Prof. Dr. Christa Wehner: "Exzellente Marktforscher sind Menschen, bei denen sich herausragende Fachkompetenz mit charismatischer Persönlichkeit verbindet"

Prof. Dr. Christa Wehner leitet an der Hochschule Pforzheim einen der wenigen betriebswirtschaftlichen Studiengänge mit der inhaltlichen und methodischen Spezialisierung "Marktforschung". Im Interview mit marktforschung.de äußert sie sich zum derzeitigen Stand der universitären Ausbildung und zu deren Notwendigkeit für eine berufliche Karriere in der Marktforschungsbranche. 

marktforschung.de: In unserer Studie zu Meinungen über den Nachwuchs in der Marktforschungsbranche äußern sich die Befragten besonders positiv zu dem Studiengang Marktforschung- und Kommunikationsforschung an der Hochschule Pforzheim. Herzlichen Glückwunsch!

Christa Wehner: Wir freuen uns über das Kompliment! Vielen Dank.

marktforschung.de: Daher möchten wir mehr über diesen interessanten Studiengang erfahren. Seit wann gibt es den Studiengang, wie viele Studienanfänger und Absolventen haben Sie?

Christa Wehner: Den Studiengang Marktforschung gibt es schon seit Gründung der Wirtschaftsfakultät unserer Hochschule in den frühen 60er Jahren. Seit den 90ern gelingt es uns immer besser, Marktforschung als eigenständiges und attraktives Studienangebot zu positionieren, für das sich erfreulicherweise auch immer mehr motivierte Studienanfänger interessieren.

Wir nehmen zum Sommersemester jeweils um die 20 und zum Wintersemester um die 30 Studierende auf. In den Jahren 2006 und 2007 haben jeweils etwa 40 Absolventen die Hochschule als Diplombetriebswirte / Markt- und Kommunikationsforscher verlassen.

marktforschung.de: Können Sie alle Interessenten berücksichtigen oder müssen Sie auch Bewerber ablehnen?

Christa Wehner: Wir haben deutlich mehr Bewerber als Studienplätze, so dass auf eine Zulassung etwa 5 Absagen kommen. Darüber sind wir aber gar nicht unglücklich, denn so können wir die Bewerber mit besseren Leistungen in bestimmten Fächern und guten Englischkenntnissen auswählen. Deren Chance ist erfahrungsgemäß auch deutlich höher, die "harten Nüsse" in unserem integrativen Wirtschaftsstudium - wie etwa Statistik, Wirtschaftsmathematik, aber auch Bilanzierung, Finanzierung oder VWL - zu "knacken" und ihr Studium erfolgreich zu gestalten. 

marktforschung.de: Und welchen Abschluss machen Ihre Studierenden?

Christa Wehner: 2009/10 werden die letzten Diplomabschlüsse an der Hochschule Pforzheim verliehen. Seit 5 Semestern bieten wir als durchdachtes Nachfolgemodell einen Bachelor-Studiengang Marktforschung an. Unser Bachelor - und das war uns wichtig - ist aber keineswegs die "Light-Version" des bewährten deutschen Diploms. Anders als die Universitäten haben wir es nicht auf schnelle 6 verkürzt, sondern auf 7 Semester ausgelegt und verzichten gegenüber dem Diplom lediglich auf das erste Praxissemester, das die Studierenden früher zu Beginn ihres Studiums in einem Unternehmen absolviert haben. Ein Semester lang werden unsere Bachelor auch künftig in renommierten Marktforschungsinstituten und Marktforschungsabteilungen großer Unternehmen wie BMW, Bosch und Beiersdorf als Praktikanten mitarbeiten. Auch die Fallstudien studentischer Teams mit Auftraggebern aus Industrie und Institutionen haben wir als Erfolgsfaktoren aus dem Diplomstudiengang übernommen. Neu hinzugekommen sind Vorlesungen in Englisch und ein Programm zur Förderung der Sozial-, Methoden- und Interkulturellen Kompetenz.

Über Studenten- und Absolventenbefragungen, aber auch im intensiven Austausch mit Kollegen aus der Branche bekommen wir immer wieder gute Anregungen für unser Studienangebot. Seit diesem Jahr haben wir z.B. die neueste Generation eines EYE-Tracking-Systems in unserem Medienlabor, und im November werden wir mit einer großen Gruppe von Mafo-Studenten die Mafo-Messe "Research & Results" in München besuchen.

marktforschung.de: In diesem Jahr gibt es die ersten Absolventen des Ausbildungsberufs zum Fachangestellten für Markt- und Sozialforschung (Fams). Wie ist ihre Meinung zu der neuen branchenspezifischen Ausbildung?

Christa Wehner: Einen Ausbildungsberuf in einem so interessanten und abwechslungsreichen Berufsfeld wie der Marktforschung fanden viele Kollegen ja schon lange überfällig im Sinne der Professionalisierung unserer Branche. Qualifizierte Assistenten können die Projektleiter in den Instituten sehr gut unterstützen; ersetzen werden sie sie sicher nicht.

marktforschung.de: In unserer Studie zeigt sich, dass Institutsleiter interdisziplinäre Angebote schätzen. Wird sich die Hochschullandschaft Ihrer Meinung nach in diese Richtung verändern?

Christa Wehner: Es gibt ja schon erfolgreiche Studienangebote wie etwa Wirtschaftspsychologie, die zwei der für Marktforscher relevanten Fächer verbinden oder auch Medienstudiengänge mit einer fundierten empirischen Ausbildung. Das entspricht dem Konzept, das wir in Pforzheim traditionell verfolgen: unsere Studierenden bekommen eine wirtschaftswissenschaftliche Ausbildung, erlernen die Grundlagen der Psychologie des Konsumentenverhaltens und trainieren empirische Erhebungsmethoden.

Wir gehen davon aus, dass die Hochschulen künftig zunehmend noch mehr attraktive Bachelor- und Masterstudiengänge konzipieren werden, die einen solchen Integrationsanspruch verfolgen.

marktforschung.de: In der Marktforschung wird viel Wert auf akademische Bildung gelegt. Mehr als die Hälfte der befragten Institutsleiter empfehlen jungen Menschen, die sich für eine Karriere in der Marktforschung interessieren, den Masterabschluss oder sogar eine Promotion. Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund das im Rahmen des Bologna-Prozesses eingeführte gestufte Studiensystem aus Bachelor und Master?

Christa Wehner: Aus Ihrer Befragung wird ganz deutlich, dass viele Institutsleiter die künftigen Bachelor mit einiger Skepsis betrachten. Das ist verständlich, so lange man nicht so Recht weiß, was diese etwas jüngeren Absolventen mit dem fremd klingenden akademischen Abschluss wissen und können. Ich bin ganz zuversichtlich, dass Bachelorabsolventen nach einem wissenschaftlichen wie praxisorientierten Studium gut aufgestellt sind für einen erfolgreichen Start in den Beruf. Im Sinne lebenslangen Lernens entscheidet sich vielleicht mancher von ihnen nach einigen Jahren für ein – eventuell auch berufsbegleitendes – Masterstudium.

Für die Karriere in einem Großunternehmen und auf der Visitenkarte eines Institutschefs schadet ein Doktortitel ganz sicher nicht. Aber eine Promotion anzustreben, die in der Regel mindestens drei Jahre im Anschluss an ein Studium kostet, würde ich keinem Jugendlichen, sondern nur einem Absolventen empfehlen, der ausgesprochen gerne wissenschaftlich arbeitet.

Exzellente Marktforscher sind Menschen, bei denen sich herausragende Fachkompetenz mit charismatischer Persönlichkeit verbindet – ob mit oder ohne Promotion.

Weitere Informationen zum Studiengang:

www.hs-pforzheim.de

Zur Person:

Prof. Dr. Christa Wehner hat Kommunikationswissenschaften und Soziologie an der Uni Münster studiert und war mehrere Jahre bei ZUMA, bei der GfK-Marktforschung und bei RSG Marketing Research tätig. Seit 1995 ist sie Professorin, seit 2000 Dekanin des Studiengangs Betriebswirtschaft / Markt- und Kommunikationsforschung an der Hochschule Pforzheim, in dem pro Jahr etwa 50 Studierende ihr Studium mit dem Berufsziel Marktforschung  beginnen. 

Weitere Informationen zu Ausbildungsmöglichkeiten in der Marktforschungsbranche finden Sie hier.

Veröffentlicht am: 05.11.2008

 

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