"Die Soziologie unter Putins Regime degradiert, die soziologische Gemeinschaft verdirbt sich jedes Jahr mehr und mehr"

Der russische Meinungsforscher Lew Gudkow wurde vergangenen Sonntag mit dem Lew-Kopelew Preis für Frieden und Menschenrechte ausgezeichnet. marktforschung. de sprach mit Gudkow über die Auszeichnung, seine Arbeitsbedingungen und über seine Prognose zur russischen Präsidentschaftswahl im März 2018.

Lew-Kopelew Preis (Bild: Lew-Kopelew Preisverleihung, KSK Köln)
Lew Gudkow nimmt seine Auszeichnung entgegen (Bild: Lew-Kopelew Preisverleihung, KSK Köln)

 

marktforschung.de: Herr Gudkow, Sie haben soeben den Preis für Frieden und Menschenrechte erhalten. Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie?

Lew Gudkow: Ich betrachte diesen Preis nicht als meinen persönlichen Verdienst, sondern als Anerkennung der Bedeutung von Forschung. Die Auszeichnung ist eine Unterstützung für unsere Arbeit und gilt für das gesamte Team des Lewada-Zentrums. Wir sind stolz auf unsere Arbeit und schätzen diese Solidarität sehr. Seit fast 30 Jahren haben wir Prozesse analysiert, die zum Zusammenbruch des Kommunismus und der Sowjetunion geführt haben, wir haben die Art und Weise der Reformen analysiert, die Welle der Euphorie und der Hoffnung, und wir haben die erste Periode der Demokratisierung unseres Landes begleitet. Und dann auch den wachsenden Widerstand gegenüber dieser Demokratisierung, der die konservative Stimmung gestärkt hat. Wir haben die Gründe für die Herrschaft und für die Bewunderung des autoritären Führers beschrieben und die Transformation Russlands zu einem kriminellen, kleptokratischen Regime beobachtet. Unsere Ergebnisse riefen scharfe Reaktion aus dem Kreml hervor. Wir wurden in den letzten Jahren ständig unter Druck gesetzt. Deshalb sind Solidaritätsbekundungen und eine solche Form der Unterstützung für uns sowohl moralisch als auch sozial äußerst wichtig.

marktforschung.de: Sie leiten das größte, unabhängige russische Meinungsforschungsinstitut, das Lewada Zentrum und wurden 2006 von den russischen Behörden zum “ausländische Agenten“ erklärt. Wie gehen Sie damit um?

Lew Gudkow: Wir sahen uns gezwungen, unsere gemeinsamen Forschungsprojekte mit einer Reihe von ausländischen Forschungsorganisationen, Universitäten und Institutionen, die sich mit sozialpolitischen Themen befassen, einzustellen. Das ist aus vielen Gründen sehr ärgerlich: Zum einen wegen der Reduzierung unseres Budgets um etwa 15-20 Prozent und zum anderen wegen der Unmöglichkeit des wissenschaftlichen Austauschs, der Zusammenarbeit. Es ist nicht katastrophal, aber eben doch sehr spürbar für uns. Wir bekommen nichts vom Staat und verdienen selber mit der Marketingforschung. Für uns ist die Partnerschaft mit Soziologen aus West-Europa extrem wichtig. Der Austausch von Ideen und Wünschen und das Bestreben, neue Verfahren und Qualitätsstandards der soziologischen Arbeit zu erfüllen, ist uns sehr wichtig. Die externe Bewertung unserer Arbeit diszipliniert unsere eigene Tätigkeit und zwingt uns, ständig mit dem Niveau von führenden soziologischen Institutionen "mitzuziehen".

marktforschung.de: Wie wirkt sich die Bezichtigung “ausländischer Agent“ auf Ihre tägliche Arbeit aus?

Lew Gudkow: Diese Bezichtigung führt zu einer Reihe von Einschränkungen für unsere Studien - wir können nicht, wie früher, Wahlumfragen bei den Wahlen durchzuführen oder zumindest solches Material veröffentlichen. Viele Beamte in den Regionen beschweren sich bei uns, dass der FSB (Anmerkung der Redaktion: Russischer Geheimdienst) Druck auf sie ausübt und zwingt, keine Interviews für unsere Mitarbeiter zu geben, da wir “ausländische Agenten“ sind. Aber wir führen langfristige Forschungsprojekte durch, um die Situation in den Regionen zu identifizieren, also im Bereich Bildung, Gesundheit, Beziehungen, auch die Lage des Arbeitnehmers sowie des Arbeitgebers, das Geschäftsklima, die Korruption und so weiter. Wenn die Bevölkerung darauf nicht reagiert, wird die Kooperation mit uns für die Bürokratie gefährlich. Viele unsere Kunden - Unternehmer oder Universitätswissenschaftler- haben Angst, eine Forschung bei uns in Auftrag zu geben, weil die Gefahr besteht, dass sie unter Sanktionen der Verwaltung fallen. Ich spreche nicht von der stark gestiegenen Anzahl von Antworten, die wir an das Justizministerium oder die Steuerbehörden senden sollten. Und natürlich haben die Medien eine Propagandakampagne gegen uns gestartet, um unsere Arbeit zu diskreditieren und unsere Forschung als eine von US-Behörden gesteuerte Forschung zu präsentieren. Die Glaubwürdigkeit unserer Daten soll untergraben werden, wir sehen uns täglich Verleumdung und Beleidigungen ausgesetzt. 

marktforschung.de: Wie erforscht man Meinungen in einem autoritären Land wie Russland? Wie gehen Sie dabei vor und worauf müssen Sie besonders achten?

Lew Gudkow:  Die Technologie unserer Umfragen entspricht in vollem Umfang allen Standards solcher soziologischen Umfragen, die in der Welt akzeptiert werden. Zu gegebener Zeit haben alle unsere Mitarbeiter in Gallup studiert. Aber unsere Besonderheit zu den üblichen Meinungsumfragen im Westen ist, dass wir akademische Aufgaben mit empirischen Erhebungen kombinieren. Der Kern unseres Forschungsprogramms - das unser Team seit 1989 durchführt - ist die Beschreibung des Zerfalls des totalitären Systems. In den frühen 90er Jahren wir haben auf eine schnelle und konsequente Demokratisierung Russlands und auf den Aufbau von Rechtsstaatlichkeit gehofft. Aber je mehr Zeit nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verging, desto klarer sahen wir die Schwierigkeiten. Und von 2003 bis 2007 kann man über den Rückfall des Totalitarismus oder zumindest über Putins Nachahmung des Sowjetregimes sprechen. Änderungen laufen aber sehr unterschiedlich in den verschiedenen Segmenten der Gesellschaft und des Staates. Die konservativsten sind die Institutionen, auf die sich das Putin-Regime stützt - eine geheime politische Polizei, unkontrolliert von der Öffentlichkeit, abhängig von der Administration des Präsidenten und der Justiz, der Armee und vom System der Massenbildung, die alle Hauptansätze und Stereotypen der sowjetischen Massenschule reproduziert. Deshalb betrachten wir die Wiederbelebung der sowjetischen Ideen und Erfahrungen. Wir beleuchten die durchschnittliche Person, die sich dem repressiven Staat anpasst. Diese ostentative Loyalität und die Entfremdung von der Politik und von der Teilnahme an öffentlichen Veranstaltungen.

marktforschung.de: Wie steht es um die Bereitschaft der russischen Bevölkerung, Umfragen zu beantworten? Müssen die Menschen mit Repressalien rechnen? 

Lew Gudkow: Die Menschen äußern sich ziemlich frei über allen bedeutsamen sozialen Probleme, einschließlich der Korruption der Behörden und sogar über Putin. Aber wegen der Zensur und aufgrund des Monopols staatlicher Medien sowie der Propaganda, haben sie keinen Zugang zu unabhängigen oder alternativen Informationen. Sie denken, dass die Mehrheit Angst hat, unsere Fragen zu beantworten. Vor allem diejenigen, die Putins Regime ablehnen, übertragen ihre Angst auf die gesamte Bevölkerung. Wir haben die Mittel, um das Niveau der Angst, das double-thinking und der Heuchelei zu bestimmen und damit die Qualität der erhaltenen Daten zu kontrollieren. Das ist natürlich nicht nur ein methodisches, sondern auch ein theoretisches, informatives Problem. Aber - und das ist sehr wichtig - double-thinking und Heuchelei spiegelt die Struktur des Massenbewusstseins wider. Das heißt, es ist ein sehr wichtiger Weg für die Anpassung an einem solchen Zustand. Das ist ein Thema unserer Forschung "Trügerische Person".

marktforschung.de: Als Meinungsforscher haben Sie im Kreml einen schwierigen Status – mit welchen Methoden wird versucht, Ihre Arbeit zu behindern?

Lew Gudkow: Durch den Versuch, uns von der Finanzierung abzuschneiden, durch Druckausübung auf unsere Kunden und durch das Verbot für die Teilnahme an Wettbewerben für ausländische Zuschüsse.

marktforschung.de: Was gibt Ihnen Hoffnung, trotzdem weiter zu machen?

Lew Gudkow: Das ist ein Verständnis meiner beruflichen und intellektuellen Pflicht, ein Bewusstsein für die Bedeutung meiner Arbeit. Ich verstehe, dass wir in einem gewissen Sinne als moderne Historiker arbeiten, die versuchen, einen totalitären “Tumor“ zu diagnostizieren, um zu verstehen, wie sich diese Art des sozialen “Krebses“ entwickelt. In bestimmten Situationen verstehe ich, dass der Soziologe in Russland der "Pathologe" der gescheiterten Möglichkeiten für die demokratische Evolution ist. Aber wichtiger ist unsere Analyse für andere. Stellen Sie sich vor, welche Möglichkeiten Historiker und Soziologen gehabt hätten, wenn soziologische Studien unter dem Nazismus hätten durchgeführt werden können.

marktforschung.de: Im März 2018 finden in Russland Präsidentenwahlen statt. Wie sieht Ihre Prognose aus?

Lew Gudkow: Mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent wird Putin an den "Wahlen" teilnehmen. Es werden nicht Wahlen sein, sondern die Akklamation desjenigen, der Macht und Kontrolle über die öffentliche Meinung hat, über die Art der Volksabstimmung unter Bedingungen der Unfreiheit.

marktforschung.de: Was glauben Sie - wie wird sich die Lage von Meinungsforschern in Russland weiterentwickeln? 

Lew Gudkow: Die Soziologie unter Putins Regime degradiert, und die soziologische Gemeinschaft verdirbt sich jedes Jahr mehr und mehr.

marktforschung.de: Wie sieht Ihr nächstes Projekt aus?

Lew Gudkow: Ich würde gerne eine große Jugendstudie durchführen. Junge Menschen sind die größte Pro-Putin Gruppe der russischen Bevölkerung, die sogenannte “Putinjugend“. Der Beginn ins Erwachsenenleben erfolgte unter einem autoritären Regime, somit ist die Jugend am stärksten mit der neuen Ideologie des wieder erstarkten russischen imperialen Nationalismus, des “Anti-Westen“ Gedankenguts und der Fremdenfeindlichkeit bestrahlt. Diese jungen Menschen - abgesehen von der dünnen Schicht von “Kindern von Eltern aus der Mittelschicht“ in den Großstädten – besitzen praktisch keine Immunität gegen die verhängte Propaganda und den Widerstand gegen Putins Demagogie. Wenn wir bedenken, dass diese jungen Menschen Schlüsselpositionen in der Gesellschaft, in der Regierung und in der Wirtschaft bekommen, dann ist es wichtig zu verstehen, welche Konsequenzen dies in der Zukunft haben wird.

Das Interview führte Maike Alvarado. Übersetzung von Viktoriia Zhukova.

Veröffentlicht am: 27.11.2017

 

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