"Ich mag das Bild des unterwürfigen Dienstleisters nicht"

Frauen in der Marktforschung: Andera Gadeib, Dialego

Es gibt Geschäftsbeziehungen, die rauben einem nur Energie. Einen Auftrag da einmal abzulehnen, das ist nur fair für beide Seiten, findet Andera Gadeib, Gründerin von Dialego, SmartMunk und lets-balance.de. Für sie kann eine vertrauensvolle Zusammenarbeit nur dann funktionieren, wenn beide Parteien auf Augenhöhe arbeiten. Mit uns hat sie ihre Erfahrungen aus 20 Jahren Unternehmertum geteilt.

Andera Gadeib (Bild: Dialego AG)
Andera Gadeib (Bild: Dialego AG)

marktforschung.de: Frau Gadeib, wollten Sie immer selbständig sein oder hat sich das mit der Zeit entwickelt?

Andera Gadeib: Es sind die familiären Umstände und Erfahrungen, die mich zur Unternehmerin machten. Erstens waren meine beiden Eltern selbständig. Zweitens wuchs ich nicht "typisch deutsch" auf. Als Halb-Syrerin bin ich fest davon überzeugt, dass man als Migrant (auch 2. Generation) viel aus beiden Kulturen mitnimmt. Und ein dritter Faktor: Ich habe zweimal in den USA gelebt. Dort habe ich gelernt, mehr die Chancen zu sehen als die Risiken. Die Vorsicht und die Fehlervermeidungskultur in Deutschland sind oftmals ein großer Hemmschuh, besonders in der schnellen Welt des digitalen Wandels. Wir brauchen viel mehr Entrepreneure, in allen gesellschaftlichen und Wirtschaftsbereichen. Da gibt es noch viel zu tun.

marktforschung.de: Ermutigen Sie auch andere Frauen, den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen?

Andera Gadeib: Oh ja, sehr aktiv sogar. U.a. habe ich die Gründerinnenkampagne unter dem Dach des BMWi gestartet, engagiere mich als Role Model, Mentorin und bin inzwischen aktives Mitglied im Verband Deutscher Unternehmerinnen.

marktforschung.de: Warum tun sich Frauen so schwer mit technischen Themen, zum Beispiel damit, Programmieren zu lernen?

Andera Gadeib: Erstmal hat es viel mit den Rollenbildern zu tun. Gender Stereotyping findet im Alter von fünf bis sechs Jahren statt. Das heißt schon im Kindergartenalter lernen die Mädchen und Jungs, dass der Papa Kampfpilot wird und die Mutter Krankenschwester. Es gilt, diese Stereotypen aufzubrechen. Schauen Sie sich doch alleine die Marketing- und Marktforschungsbranche an. Im operativen Geschäft haben wir unglaublich viele Frauen, auf der Chefetage dann fast ausschließlich Männer. Und das hat weniger mit der Qualifikation zu tun, sondern vielmehr damit, was Frauen sich zutrauen. Wie sehr sie sich selbst in das kalte Wasser schmeißen und für höhere Jobs bewerben, mehr Verantwortung übernehmen und manches Mal auch an politischer Front mitmischen mögen. Ich kann schon verstehen, warum das nicht Jeder behagt, aber ich finde, viel mehr Frauen sollten es einmal wagen. Gleiches gilt für die Programmierung. Es gibt sehr schöne Beispiele, wie Universitäten bspw. mehr Frauen für die Programmierung begeistern konnten. Aber wir müssen Kindern schon in der Grundschule die Gestaltung des Digitalen zu vermitteln. Aus dem Grund habe ich vor drei Jahren mit einer kleinen Gruppe aus dem Beirat im BMWi heraus den Mini-Computer Calliope mitinitiiert. Er soll jedem Drittklässler zur Verfügung gestellt werden. Allein wenn wir die Mädchen erreichen, könnten wir das Fachkräftepotential der Zukunft verdoppeln!

marktforschung.de:
Wie sind Ihre Erfahrungen als Frau in der digitalen Wirtschaft: Wird man immer ernst genommen oder hatten Sie auch schon andere Erlebnisse?

Andera Gadeib: Ich bin nach wie vor ganz schön allein auf weiter Flur und es kann anstrengend sein, in überwiegend männlichen "Ökosystemen" unterwegs zu sein. Immer wieder gibt es Diskussionen darüber, warum Frau den Vorrang bekommen sollte, auf dem Podium, in einem Gremium usw. Die Debatte über die Qualifikation versus Quote bin ich einerseits leid und trotzdem muss sie geführt werden. Ich bin bei einem klaren Ja zur Quote (auch wenn ich Regulierungen wie eine Quote eigentlich blöd finde), denn erst wenn wir genug Frauen in entscheidender Rolle haben, wird sich was ändern. Frauen werden Frauen in relevante Positionen bringen und wir haben die Diversität, die wir dringend brauchen. Dies gilt für die Führungsebenen der Wirtschaft genauso wie für die Politik oder Wissenschaft.

marktforschung.de: Was zeichnet weibliche Führung aus?

Andera Gadeib: Zunächst mal ist Führung nicht meine Lieblingsaufgabe. Allein das ist vielleicht schon sehr weiblich. Ich arbeite viel lieber an Themen und bringe diese voran, stoße revolutionäre Entwicklungen an und gestalte die Zukunft. Deshalb habe ich die Führung des operativen Geschäftes schon früh abgegeben. Weibliche Führung setzt aus meiner Sicht auf mehr Kooperation, mehr softe Faktoren, die eine Rolle spielen auch wenn ich knallhart sein kann, was Verhandlungen angeht oder die Durchsetzung meiner Visionen. Ich glaube, nur wenn Frau auch Frau bleiben darf und authentisch bleibt, ist sie gut. Es braucht eine gute Mischung, um eine gute Führungskraft zu sein. Vor allem muss man sich auch etwas zutrauen und den Kopf hinhalten, wenn etwas schief läuft. Auf keinen Fall sollte man es persönlich nehmen.

marktforschung.de: Warum ist berufliche Diversity so wichtig und wie halten Sie es damit in Ihrem eigenen Unternehmen?

Andera Gadeib: Ich bin fest überzeugt, dass Neues nur dort entsteht, wo man sich reibt. Wenn nur seinesgleichen beieinander ist, wird es doch langweilig. Mir zumindest. Aber es ist auch empirisch erwiesen, dass Innovation nur in diversen Umfeldern funktioniert. Da Innovation eines unserer Kernthemen ist, gehört die Auseinandersetzung mit Diversity zu unserem täglichen Geschäft. Mit Vielfalt meine ich nicht nur Mann und Frau, sondern auch jung und alt, deutsche und fremde Kultur usw. Wir sind bei Dialego und SmartMunk sehr divers besetzt. Der jüngste Mitarbeiter ist 15 und programmiert Alexa, die Älteste geht in Kürze in Rente und ist – bis auf einige Monate – seit Gründung im Unternehmen. Wir haben unglaublich viele Nationalitäten und Sprachen im Team und vereinen viele verschiedene Studiengänge im Team.

marktforschung.de: Sie sind unter anderem Mitglied bei den Rotariern. Haben Sie die Erfahrung gemacht, dass sich Netzwerken direkt auf Ihren Unternehmenserfolg auszahlt?

Andera Gadeib: Absolut. Aber nicht nur in direkten Aufträgen, sondern auch in der Erweiterung des Horizonts. Es sind die Begegnungen mit den vielen verschiedenen Menschen, die mich wirklich reich an Erfahrungen machen. Das kommt auch jedem Kunden zugute.

marktforschung.de: Stichwort Selbstoptimierung: Heutzutage gilt es ja als verbreitetes Phänomen, dass gerade Frauen es damit leicht übertreiben. Wie ist das bei Ihnen?

Andera Gadeib: Oh ja, den Drang kenne ich. Ich brauchte ein einschneidendes Erlebnis im familiären Umfeld, um darüber nachzudenken, wie viel Leistung, Anstrengung und Output ich in das bisschen Zeit stecken kann, die jeder von uns hat. Seitdem hat sich vieles geändert. Ich verbringe weniger Zeit mit Leuten, mit denen ich schlicht keine Lebenszeit verbringen will. Es gibt Beziehungen – im Privaten wie im Geschäftlichen – die rauben einem Energie. Ganz ehrlich: Für solche Beziehungen nehme ich mir inzwischen keine Zeit mehr. Das heißt auch, einen Auftrag einmal abzulehnen, wenn es einfach nicht zusammenpasst. Das ist nur fair für beide Seiten, denn wie sollte so eine vertrauensvolle Zusammenarbeit funktionieren? Ich mag das Bild des unterwürfigen Dienstleisters nicht. Entweder wir arbeiten auf Augenhöhe und bringen gemeinsam etwas voran oder wir arbeiten uns an Befindlichkeiten ab. Letzteres führt zu keinem guten Ergebnis und sollte besser zügig beendet werden. Es ist mir in 20 Jahren Unternehmertum noch nicht oft passiert, aber einige wenige Fälle gibt es, aus denen ich viel gelernt habe.

marktforschung.de: Sie leiten mehrere Unternehmen und haben drei Kinder. Wie gelingt Ihnen die Work-Life-Balance?

Andera Gadeib: Es ist eine ganz schön große Aufgabe allem gerecht zu werden, Familie, Kinder, Firmen und dann noch sich selbst. Ich brauche es für mein Gleichgewicht, meine kreative Ader auszuleben. Das heißt für meine eigenen Kleider zu nähen (ich trage kaum etwas fertig Gekauftes) oder zu malen. Seit einigen Monaten teile ich mir mit meinem Mann die Kindernachmittage. Davor hat er fast alles rund um die Kinder gemanagt, ich war unglaublich viel unterwegs. Mit dem Bewusstsein für die eigene Balance musste eine Veränderung her. Ich habe einige Ehrenämter, vor allem in Berlin, abgegeben und nur die beibehalten, wo ich das Gefühl habe, wirklich etwas bewegen zu können. Ich konnte den Umfang meiner Reisen reduzieren, denn im Schnitt drei Tage die Woche auf Achse zu sein ist einfach zu viel.

marktforschung.de: Was war der beste Ratschlag, den Sie je für Ihr Berufsleben bekommen haben?

Andera Gadeib: Puh, es gibt so viele Ratschläge. Ganz ehrlich: Höre auf deinen eigenen Bauch und deine Überzeugung. Es hat allerdings einige Jahre gedauert, bis ich diesem Rat wirklich gefolgt bin. Heute ist meine Intuition mein bester Ratgeber und ich stehe dazu, dass ich dieser folge. Sie glauben gar nicht, wie kraftvoll das ist.

Das Interview führte Ulrike Schäfer.

Zur Person:

Andera Gadeib ist Digital-Visionärin, Vollblut-Entrepreneur (Dialego, SmartMunk, lets-balance.de) und dreifache Mutter. Die Wirtschaftsinformatikerin ist seit vielen Jahren etablierte Expertin im Thema Digitalisierung und Künstliche Intelligenz und berät Blue Chip-Unternehmen genauso wie öffentliche Institutionen. Sie ist berufenes Mitglied in verschiedenen öffentlichen Beiräten und Jurys, etwa im Beirat Junge Digitale Wirtschaft und Beirat Kultur- und Kreativwirtschaft im BMWi.

Kommentare (1)

  1. Judy Blessing am 22.11.2018
    Liebe Frau Gadeib,
    Sie sprechen mir wie immer aus der Seele! Sehr schönes Interview mit viel Weisheit! Ich habe Sie auf der Research & Results vermisst, würde aber gerne einmal wieder persönlich mit Ihnen diskutieren! Sie sind ein großes Vorbild für uns Frauen. In der Mafo Szene. Aber auch generell! Weiter so!!!

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