"Die neue Normalität ist digital"

Dr. Mohini Krischke-Ramaswamy, Ipsos

Kann man Gruppendiskussionen, Workshops und Tiefeninterviews drei Monate nach dem Corona-Lockdown schon wieder offline durchführen? Wohin geht die Reise der qualitativen Forschung? Wir sprachen darüber mit Dr. Mohini Krischke-Ramaswamy von Ipsos.

marktforschung.de: Frau Krischke-Ramaswamy, Sie leiten seit mehreren Jahren die qualitative Forschung von Ipsos, Ipsos UU in Deutschland mit einem Team von über 60 Kollegen. Wie schätzen Sie persönlich die aktuelle Situation der qualitativen Forschung ein? Wohin geht die Reise?

Dr. Mohini Krischke-Ramaswamy: Wir erleben gerade wie die Coronakrise weltweit die digitale Transformation in Unternehmen enorm beschleunigt. Die Marktforschung ist von dieser Entwicklung natürlich nicht ausgenommen.

Als Ipsos forcieren wir ja - sowohl national als auch international - schon seit Jahren die Nutzung digitaler Tools und Methoden, die aktuell sehr gut helfen, das Gebot der Stunde, der "sozialen Distanzierung" einzuhalten. Die neue Normalität ist digital.

Wohin die Reise ökonomisch geht, das kann ich im Moment noch nicht abschätzen. Ich habe aber den Eindruck, dass viele unserer Auftraggeber gerade wegen Corona weiter viele offene Forschungsfragen haben und beauftragen. Langfristig werden sicherlich wieder mehr grundlegende Fragen erforscht, um das geänderte Konsumverhalten zu verstehen, neue Prioritäten zu verstehen. Deshalb wird Forschung generell, aber gerade die qualitative Forschung stark an Bedeutung gewinnen, denn das, was vor Corona galt, gilt vielleicht nicht mehr, zumindest muss dies hinterfragt und belegt werden. Und Big Data, lange das große Thema, ist jetzt nicht mehr relevant, denn diese Daten sind ja alle aus der Vergangenheit und beziehen sich auf eine Realität, die jetzt an Gültigkeit verloren hat. Wir müssen jetzt neu Beobachten und Nachfragen – und das werden auch viele Entscheider in Unternehmen erkennen, wenn sie es nicht bereits erkannt haben.

Wie ist angesichts der Coronakrise die Strategie von Ipsos UU?

MKR: Ipsos UU verfolgt sehr erfolgreich eine digitale Strategie. Insofern hat Corona keinen Einfluss auf unsere methodische Ausrichtung d.h. wir forschen möglichst viel online-digital und machen nur Unverzichtbares noch offline.
Grundsätzlich denke ich, dass wir bei Ipsos viel Lust haben die klassischen, qualitativen Methoden zu modernisieren und weiter die Möglichkeiten der digitalen Technologien in unsere Methodenportfolio integrieren wollen. Und dies hat nichts mit Corona zu tun, eher damit, qualitative Forschung zukunftsfähig zu machen.

Überhaupt liegt Deutschland im Vergleich mit anderen Ländern hintenan, andere haben schon viel früher, stärker, umfassender auf digitale Erhebungsmethoden umgestellt. Auch bei denen ist dieser Trend nun verstärkt, wir rennen da eher hinterher. Ein Gegentrend ist nirgendwo zu beobachten.
Auch erleben wir in der Praxis, dass die Auftraggeberseite jetzt offener ist, digitale Methoden auszuprobieren – sogar diejenigen, die lange an klassischen Methoden festgehalten haben, sind jetzt - herausgefordert durch Corona – offen für digitale Ansätze. Und viele finden großen Gefallen daran. Zum Beispiel gab es kürzlich großen Beifall, als wir bei In-Home-Produkttests das Feedback der Probanden durch "Unboxing Videos" eingeholt haben, die sehr eindrücklich die direkten Reaktionen und Emotionen gezeigt haben.

Wo stehen wir heute in Deutschland drei Monate nach Beginn des Shutdowns? Ist qualitative Forschung in Zeiten sozialer Distanzierung wieder uneingeschränkt möglich?

MKR: Digital ja – offline bin ich noch skeptisch. Ich liebe authentische, persönliche Gespräche mit Menschen, aber ich bin kein allzu großer Fan von qualitativen Befragungen in Teststudios. Klar, der methodische Vorteil ist die Kontrolle der Testsituation, aber die Künstlichkeit des Laborumfeldes und der Gesprächssituation sind für mich wichtige methodische Nachteile.
Und die Künstlichkeit der Studiobefragung wird jetzt sogar noch getoppt durch soziale Distanzierungen hinter Plexiglas-Scheiben. Deshalb ist ein "Zurück ins Teststudios" auch unter "Corona-konformen-Settings" für mich derzeit noch keine sinnvolle Option. Authentische Face-to-face-Forschung ist unter vorgegebenen Hygiene- und Abstandsregeln kaum möglich. Für mich ist das sogar eine doppelte Künstlichkeit. Und ganz ehrlich: Warum sollte man Gruppendiskussionen und Tiefeninterviews im Jahr 2020 nicht online durchführen?

Auch in puncto Zielgruppen haben wir uns lange Gedanken gemacht, wen wir alle mit Online-Methoden erreichen. Jetzt durch Corona gepusht, ist digitale Kommunikation in Deutschland und Europa so gängig und gleichzeitig verfügbar geworden, dass ich fast jeden Konsumenten in einem Webcam-Interview oder einem Mobile Diary befragen kann, ohne dass große technische Barrieren bestehen. Vielmehr müssen wir uns heute Gedanken machen, ob Leute mit bestimmten Mindsets, Einstellungen, Motivationen gar nicht mehr in ein Teststudio kommen. Besteht jetzt die Gefahr, dass wir nur noch die Offenen, die Risikofreudigen, die Unbeschwerten dort treffen können, während die Kontrollierten, Sicherheitsbedürftigen, Besorgten gar nicht mehr dorthin kommen wollen?

Wir werden noch lange Zeit sehr bewusst abwägen und unsere Kunden dazu beraten: für welche Fragestellungen und Stimuli das "Neue Face-to-Face" wirklich einen Insight-generierenden Vorteil bietet. Wenn wir in Zukunft Face-to-Face planen, dann werden wir uns bewusst für echte Begegnungen Zuhause, beim Shopping, In-Office etc. entscheiden, damit wir tatsächlich näher an den Konsumenten dran sind und eine andere Qualität als digital erzielen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Dr. Mohini Krischke-Ramaswamy leitet seit mehreren Jahren die qualitative Forschung von Ipsos in Deutschland (Ipsos UU) mit einem Team von über 60 Kollegen.

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Veröffentlicht am: 10.06.2020

 

Kommentare (16)

  1. Freelancer am 23.06.2020
    Mit großem Interesse habe ich hier die Diskussion verfolgt und möchte auch noch mal den Kommentar von "Teststudio" vor 2 Wochen aufgreifen: Hier geht es ja nicht nur um eine methodische Diskussion (bei der ich auch den Standpunkt vertrete, dass ein Methodenstreit nach dem Motto "online ist besser / zeitgemäßer / was auch immer als offline" nichts weiter als antiquiert ist...oder streiten wir auch noch darüber, inwiefern qualitative Methoden den quantitativen über- oder unterlegen sind?).
    Es geht vor allem auch um den sozialen Aspekt und das geschäftliche Miteinander, um gegenseitiges aufeinander angewiesen sein und einen kollegialen Umgang: Wie viele Jahre arbeiten wir qualitativen Forscher vertrauensvoll mit Instituten zusammen? Wie oft haben wir uns in einem (nicht immer einfachen) Diskurs angenähert, wie man einerseits die ideale Zielgruppe befragen kann, ohne gleichzeitig an der Realität vorbei zu schrammen (Stichwort: Wir würden gerne politisch alternative DINKS mit Kinderwunsch befragen, aber bitte in der Altersgruppe 20-25)? Wenn die Teststudios diese Krise nicht überleben, dann frage ich mich, wie ich auf dem gewohnten Niveau überhaupt noch vernünftige Studien aufgesetzt bekomme (Stichwort Rekrutierung).
    Ich hoffe nicht, dass dann hier auch weiter das Maß aller Dinge die Kostenersparnis werden wird, und wir uns in schlecht rekrutierten Online-Communities mit dem mageren Antwortverhalten (bedingt durch eine äußerst magere Incentivierung) der Teilnehmer herumärgern müssen. Ich möchte auch weiterhin mit den Partnern zusammenarbeiten, mit denen die Prozesse eingespielt sind und auf die ich mich verlassen kann. Und die unterstütze ich dann, wo immer eine F2F-Befragung sinnvoll und richtig erscheint. Als Freelancer hat man die Wahl der Methode ja nicht immer in der Hand, aber ich würde mir wünschen, das gerade die großen Institute - und allen voran Ipsos als einer der Innovationstreiber - diesen Aspekt bei aller strategischen Ausrichtung und Wirtschaftlichkeitsinteressen nicht aus den Augen verliert.
  2. Dr. Olaf Rüsing am 17.06.2020
    Tatsächlich sind wesentliche Argumente bzgl. der Frage nach der Künstlichkeit von Erhebungssituationen oder auch der Grundfrage nach der Angemessenheit einer Methode ja bereits von anderen Rednern dargelegt. Deshalb nur in Kürze: Bzgl. der Künstlichkeit von Erhebungssituationen teile ich ganz die Ansicht von Prof. Riedel. Ein Ausspielen von reaktiven Methoden auf der Dimension "Natürlichkeit vs. Künstlichkeit" erscheint doch ein wenig aus der Zeit gefallen. Mit Blick auf die Angemessenheit der Methode scheint hier eine meiner Meinung nach unzureichende Verengung auf den Erhebungsmodus Online vs. f2f vs. etc. vorzuliegen. In dem, was technisch oder forschungsökonomisch geboten erscheint, erschöpft sich jedoch nicht die Beratungsqualität des Forschers, denke ich.

    Jedoch verstehe ich die Argumentation von Frau Ramaswamy als diskutablen Standpunkt, den ich in der mir vermittelten Überbewertung von qualitativen Online-Verfahren nicht teile, aber für die sichtbare Auseinandersetzung - wie die zahlreichen Kommentare zeigen - zum Qualitätsdiskurs dankbar bin.

    Tatsächlich bin ich ja auch ein Fan qualitativer Online-Forschung (ebenso wie von ethnographischer Forschung und semiotischer Forschung und ...). Viele Fragestellungen erlauben ja durchaus einen anderen Modus als das F2F-Gespräch im Studio - ohne relevante Inhalts- oder Qualitätsverluste. Die Diskussion wurde ja in Grundzügen bereits Ende der 1990er/ Anfang der 2000er geführt. Spannender erscheint mir doch, welche neuen (auch methodischen) Beiträge durch die Digitalisierung qualitativer Methoden (Textliche Erfassung, Spracherkennung, Machine Learning, etc.) entstehen. Kurzum: Inwiefern auch ökonomisch sinnvolle neue Analysen mit qualitativem Datenmaterial realisiert werden können - und somit nicht die alte Diskussion "Aus Offline mach Online" geführt wird, sondern das eigenständige Potenzial der Online-Methoden sichtbar wird.
  3. Bernd Wachter am 17.06.2020
    Liebe Frau Bogner,
    so "harsch" empfinde ich den Ton der Diskussion tatsächlich nicht, allerdings provoziert die Absolutheit der Aussagen im Artikel geradezu Widerspruch. Die Zukunft ist weder digital noch analog, wie ist bestenfalls digitaler als in der Vergangenheit, aber das ist als Aussage ja platt und versteht sich von selbst. Die Frage "Warum sollte man Gruppendiskussionen und Tiefeninterviews im Jahr 2020 nicht online durchführen?" wird gestellt aber nicht beantwortet. Damit wird suggeriert, dass es keinen Grund gäbe, der dagegen spricht, dass man alles online machen könne. Das empfinde ich als "harsch", wenig konstruktiv und halte ich für völlig falsch. Innovation ist kein Selbstzweck, sondern muss mehr Nutzen stiften als Bewährtes. Das ist eben nicht immer und pauschal der Fall (und das gilt im Übirgen auch für das "längst fälliges" HomeOffice, das ja nicht nur Vor- sondern eben auch massive Nachteile und ungelöste Probleme mit sich bringt). Und wenn man diese Einschätzung wohl differenziert und argumentiert äußert, dann bedeutet das gerade nicht, dass man "erst jetzt die Möglichkeiten der digitalen Forschung entdeckt" (was eine pauschale Diffamierung darstellt).
    In diesem Sinne auf eine konstruktive Diskussion, gerne auch mit klaren Aussagen.
    Bernd Wachter
  4. Teresa Bogner am 16.06.2020
    Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich bin, ehrlich gesagt, sehr überrascht über den harschen Ton, der hier auf einmal angeschlagen wird? Warum so aggressiv, nur weil eine erfahrene Forscherin ihren Standpunkt erläutert? Liegen die Nerven so blank, dass Sie sich davon angegriffen fühlen? Frau Ramasmamy beschäftigt sich seit viele Jahren u.a. mit den Möglichkeiten der qualitativen Online-Forschung und wie sie wundere auch ich mich, warum viele erst jetzt die Möglichkeiten der digitalen Forschung entdecken!? Das gab es doch schon länger. Wir haben in den letzten 3 Monaten sehr viele digitale Studien durchgeführt und viel positives Feedback von Kunden und Teilnehmern erhalten. Sicherlich freuen wir uns alle auf echte Gespräche (auch im Studio), aber das Digitale wird einen größeren Raum einnehmen. Und wir freuen uns darüber / darauf! Wie in anderen Bereichen ( Stichwort Homeoffice) ist Corona wohl nur eine Beschleunigung einer längst fälligen Digitalisierung unserer Branche. Lassen Sie uns doch lieber gemeinsam nach neuen, innovativen Wegen Ausschau halten, wie wir digitale Gespräche mit bewährte Online-Methoden und Offline-Methoden kombinieren können. Statt hier Schuldzuweisungen zu posten, wünsche ich mir einen konstruktiven Dialog Richtung Zukunft!
  5. Bernd Wachter am 16.06.2020
    Der gute Marktforscher wählt immer die forschungsökonomisch sinnvollste Methode statt einseitig eine Methode schlechtzureden und eine andere Methoden dabei nicht zu hinterfragen. Ein Stück weit ist jedes Interview (und GD) - im Gegensatz zur Beobachtung - eine künstliche Situation, auch das Online-Interview. Beide Situationen - Teststudio und online - sind ein stückweit selektiv. Und während online Vorteile bei der Erreichbarkeit von Testpersonen, vor allem in b2b-Zielgruppen haben mag, bietet die offline-Interaktion so viel mehr an non-verbaler Kommunikation und Information, wovon am Bildschirm vieles untergeht. Insofern wird auch in Zukunft das Teststudio für viele, vor allem aber nicht nur qualitative Fragestellungen unverzichtbar bleiben. Und das hat nichts mit Innovationsreaktanz oder Digitalisierungsverweigerung zu tun, sondern ist das Ergebnis der Methodenadäquatheit bezogen auf die Forschungsfrage. Wer das nicht erkennt, verkennt was einen guten Forscher ausmacht.
  6. Rudi Mentär am 16.06.2020
    So etwas kann auch nur ein Mensch von sich geben, der sich schon vor Jahren aus dem operativen Projektgeschäft entfernt hat und nur noch damit beschäftigt ist, die "Digitalisierung" im eigenen Unternehmen dadurch voranzutreiben, indem Mitarbeiter*innen kostengünstig freigesetzt werden.
  7. Christiane Schmitz-Trebeljahr am 16.06.2020
    Die Kombination aus on- und offline tailorisiert auf Fragestellung, Forschungsgegenstand und Zielgruppe ist für uns bei Lifesights zur Best Practice geworden. Ohne Face-to-Face Forschung verlieren wir einen bedeutenden und menschlichen Teil unserer Arbeit auch wenn wir wir mit Online Methoden (übrigens nicht erst seit Corona) wertvolle Befragungsmöglichkei gewinnen, können Produkt-Tests, Sensorikforschung, Shelf Tests, Shopper Studien nur sehr eingeschränkt digitalisiert werden. Daher brauchen wir die Test-Studios als Partner an unserer Seite und ich denke, Teststudios brauchen auch weiterhin die Institute ;-) Wir jedenfalls freuen uns auf die weitere Zusammenarbeit!
    CST
  8. Prof. Dr. Matthias Riedel am 16.06.2020
    Als Forscher blutet mir das Herz, wenn verschiedene Methoden gegeneinander ausgespielt werden. Trägt doch jede potenziell zum Erkenntnisgewinn bei und ist unter bestimmten Bedingungen und für bestimmte Fragestellungen besonders geeignet. Wer es wirklich gültig haben will, kombiniert zudem möglichst noch unterschiedliche methodische Blickwinkel.
    Nun ausgerechnet der komprimierten face-to-face-Forschungs-Situation im Teststudio wegen ihrer „Künstlichkeit“ latent die Sinnhaftigkeit abzusprechen, scheint gedanklich zu kurz gesprungen.
    Klar ist es künstlich, wenn Verbraucher*innen oder Expert*innen einmal in neutraler, geschützter Umgebung mit gewisser Distanz zu ihrem Alltagsumfeld in der Tiefe reflektieren, was sonst ungedacht bleibt.
    Und klar ist es künstlich, wenn sich auch die entscheidenden Stakeholder von Auftraggeber-Seite mit am Forschungsort versammeln. Wenn sie sich voll auf ihre Forschungsfragen konzentrieren und mit ihrer Zielgruppe sogar bei Co-Creations oder über die Moderation vermittelt, in den Dialog treten können. Nicht bei irgendeiner PR-Veranstaltung, sondern in eben der beschriebenen neutralen Umgebung.
    Was die Tiefe der Insights, aber auch den Impact auf die Auftraggeber angeht, erscheint eben genau diese "Künstlichkeit" unverzichtbar – und in jedem Fall erhaltenswert.
  9. Freiberufler am 15.06.2020
    Antwort an "Teststudio":
    Ich habs ehrlich gesagt noch nie verstanden, wieso Teststudios Anfagen brav an Institute weiterleiten statt zumindest die Feldarbeit selbst durchzuführen.
  10. Joachim Odendahl am 15.06.2020
    Hallo Frau Krischke-Ramaswamy,

    ich bin nicht Ihrer Meinung dass qualitative Onlineforschung per se biotisch sei. Was soll an einem Online-Interview oder einer Online moderierten Community weniger künstlich sein als ein F2F-Gespräch in Räumen mit professioneller Ausstattung, nun mit den üblichen Hygienemaßnahmen versehen? Besondere Hygiene-Maßnahmen sind doch in der "neuen Normalität" überall anzutreffen. Wenn wir alle im Alltag mit einer Gesichtsmaske einkaufen, überall besagten Spukschutz vorfinden und Abstand voneinander halten - warum sollte dann eine Befragungssituation nur dann statthaft sein, wenn diese Hygienemaßnahmen nicht mehr notwendig wären? An allen Orten wird über Solidarität mit denen gesprochen, die es derzeit schwer haben. Die meisten Menschen sind z.B. bereit den Haarschnitt beim Friseur mit einem Aufpreis zu bezahlen, weil es ob der Hygieneregeln eben weniger Kundentermine pro Tag geben kann als in der "alten Normalität". Wenn wir "Hurra, F2F ist tot, danke Corona lebe nun Online hoch" schreien, was glauben Sie wird mit der Studiolandschaft in Kürze passieren? Wieso kann die Branche JETZT keine Solidarität mit den Teststudios zeigen? Wenn wir das nicht tun, werden wir in naher Zukunft schlicht und einfach keine Studiobefragungen mehr anbieten können. Weil es dann keine Studios mehr geben wird.
  11. Stephan Teuber am 15.06.2020
    Dass die Zukunft digitaler wird, ist Common Sense. Dass die Zukunft „digital ist“, halte ich für eine Vereinseitigung, die der qualitativen Forschung nicht gut tun würde. Gerade wo es um das Verstehen sinnhaften Handelns geht, wo es um das Aufspüren von Motivationen, Einstellungen und Werten im Kontext - auch im sozialen Kontext - geht, scheint mir die f2f-Kommunikation auch in Zukunft eine zentrale Säule qualitativer (und auch quantitativer) Forschung zu bleiben. Der Mensch ist eben mehr als sein mediales Abbild in Zoom, und auf eine ganzheitliche Kommunikation zu verzichten, würde zu einem erheblichen Erkenntnisdefizit führen. Bei aller vermeintlichen Künstlichkeit der Studioatmosphäre bieten Teststudios eben doch einen Ort, wo sich unterschiedliche Menschen, Perspektiven, Milieus etc. relativ ungebiased zu einem Thema austauschen können. Dieser Ort ist mit Sicherheit nicht weniger künstlich als die mediale Inszenierung einer bewusst fetischisierten Objektbeziehung durch Unboxing. Ganz im Gegenteil. Arbeiten wir also an einer Zukunft der qualitativen Forschung ohne Vereinseitigung oder gar Verkürzung der Kommunikation.
  12. Teststudio am 12.06.2020
    Man sollte sich als TeststudioBetreiber generell fragen ob man weiter loyal an fullservice Institute verweist wenn Anfragen von Endkunden kommen. Mit freiberuflichen Psychologen ist es oft einfacher und sinniger und vor allem kostengünstiger Projekte direkt für den Endkunden durchzuführen als auf ungeschulte Mitarbeiter von fullservice Institute zu verweisen. Da u.a. bei Ipsos UU Kurzarbeit herrscht (vermutlich weil sie von persönlicher f2f MaFo abraten) sind derzeit genügend Personalkapazitäten verfügbar!
  13. Markus Schaub am 12.06.2020
    Methodisch betrachtet ist eine Befragung immer künstlich, weil der Teilnehmer ja weiß, dass er sich in einer solchen befindet. Nur die Beobachtung, bei der, der Befragte völlig ahnungslos ist, wäre nicht künstlich. Bei einer persönlichen Befragung , kann ich aber wesentliche Bestandteile der Körpersprache erfassen, die für die Einschätzung der Antwort von erheblicher Bedeutung ist und das durchaus auch bei mehreren Personen gleichzeitig. Eine solches ist bei einer Online Gruppe oder Einzelgespräch nur eingeschränkt möglich. Digital Methoden haben durchaus Ihren Sinn, aber diese können kein Ersatz für persönliche Befragungen oder Gruppen im Teststudio sein. Die Teststudios in Deutschland haben alles nur erdenklich möglich getan, um solche Studien wieder sicher stattfinden zu lassen. Wir und die Kollegen haben in den letzten Wochen bereits einige solcher Studien mit Erfolg durchgeführt. Wenn es auch in Zukunft in Deutschland noch solche Studios geben soll, dann ist jetzt der richtige Zeitpunkt diese mit Aufträgen zu unterstützen.

    Gruß

    Markus Schaub
  14. Olaf Dose am 12.06.2020
    Liebe Kollegin, ich habe ein paar Nachfragen:

    - was ist an einem Computer-Bildschirm mit 8 briefmarkengrossen Ruckel-Bildern weniger "künstlich" als an echten Menschen hinter einer durchsichtigen Plexiglasscheibe ?
    - wie saugen Sie drei verschiedene Fussbodenbeläge mit einem Dummystaubsauger während einer Online-GD ?
    - wie basteln Sie online eine Collage in einer Kleingruppe ?
    - wie befragen Sie die (nach unseren Rekrutierungserfahrungen der letzten Wochen geschätzt) ca 30% der Bevölkerung, die eben nicht über Headsets, stabile Internetverbindungen etc verfügen

    Ich hätte noch viele solcher Fragen, glaube aber nicht, dass es der Branche hilft, jetzt die eine Methode gegen die andere auszuspielen. Jede hat ihren Platz, ihre Funktion und ihren Sinn.

    F2F Marktforschung war, ist und bleibt dabei einer von vielen möglichen Ansätzen. Wir sollten lieber versuchen, ihn zu erhalten, als ihn tot zu reden.

    Olaf Dose (Dose Marktforschung)
  15. Jürgen Glaser, Punkt Teststudio GmbH, Teststudios Deutschland am 12.06.2020
    Warum sollte man Gruppendiskussionen und Tiefeninterviews im Jahr 2020 nicht online durchführen?
    Weil es dann, liebe Frau Dr. Krischke-Ramaswamy, leider keine Studios mehr geben wird in denen Sie 2021 noch persönliche Gruppendiskussionen durchführen können. Bitte bei allen noch so sinnvollen und nachvollziehbaren methodischen Ansätzen nicht die soziale und ethische Komponente aus dem Blick verlieren: wir Studioanbieter werden bei dieser Einstellung so gut wie alle die Pforten schließen müssen. Lassen Sie uns bitte lieber einen vernünftigen Kompromiss für die (zumindest für uns) sehr schwere Zeit finden.
    Vielen Dank und viele Grüße, Jürgen Glaser
  16. Teststudio am 12.06.2020
    Tolle Unterstützung der Teststudios die in dieser Zeit aufgrund der hohen Innenstadtmieten und weiter laufenden Personalkosten ohne Aufträge sowieso schon um Ihre Existenz kämpfen! Weiter so!

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