich, dass die klassische Feldforschung wiederbelebt wird. Darüber hinaus glaube ich, dass sich in Deutschland die Onlinebefragung ganz erheblich ausweiten wird. Wir stehen da im Vergleich zu den USA in ganz anderen Verhältnissen. Die Zukunft der telefonischen Befragung kann ich nicht prognostizieren, weil ich einfach nicht weiß, welche juristischen Konsequenzen uns das Leben schwer machen - sowohl auf der rechtlichen Seite der Durchführung solcher Maßnahmen, als auch auf der Seite der arbeitsrechtlichen Eingrenzungen. Ich habe keine Ahnung, wie sich das entwickelt. Es könnte sein, dass wir das in zwei Jahren gar nicht mehr dürfen, aber es könnte auch sein, dass wir alles dürfen. Ich weiß es nicht.

SG: Wer ist denn Ihrer Meinung nach der größte Feind der Marktforschung?

UF: Das ist ganz generell Ignoranz und Dummheit, aber das kann man so nicht sagen. Also: wir stellen fest, dass wir Fragen stellen und die Menschen die Fragen nicht hören, nicht begreifen, nicht beantworten können und das hat ganz allgemein mit Interesse, Bildung und Ausbildung unserer Mitmenschen zu tun. Wenn man als Marktforscher gewohnt ist, immer Fragen zu stellen, dann bekommt man ein etwas kritischeres Bild seiner Mitmenschen.

SG: Und wie kann man die Mitmenschen, die Bevölkerung nachhaltig davon überzeugen, auch weiterhin an Umfragen teilzunehmen?

UF: Das wird immer so leicht gesagt: das kommt immer so ein bisschen auf die Ansprache an. Ich habe das Problem weniger. Also ich glaube nicht, dass die Ausschöpfungen wirklich so dramatisch sinken. Ich glaube eher, dass die Menschen uninteressierter sind. Aber vielleicht ist das so eine Alterserscheinung bei mir. Ich will das auch nicht zu profan beantworten. Sie sind zu angepasst, die Menschen, und wir stellen immer Fragen und hören Antworten wie „Häeh???“. Der generelle Eindruck ist, dass die Menschen uninteressierter durch die Gegend rennen. Alle sehr, sehr geformt. Ich bin ja so eine Generation – als Soziologe in den 68ern – können Sie sich das vorstellen? Wir haben nichts akzeptiert, den größten Blödsinn gemacht, der ja auch Quatsch war. Also wenn man sich heute so überlegt, dass man zu unserer Zeit 500 D-Mark - heute sind es ja Euro - als Semesterbeitrag den Studenten aufgebrummt hätte, hätten die sich kurz in ihren Zimmern eingemauert. Das wäre nicht gegangen.
Die Menschen sind aber heute anders, man kann ihnen das nicht vorwerfen. Die sind so groß geworden, dass es als Verordnung akzeptiert wird. Und das ist das Bedauerliche. Die fragen nicht, warum. Wo wird sonst Geld verbraten in der öffentlichen Hand? Warum müsst ihr jetzt von uns armen Kerlen auch noch 500 Euro schnappen? Sondern wir sehen ja, dass jedes Jahr Milliarden an Geldern verscheuert werden. Da wird nicht geprüft. Die sagen: "500 Euro", und ihr nickt. Und das ist so schade. Die Frage wird gar nicht gehört, die wird nicht richtig beantwortet, sondern man geht so seinen Weg. Zielorientiert und ein bisschen auch kommerzorientiert. Da müsste ein bisschen mehr Bewegung in die Köpfe - auch in die Köpfe aller Befragten - kommen. Aber ich will auch nicht jammern, es ist halt so. Wir ändern es auch nicht, aber es wär mal ganz schön, wenn das auch bewusst würde.

SG: Angenommen, Sie spekulierten an der Börse, würden Sie Ihr privates Vermögen in Marktforschungsaktien investieren?

UF: Sicherlich nicht komplett, aber durchaus. Ich glaube, wie ganz am Anfang schon gesagt, dass die Marktforschung eine unglaublich positive Perspektive hat, auch mit allen Schwierigkeiten, mit denen sie zu kämpfen hat. Aber in dieser rein von Konkurrenz bestimmten Welt wird die Marktforschung endlos weiterexistieren und sich auch positiv entwickeln.

SG: Was zeichnet Ihre Unternehmenskultur bei Förster und Thelen aus?

UF: Wir sind absolut transparent, wir sind hochspezialisiert was die Datenerfassung und -Erhebung anbetrifft. Wir interpretieren nicht, sondern wir stehen dafür, dass wir empirisch arbeiten, und sind von daher loyal den Auftraggebern gegenüber. Wir klauen niemandem die Auftraggeber, obwohl wir oft sehr in der Nähe der Auftraggeber sind und auch viele Versuche gestartet werden, den teuren Berater zu umgehen. Das passiert bei uns nicht. Wir sind ein Rohdatenlieferant.

SG: Herr Foerster, vielen Dank für das Gespräch. Normal lassen Sie ja interviewen, jetzt wurden Sie selbst mal interviewt. War doch gar nicht so schlimm, oder?

UF: Nein, im Gegenteil, es hat mir Spaß gemacht. Und außerdem ist es ein schönes Ambiente, bei schönem Wetter – wunderbar.

Veröffentlicht am: 21.07.2008

 

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