"Neun Monate Pandemie wirkten wie ein Booster für digitale Netzwerke."

Die Branche zwischen Teil-Lockdown und Adventszeit

Welche bisherigen Erfahrungen hat die Marktforschungsbranche im Home-Office und Lockdown light gemacht und wie wird die die kommende Weihnachtszeit aussehen? Darüber sprechen Sabine Henjes, Geschäftsführerin von BESTVISO und Prof. Dirk Frank, Geschäftsführer von ISM GLOBAL DYNAMICS mit marktforschung.de

Sabine Henjes und Dirk Frank 2020

Fragen wegen Teil-Lockdown

Wie groß war die Umstellung für Ihr Unternehmen wieder zurück in den Teil-Lockdown?

Prof. Dirk Frank: Das ging überraschend geräuschlos und glatt. Die Umsetzungspläne hatten wir ja seit dem Frühjahr in der Schublade. In unserem Team arbeiten mehrere Kollegen über Deutschland verteilt ohnehin dauerhaft im Home-Office. Ansonsten galt auch ohne Covid-19 Pandemie eine flexible HO Regelung, wer sich für konzeptionelle oder analytische Arbeit zurückziehen wollte, konnte das schon immer. Im Institut haben wir reichlich Platz, so dass wir auch jederzeit eine Präsenzregelung umsetzen konnten, in der ein definierter Teil des Teams sicher vor Ort arbeitet. Das hat sich so bewährt, dass wir auch in einer denk- und hoffentlich absehbaren Post-Corona Zeit nicht wesentlich von dem Modell abweichen wollen.

Sabine Henjes: Bei uns gab es nur kleine Veränderungen. Wir haben den Anteil der Arbeit im Homeoffice erhöht und gleichzeitig die Büropräsenz für wichtige Strategie- und Kundentermine genutzt – natürlich mit viel Abstand.

Was vermissen Sie im Lockdown-November am meisten?

Sabine Henjes: Die Möglichkeit, im Team Erfolge zu feiern, etwa mit einem gemeinsamen Essen im Büro oder auswärts in einem schönen Restaurant. Das hole ich aber im nächsten Jahr nach, sobald die Corona-Maßnahmen gelockert werden.

Prof. Dirk Frank: So langsam geht halt die Lebensart flöten. Mit Freunden essen gehen, gerade der Herbst fällt bei mir in der Regel in dieser Beziehung recht üppig aus, mal wieder ein Konzert besuchen oder ins Kino gehen. Das Leben verlagert sich ja in dieser Jahreszeit nach Innen und da ist halt außerhalb der eigenen vier Wände gerade gar nix los. Normalerweise kann ich im November auch einfach mal mit einem Glas Wein vor dem Kamin sitzen und ein Buch lesen oder Musik hören, aber von solchen "Dinner for ones" hatte ich in diesem Jahr schon ausreichend, so dass der übliche Erholungseffekt so langsam aber sicher nicht nur ausbleibt, sondern sich ins Gegenteil verkehrt. 

Was haben Sie im Home-Office liebgewonnen? Was hat sich im Home-Office-Alltag besonders bewährt?

Prof. Dirk Frank: Es ist mir in dieser Zeit sehr bewusst geworden, wie sinnlos man manchmal national und international unterwegs war. Ja, der persönliche Kontakt ist unverzichtbar bei Workshops, strategischen Präsentationen und bei allem, wo man mit Händen und Füßen vor seiner Audience rumzappelt, um seine Botschaften wirklich zu verankern. Aber wie oft sind wir für eine 30-minütige Pitch Präsentation stundenlang durch die Republik gefahren und stellen nun fest, wie problemlos das über Video-Conferencing geht. Da vermisse ich das Old Normal nun gar nicht.

Sabine Henjes: Ich schätze in jedem Fall die gewonnene Zeit, die dadurch entsteht, dass die Anfahrt ins Büro entfällt.

Ganz klar: Die Arbeit im Homeoffice ist ebenso effizient wie ausbalanciert und dabei familiennah. Das schafft ein gutes Gleichgewicht.

Was funktionierte im Homeoffice nur unter schwersten Anstrengungen?

Prof. Dirk Frank: Die Strukturierung des eigenen Lebens. Was Arbeitszeiten angeht, bin ich hart im Nehmen und eigentlich maximal flexibel. Als Dienstleister und Unternehmer beantwortet man die Mail aus den USA auch schon mal um 23:00, weil man ohnehin online ist. Ich fühle mich da zumindest frei in meiner Entscheidung, wie ich im "Nomalbetrieb" damit umgehen will. Aber jetzt muss man schon mal Grenzen setzen, bei allem Spaß, den mir der Beruf in der Regel macht. Ich habe Kollegen, die mit "früher Vogel" nur sehr unzureichend beschrieben sind, die funken zu einer Uhrzeit morgens, zu der mir noch nicht mal mein Vorname einfallen würde. Andere sind über Home Schooling tagsüber anderweitig parallel eingespannt, die entwickeln dann Aktivitätsschübe am Abend. Wenn man das alles in Echtzeit bedienen wollte, kommt man auch an kognitive Grenzen und da muss man dann auch mal an sich denken.

Sabine Henjes: Am Anfang war es nicht leicht, sich einen ungestörten Raum für wichtige Online-Meetings zu schaffen. Inzwischen habe ich mich an die neue Situation gewöhnt und kann Arbeit und Privatsphäre gut voneinander trennen.

Was ist nach der Erfahrung von neun Monaten Corona-Pandemie Ihr Marketing-Hack, um auch in Zeiten von Kontaktverboten und ausgefallenen Messen dennoch Kunden zu begeistern?

Prof. Dirk Frank: Da gibt es keine besonderen Kniffe oder fancy Supertricks. Wir betreiben eine solide Kontaktpflege, hier stelle ich eindeutig fest, dass die Gespräche mit Kunden und Partnern oft deutlich persönlicher geworden sind und man viel häufiger und länger über die beruflichen und privaten Auswirkungen der Pandemie spricht. Und die Bilder an der Wand in der Wohnung des virtuellen Gesprächspartners sind in vielen Fällen auch ein dankbares Thema. Wir haben in diesem Jahr einige sehr gut angenommene Webinare durchgeführt, bieten schon immer verschiedene Online-Seminare zu aktuellen Forschungsthemen für interessierte Unternehmen exklusiv an und haben in diesem Jahr auch eine etwas andere Multi-Client Studie zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Verbrauchereinstellungen aufgesetzt. Die Studie zeigt in einem Mix impliziter und expliziter Methodik, welche angeblich geänderten Verhaltensweisen von Konsumenten im New Normal wirklich verlässlich eine Planungsgrundlage für Unternehmen sein können.

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Sabine Henjes: Persönliche Kontakte und Weiterempfehlungen – davon leben wir als Unternehmen. Das war vor Corona so und wird auch in Zukunft so sein. Dennoch konnte ich das Vertrauen neuer Kunden auch über eine rein virtuelle Kommunikation gewinnen. Letztlich sitzen wir alle im selben Boot, lernen uns in Video-Konferenzen kennen und arbeiten dann virtuell zusammen.

Neun Monate Pandemie wirkten wie ein Booster für digitale Netzwerke.

Kommen wir zum geselligen Teil:

Wie sehen die Pläne für die diesjährige Firmen-Weihnachtsfeier aus? 

Prof. Dirk Frank: Bei uns im ISM hat sich auch ohne Druck durch eine Pandemie eine etwas merkwürdige Praxis etabliert und mittlerweile auch bewährt: Da wir alle vor Weihnachten immer unter Hochdruck stehen, hatten wir schon immer Probleme, einen für alle gut machbaren und entspannten Termin zu finden. Daher feiern wir schon seit mehreren Jahren im Januar einen Mix aus Nachweihnachtsfeier und Kick-off Event. D.h. auch dieses Jahr werden wir "zocken" und auf den ersten halbwegs sicheren Slot warten um nachzufeiern.

Sabine Henjes: Wir machen aus unserer Weihnachtsfeier eine Post-Corona-Feier. Dann wird groß gefeiert.

Wie war das Jahr insgesamt für Ihr Unternehmen: Sekt oder Selters? Champagner oder Feuerzangenbowle?

Sabine Henjes: Am Anfang der Pandemie erschien es uns wie ein Cidre und entwickelte sich im Laufe des Jahres zu einem sehr guten Crémant. Über diese tolle Entwicklung nach der Umfirmierung zur BESTVISO GmbH sind wir sehr happy!

Prof. Dirk Frank: Es fing tatsächlich eher mit Champagner an, bevor irgendein Saboteur anfing, uns Kamillentee in den Schampus zu kippen. Oder in etwas nüchterner Diktion: Ein tolles erstes Quartal mit vielen "Überhangprojekten" aus 2019, dann von jetzt auf gleich befristetes Alkoholausschankverbot und mittlerweile kommen wir wieder langsam in die Phase des kontrollierten Trinkens. Bei vielen Projekten, insbesondere im Bereich der qualitativen Forschung,  konnten wir flexibel die Methodik anpassen. Andere Projekte waren phasenweise on hold, etwa Central Location Tests in den USA, zu denen es keine methodische Alternative gab. Wiederum andere mussten längerfristig verschoben werden, insbesondere aus dem Gesundheitsbereich, wenn die reale Gefahr bestand, dass die eigentliche Forschungsthematik unkontrollierbar durch das Coping mit der Corona-Pandemie gebiast gewesen wäre.

Insgesamt ein schwieriger Cocktail, der bei intensivem und dauerhaftem Konsum nicht ohne ernstere Kopfschmerzen bleiben kann. 

Wenn Sie das Jahr 2020 in einem Song- oder Filmtitel zusammenfassen müssten, welcher Titel wäre das? Und warum gerade dieser Titel?

Prof. Dirk Frank: Es wäre noch kein Film, der so schlecht ist, dass er bei Kalkofe/Rütten in der Schlefaz-Reihe laufen würde, aber auch natürlich kein Hollywood-Blockbuster. Eher so ein Film, bei dem man aus dem Kino kommt und jeder dem anderen vorwirft, dass es seine Idee gewesen sei, da reingehen zu wollen. Vielleicht ist 2020 "Lone Ranger" mit Johnny Depp in der Hauptrolle. Man hätte sich auf Popcorn-Kino vom Feinsten freuen können und verlässt das Kino nach zwei Stunden mit püriertem Hirn. 

Sabine Henjes: Mein Song des Jahres ist "Hoch" von Tim Bendzko. Er vermittelt eine positive Aufbruchsstimmung, die trotz so mancher Hürden in diesem Jahr sogar gewachsen ist.

Zu den Personen:

Sabine Henjes, BESTVISO GmbH
Sabine Henjes, BESTVISO GmbH
Sabine Henjes  hat als Diplom-Psychologin langjährige Erfahrung in leitenden Managementfunktionen der strategischen Marktforschung und Markenentwicklung in Instituten sowie in internationalen Konsumgüterunternehmen. Sie ist Geschäftsführerin von BESTVISO.

Prof. Dirk Frank, Geschäftsführer ISM GLOBAL DYNAMICS
Prof. Dirk Frank, ISM GLOBAL DYNAMICS
Prof. Dirk Frank ist Geschäftsführer von ISM GLOBAL DYNAMICS und als diplomierter Psychologe seit über 20 Jahren ein Wanderer zwischen den Welten: Mit einem Bein in der (angewandten) Wissenschaft geblieben, zunächst als Lehrbeauftragter für psychologische Methoden an der Frankfurter Universität, dann seit 2001 als Gast- bzw. Honorarprofessor an der Hochschule Pforzheim in der Ausbildung von Marktforschern. Mit Leib und Seele Marktforscher, seit 1993 im Institut, immer auf der Suche nach neuen und bewährten hochintegrierten Forschungsdesigns und Auswertungsmethoden, die für unsere Kunden den Unterschied machen können. Motto: Auch in Zeiten knapper Budgets muss man nicht jeden Unfug mitmachen. Gerne auch missionarisch auf Konferenzen, Workshops, Seminaren unterwegs, um die (Marktforschungs-)Welt zu verbessern, seit 2017 nationaler Repräsentant für ESOMAR in Deutschland. 

/sh

Kommentare (1)

  1. Marcus Neureiter am 27.11.2020
    Ich liebe Qualitätsjournalismus.
    Danke für diesen Beitrag
    value added
    ;-)

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