Dr. Lorenz Gräf: "Das Handy ist ein wirksames Kontaktmedium in der Marktforschung für sonst schwer erreichbare Zielgruppen"

Dr. Lorenz GräfIm Vorfeld der Mobile Research Conference in London hat sich Dr. Lorenz Gräf, Vorstand der Globalpark AG und Veranstalter der Konferenz, im Interview mit marktforschung.de zu den Herausforderungen und Zukunftsaussichten der mobilen Marktforschung geäußert.

marktforschung.de: Herr Dr. Gräf, vom 16. bis zum 17. Februar findet in London die von Globalpark veranstaltete Mobile Research Conference statt. Wo liegen die inhaltlichen Schwerpunkte der Veranstaltung, an wen richtet sie sich?

Dr. Lorenz Gräf: Die Mobile Research Conference ist die erste Branchenveranstaltung, die sich ausschließlich dem Themenspektrum mobiler Befragungen widmet. Wir freuen uns, für diese Veranstaltung hochkarätige Experten des Themengebiets aus Wissenschaft und Praxis aus der ganzen Welt gewonnen zu haben. Besuchern wird die Konferenz einen Überblick über den aktuellen Stand der Forschung zu Mobilbefragungen geben. Ganz praktisch erwarte ich mir Erkenntnisse dazu, welche Gemeinsamkeiten mobile Marktforschung mit anderen Methodiken hat und welche Unterschiede bestehen. Auch Fragen zu den besonderen organisatorischen Herausforderungen bei Mobilbefragungsprojekten, zu Kosten und Aufwand und nicht zuletzt zu den technischen Rahmenbedingungen mobiler Befragungen sollen bei dieser Konferenz beantwortet werden. Außerdem erwarte ich Informationen zu den praktischen Erfahrungen der Unternehmen, die diese innovative Befragungsmethode bereits einsetzen.  Die Veranstaltung ist daher für Nutzer von Mobilbefragungen genauso interessant wie für Geschäftsführer, Marktforschungs- und Marketing-Leiter, sowie Business Development Manager aus Unternehmen, die sich mit dem Thema noch nicht befasst haben.

marktforschung.de: Wo sehen Sie die Vorteile mobiler Marktforschung im Vergleich zu anderen Medien bzw. Methoden?

Dr. Lorenz Gräf: Mit Mobilbefragungen erschließen wir das Handy für die Marktforschung - ein Medium mit hoher Nutzungsintensität. Wir haben im vergangenen Jahr mehrere eigene Studien zur Akzeptanz von Mobilbefragungen durchgeführt. Positiv überrascht waren wir insbesondere von der schnellen Rücklaufquote. 40% der Befragungsergebnisse lagen innerhalb der ersten Stunde vor. Wir haben außerdem festgestellt, dass solche webbasierten Befragungsformen von Teilnehmern als unterhaltsam und spannend wahrgenommen werden, ein wichtiger Faktor bei zunehmender Befragungsermüdung. Zugleich sehen wir im Handy ein wirksames Kontaktmedium der Marktforschung für sonst schwer erreichbare Zielgruppen.

marktforschung.de: Wie beurteilen Sie die Chancen am Markt? Wo sehen Sie die Potenziale mobiler Marktforschung?

Dr. Lorenz Gräf: Die mobile Marktforschung an sich ist ja kein wirklich neues Thema. Einem Durchbruch standen in der Vergangenheit vor allem technische Barrieren und eine daraus resultierende mangelnde Akzeptanz beim Verbraucher entgegen. Diese Barrieren sind auch heute nicht vollständig abgebaut. Ich glaube aber, dass die neueste Generation der Smart Phones und damit verfügbar werdende schnelle Breitbandverbindungen zukünftig zu einer weiten Verbreitung des mobilen Internet beitragen werden. Die Zahl der Nutzer des mobilen Internet ist absolut zwar immer noch vergleichsweise gering. Insbesondere die Markteinführung des iPhone trägt aber derzeit deutlich zu einem Wahrnehmungswandel bei den Verbrauchern bei. Ich glaube, dass Mobilbefragungen in 3-5 Jahren zum Standardrepertoire der Marktforschung gehören werden. Heute ist die Befragungsmethode insbesondere für die Ansprache spezieller, schwer erreichbarer Zielgruppen geeignet. Im Kreis unserer Kunden steigt außerdem das Interesse an der Nutzung dieser Befragungsform als zusätzliche Methode in Sampling- und Kunden-Panels.   

marktforschung.de: Welche Nachteile sehen Sie?

Dr. Lorenz Gräf: Ein Problem ist derzeit, wie bereits angesprochen, die mangelnde Akzeptanz des mobilen Internet bei vielen Handynutzern. Diese ist durch die Unsicherheit über die anfallenden Nutzungskosten und die häufig noch geringe Geschwindigkeit des mobilen Internet bedingt. Wir sehen aber auch, dass Netzwerkbetreiber und Endgerätehersteller hier gerade in jüngster Zeit deutliche Fortschritte gemacht haben.

Wir als Anbieter von Software für Mobilbefragungen sehen uns dagegen mit großen technischen Herausforderungen konfrontiert. Derzeit gibt es etwa 5.000 unterschiedliche Mobiltelefonmodelle auf dem Markt. Mobilbefragungen müssen auf deutlich mehr unterschiedliche Bildschirmauflösungen und Internetbrowser angepasst werden als wir dies aus dem Online-Befragungsbereich kennen.

marktforschung.de: Wie beurteilen Sie die Chancen, technische Probleme wie z.B. die Uneinheitlichkeit der Handy-Browser kurzfristig zu lösen?

Dr. Lorenz Gräf: Natürlich wäre es uns als Software-Anbieter lieber, wenn es im Mobilbereich zu einer Standardisierung der Browser käme. Dies würde technisch einiges vereinfachen. Wir erwarten langfristig auch, dass sich eine Handvoll Mobilbrowser durchsetzen werden, wie dies im Online-Bereich ja auch der Fall war. Die Komplexität von Mobilbefragungen liegt aber in den unterschiedlichen Displaygrößen der Handys und der Herausforderung, Befragungen unabhängig vom genutzten Endgerät zuverlässig darzustellen. Wir beschäftigen uns mit diesem Thema nun mittlerweile seit 3 Jahren und sind daher bereits heute in der Lage, eine Vielzahl von Modellen zu unterstützen.

marktforschung.de: Kann die Marktforschungsbranche nicht auch mit den „herkömmlichen“ Erhebungsmethoden ihre Ziele erreichen, oder braucht sie aus Ihrer Sicht weitere technische Innovationen wie Mobile Research?

Dr. Lorenz Gräf: Das Mobiltelefon ist heute das Medium mit der größten technischen Verbreitung weltweit. Es ersetzt jetzt schon für eine wachsende Zahl an potenziellen Befragungsteilnehmern das Festnetztelefon. Mittelfristig hat das Handy das Potenzial, Hauptnutzungsmedium für Internetanwendungen zu werden. Nutzer werden daher eines Tages über ihr Mobiltelefon genauso gut für die Marktforschung erreichbar sein wie über Telefon oder PC – wenn nicht sogar besser. Wir gehen davon aus, dass die Marktforschung ein Interesse daran hat, sich diesen Kommunikationskanal zu erschließen. Als technischer Anbieter beschäftigen wir uns im Interesse unserer Kunden daher möglichst früh mit so einem wichtigen Thema.

marktforschung.de: Herr Dr. Gräf, vielen Dank für das Interview!

Veröffentlicht am: 04.02.2009

 

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