GOR 20: "Eine virtuelle Begegnung ist anders, bietet aber auch Chancen"

Interview mit Dr. Otto Hellwig und Assistant Professor Dr. Bella Struminskaya

Diese Woche startet die GOR 20: zum ersten Mal seit ihren Anfängen Ende der 90er Jahre rein virtuell. Über Hoffnungen, Hürden und Highlights haben wir mit den Vorstandsmitgliedern der DGOF, Bella Struminskaya und Otto Hellwig gesprochen.

Dr. Otto Hellwig und Dr. Bella Struminskaya, DGOF

Dass die GOR in diesem Jahr als virtuelle Konferenz stattfinden wird, ist ein Novum. Obwohl die DGOF ja aufgrund ihrer digitalen und internationalen Orientierung geradezu prädestiniert wäre, virtuelle Veranstaltungen durchzuführen. Warum gab es nicht früher bereits digitale GORs?

Otto Hellwig: Das hat wohl zwei Gründe. Zum einen wurde die GOR in den 90er Jahren ins Leben gerufen, gerade um vom Digitalen ins Reale zu gehen. Anfangs kannten sich die Online-Forscher vor allem über den digitalen Austausch per E-Mail. Das war eng mit der German Internet Research List (GIR-L) verbunden, einer 1996 gegründeten Mailingliste. Aus der GIR-L heraus kam 1997 die Anregung zur ersten GOR-Konferenz. Ziel war es, die Gesichter und Menschen hinter den Mails kennen zu lernen. Auch in der Folge prägte diese Idee die GOR: Einmal im Jahr die Möglichkeit zu haben, sich persönlich und unvermittelt auszutauschen. Zum anderen brauchen wohl auch Online-Forscher erst eine Pandemie, um bewährte Formate neu zu erfinden. Das müssen wir uns eingestehen. Wir haben aber schnell reagiert und seitdem Workshops, die research plus, unsere Mitgliederversammlung und wöchentliche Vorstandssitzungen virtuell veranstaltet - und nun die GOR. Die positiven Erfahrungen bestätigen meine Einschätzung, dass virtuelle Formate die DGOF auch nach Corona begleiten werden.

Wie wird es denn um die inhaltlichen Highlights bestellt sein? Warum sollte ich als Besucher*in die GOR 20 besuchen?

Bella Struminskaya: Neben den regulären Live-Sessions mit Präsentationen und einer Poster-Session, haben wir zwei Keynotes und eine Plenary-Session. Für die erste Keynote wird Patricio Pagani (Black Puma AI) über eine Kombination von Marktforschung, künstliche Intelligenz und Analytics sprechen. Bei der zweiten Keynote, gehalten von Prof. Dr. Milena Tsvetkova (London School of Economis and Political Science), erfahren wir etwas über die digitalen sozialen Interaktionen und Gruppenverhalten. Unsere Plenary-Session befasst sich mit dem ganz aktuellen Thema: Online-Datenerhebung in Zeiten von Corona. 

Was steht auf Ihrer persönlichen Watchlist ganz oben? Wie sieht es etwa mit dem Best Practice Award aus? Oder dem Thesis Award für besonders gelungene Abschlussarbeiten?

Otto Hellwig: Ganz oben steht bei mir der Best Practice Award, den ich seit Jahren begleite und den ich auch in diesem Jahr zusammen mit meiner Vorstandskollegin Alexandra Wachenfeld-Schell moderiere. Hier kann man an einem Tag entdecken, welche digitalen Innovationen tatsächlich schon in der Praxis der Marktforschung angekommen sind und sich dort bewährt haben.

Genauso freue ich mich auf die Keynote von Patricio Pagani. Sein Unternehmen "The Black Puma Ai" schreibt seit Jahren eine der spannendsten Geschichten, wie man Unternehmen mit Hilfe von Daten dabei hilft, sich neu zu erfinden. Aus der Marktforschung kommend verbinden sie Behavioural Sciene, Data Science und IT und verändern jenseits eines Adhoc-Denkens Prozesse und Geschäftsfelder ihrer Kunden. So stelle ich mir Unternehmensberatung im 21. Jahrhundert vor. Zudem ist Patricio ein wirklich guter Typ.

Bella Struminskaya: Bei mir stehen der Thesis Award für die besten Abschlussarbeiten, jeweils für eine Doktorarbeit und eine Bachelor-/Masterarbeit, sowie der Poster Award für das beste Poster ganz oben auf der Liste. Wir haben seit Jahren bei der DGOF einige Initiativen zur Forschungsförderung und unterstützen gerne junge Talente. Neben den erwähnten Awards vergeben wir noch den relativ neuen Best Paper Award und bereits seit einigen Jahren Forschungsförderung von wissenschaftlichen Online-Projekten.

Natürlich freue ich mich besonders auf die Plenary Session, bei der Akademia und Praxis zusammenkommen. Wir haben sehr spannende Vorträge von Prof. Dr. Frauke Kreuter (Universität Mannheim und University of Maryland) und Katherine Morris (Facebook) zum "COVID-19 Symptom Tracker Survey" und von Lydia Pauly (YouGov) zum COVID-19 Monitor. Ich erwarte eine spannende Diskussion über diese Umfragen und deren Datenqualität, sowie die Möglichkeiten des Zusammenführens von Umfragedaten mit den anderen Datenquellen zu COVID-19.

Wenn man sich die fünf Tracks anschaut und die jeweiligen Sessions, dann hat man das Gefühl, dass für jeden etwas dabei sein müsste. Was fehlt Ihnen aber persönlich vielleicht noch oder wo sehen Sie für die kommenden Jahre Entwicklungsspielraum für die GOR?

Bella Struminskaya: In den letzten Jahren wurde die GOR immer wieder internationaler. Wir hoffen, dass die virtuelle Konferenz dieses Jahr für noch breitere Zielgruppen interessant wird und dass sie auch Lust haben werden, zur GOR 21 zu kommen, die hoffentlich wieder persönlich stattfinden kann. Was das Programm angeht: In jedem unserer Tracks, Online und Mobile Web Surveys, Big Data & Data Science, Politics, Public Opinion & Communication und angewandte Marktforschung sehen wir einen Zuwachs an den Einreichungen. Das ist für mich ein Zeichen, dass unser Themenspektrum ziemlich breit und attraktiv ist.

Hier geht es zum Programm der General Online Research 2020

Otto Hellwig: Wer sich im Beruf und im Verband mit Online-Forschung täglich beschäftigt, erkennt schnell die enorme Breite der Disziplin. Drehte sich in den Anfängen viel um das Thema "Internetbefragung", so beschäftigen wir uns heute mit Online-Forschung im politischen Umfeld, Big Data oder der Forschung über die Auswirkungen des Internets auf unser Leben. Ich habe das Gefühl, dass sich die Grenzen des Fachs monatlich verschieben. Deshalb wünsche ich mir auch in Zukunft noch mehr interdisziplinäre Begegnung auf der GOR.

Wird es in diesem Jahr ein neues Format geben? 2019 wurden ja die Spotlight Talks aus der Taufe gehoben, in denen über die Arbeit zwischen den Konferenzen, etwa über das Thema ISO-Normierung, informiert wurde.

Bella Struminskaya: Ein neues Format ist unsere Plenary-Session zu Datenerhebung in den Zeiten von COVID-19. Die Moderation übernimmt Prof. Dr. Bernad Batinic, und wir erwarten eine spannende Diskussion mit dem Publikum.

Dieses Jahr wirft die Pandemie ihren Schatten auf die Veranstaltung. Die DGOF hat aber einen Weg gefunden, nach der Verschiebung vom März in den September, die GOR nun zum ersten Mal in ihrer Geschichte als reines Online-Event zu veranstalten. Wurden die Verschiebung und die Umstellung auf online direkt zusammen gedacht oder gab es erst die Verschiebung und dann quasi als Notlösung die digitale Umsetzung?

Otto Hellwig: Ganz klar stand am Anfang die Verschiebung. Wir mussten innerhalb weniger Stunden entscheiden, ob wir eine internationale Konferenz im März angesichts steigender Infektionszahlen überhaupt verantworten können. Wir wollten aber auf keinen Fall absagen, und so haben wir zeitgleich einen Termin gefunden und ausgerufen, an dem wir die GOR bei unserem lokalen Partner, der HTW Berlin, auch im September hätten durchführen können. Tage später ist fast ganz Europa, wie auch wir, erstmal für zwei Monate in Deckung gegangen. Anfang Juni hatten wir dann ein besseres Bild, was Corona eigentlich für alle bedeutet und dass es wahrscheinlich unser Leben auch in den nächsten Monaten, wenn nicht Jahren, beeinflussen wird. Für eine Präsenzkonferenz im September fehlte uns einfach die Planungssicherheit, und dann fanden wir es zudem einfach sehr spannend, der GOR ein virtuelles Gesicht zu geben. Deshalb die jetzt gültige Entscheidung.

Ich selbst war bislang zweimal auf der GOR und habe den ein oder anderen Kontakt gemacht, der mir bis heute erhalten geblieben ist. Sorgen Sie sich um den Netzwerkcharakter einer virtuellen GOR? Oder ist eine digitale Variante vielleicht sogar zum Netzwerken besser geeignet, weil man schon am PC sitzt und gleich alle Bekanntschaften auf LinkedIn verewigen kann?

Otto Hellwig: Toll, so etwas immer wieder zu hören. Ich habe auch schon von Unternehmen gehört, die nur gegründet wurden, weil sich zwei oder mehr Personen zufällig zum ersten Mal auf der GOR begegnet sind. Spricht für unsere Konferenz und für eine unbedingte Teilnahme.

Man wird sehen, ob uns dies auch bei der ersten virtuellen GOR gelingt. Wie Sie selber sagen, eine virtuelle Begegnung ist anders, bietet aber auch andere Chancen. Was uns bei der Planung deshalb immens wichtig war, ist die Möglichkeit der Begegnung zu stärken. In einer Session mit 50 Personen ist dies weniger möglich als im Videogespräch zu dritt oder zu viert. Deshalb wird es parallel zu den Sessions und in ausgewählten Formaten Yotribe-Räume geben, in denen man sich wie in einer Kaffeelounge oder auf der GOR-Party spontan und gezielt im kleinen Kreis zusammenstellen und  unterhalten kann. Von allen Videochat-Systemen, die ich bisher gesehen habe, ist Yotribe, welches erst im April dieses Jahres gelauncht wurde, das mit Abstand beste Tool, auch online wie im echten Leben zu plaudern.

Sie haben gerade schon einige Punkte angesprochen, aber bleiben wir nochmal bei der Umsetzung: Wie wird die virtuelle GOR ablaufen? Wird es eine 1:1 ins Digitale übersetzte Konferenz geben? Mit Auditorien für die Keynotes, Breakout-Rooms fürs Netzwerken und Workshops? Wie kann man sich das vorstellen? Mit welcher Software setzen Sie das Ganze um?

Bella Struminskaya: Inhaltlich hat sich das Programm im Vergleich zur Präsenzveranstaltung nicht viel verändert. Die virtuelle Konferenz setzen wir auf der Plattform iChair um. Sie können es sich am besten wie ein Konferenzhotel vorstellen. Wenn man sich in das Konferenzsystem einloggt, hat man sofort einen Überblick über das gesamte Programm, man sieht, was zu dem Zeitpunkt live stattfindet, kann in die Räume mit parallel laufenden Sessions hinein schauen, eine Exhibit Hall besuchen oder sich mit den anderen TeilnehmerInnen in der Coffee Lounge treffen.

Die Besucher können sich die regulären Vorträge ansehen und den Vortragenden während des Präsentationszeitraumes Fragen über einen Chat stellen. Die Keynotes sowie die Plenary Session werden als live Broadcastings stattfinden: neben den Präsentationen sind die Speaker auf einer Main Stage zu sehen und können Fragen beantworten, die TeilnehmerInnen ebenfalls über einen Chat stellen.

In der Exhibit Hall findet man die Poster-Beiträge, deren Präsentierende zu einer bestimmten Zeit für Fragen und Interaktion mit TeilnehmerInnen über einen Chat bereit stehen. Außerdem befindet sich in der Exhibit Hall eine Sponsorengalerie.

Social Events, wie von Herrn Hellwig beschrieben, finden in der Coffee Lounge in den virtuellen Yotribe-Räumen statt. Das ist sehr spannend und ähnelt dem Kaffeestand, den man von den bisherigen GOR Konferenzen kennt. Man kann dort sehen, wer sich alles in der Lounge aufhält, und sich mit jemandem treffen oder sich zu anderen TeilnehmerInnen "dazustellen" und ins Gespräch kommen. Die Möglichkeit sich über persönliche Chats mit den anderen TeilnehmerInnen auszutauschen oder einfach Hallo zu sagen, gibt es auch.

Können Sie bereits heute einen Ausblick auf die Zukunft der DGOF und GOR wagen? Wer wird die Geschäftsstelle zukünftig besetzen? Wie weit sind Ihre Überlegungen für 2021 gediehen?

Otto Hellwig: Im September 21 wird es wieder eine GOR-Konferenz vor Ort in Berlin geben. Diese wird aber deutlich virtueller. Davon profitieren Menschen, die nur virtuell teilnehmen können oder wollen, aber auch alle Personen vor Ort. In der Geschäftsstelle hat sich tatsächlich durch den Ausstieg von Birgit Bujard eine neue Situation ergeben und es ist ein Freiraum entstanden. Wir haben zwar schon einige Ideen, wie wir diesen Raum neu gestalten, werden diese Arbeit aber erst nach der GOR angehen.

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Das Interview führte Julian von der Meden

Veröffentlicht am: 08.09.2020

 

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