"Die Marktforschung ist zukunftsfähig, eher mehr als weniger"

Karriere in der Marktforschung: Interview mit Christian Thunig, INNOFACT

Wer eignet sich besser, für einen Berufsstart und eine Karriere in der Marktforschung zu werben (oder zu warnen) als diejenigen, die bereits seit Jahren in der Branche arbeiten? Christian Thunig, Managing Partner bei INNOFACT, nennt zum Start unserer Interviewreihe einige gute Gründe, sich beruflich für die Marktforschung zu entscheiden.

marktforschung.de: Angenommen Herr Thunig, Sie werden im Zug von einer Schulabgängerin gefragt, was Sie beruflich machen. Sie erzählen davon, in der Marktforschung zu arbeiten. Die junge Dame ist beruflich noch in der Orientierungsphase und Sie beschließen, sie zu einem Berufsstart in der Marktforschung zu überreden. Wie stellen Sie das an?

Christian Thunig: Überreden ist immer ganz schlecht. Am Ende müssen junge Menschen das, was sie tun, gerne tun. Nur dann kann man erfolgreich sein. Aber davon mal abgesehen: Es gibt ja einen gewissen Hang junger Menschen, in den Medienbereich zu gehen. Insofern würde ich argumentieren: Marktforschung hat viel von Journalismus – und übrigens Journalismus, Stichwort Datenjournalismus, hat auch zunehmend etwas von Marktforschung.

marktforschung.de: Wie meinen Sie das genau?

Christian Thunig: Für jede Untersuchung recherchiert man das Thema gemeinsam mit dem Kunden an, um überhaupt die Studie konzipieren zu können. Und am Ende steht immer eine Rechercheergebnis in Form von Zahlen, das im Zweifel am besten in eine gute Geschichte für den Kunden gekleidet wird. Denn Menschen verankern Informationen und Wissen am besten über Geschichten und nicht über Zahlen. Auch Geschäftsmodellarbeit und Strategie funktioniert übrigens am besten auf Basis von Userstories. Also wer Lust hat, sich auch in verschiedene Themen einzuarbeiten, gerne faktenbasiert recherchiert und es liebt, dazu auch eine Geschichte zu erzählen, ist in der Marktforschung gut aufgehoben. 

marktforschung.de: In anderen Branchen kann besser verdient werden als in der Marktforschung. Was gleicht den Gehaltsverzicht aus?

Christian Thunig: Es gibt immer Branchen, in denen besser verdient wird. Übrigens auch Branchen, in denen schlechter verdient wird. Und wenn man gefühlt im falschen Job steckt, ist keine Bezahlung hoch genug. Am Ende geht es immer darum, in welchem Job und Fachgebiet man aufgeht. Erwiesenermaßen hält übrigens das Glücksgefühl einer Gehaltserhöhung nur ganze drei Monate vor, danach zählt nur wieder das, was man tagtäglich tut. 

marktforschung.de: Würden Sie von einer Zukunftsbranche sprechen mit dann auch tollen Arbeitsplatzaussichten? Oder ist der Beruf ein Auslaufmodell, weil die Marktforschung künftig automatisiert von den Unternehmen selbst und nebenbei erledigt wird? 

Christian Thunig: Ach, immer dieser Abgesang. Erstens ist Marktforschung zukunftsfähig, eher mehr als weniger, denn es wird immer mehr Daten geben, die konfektioniert, geclustert, beurteilt oder interpretiert werden müssen. Ob wir in 10 Jahren noch von Marktforschung sprechen oder dann von Data Analytics, sei dahingestellt. Aber im Kern und dem Sinn nach wird der Berufszweig nie aussterben und auch die Breite der Methoden wird bleiben. 

marktforschung.de: Wie bei den Medien?

Christian Thunig: Ja genau, bei den Medien ist jeder neue Kanal zu den bestehenden hinzugekommen - keiner ist verschwunden. Das Radio gibt es immer noch und wird es immer geben. So beobachten wir das auch in der Marktforschung. Beispielsweise die qualitative Marktforschung mit Fokusgruppen wird uns noch lange begleiten. Telefon wird weiterhin für einige Forschungsdesigns notwendig sein, aber die Auswertung von Verhaltensdaten im Web wird eben auch ein wichtiger Bereich werden.  

Wichtig ist, dass man in einem Umfeld oder Institut arbeitet, wo die Offenheit für neue Methoden gegeben ist 

marktforschung.de: Wenn Sie noch einmal in die Marktforschung gehen würden, welche Karriereweiche würden Sie dieses Mal anders stellen?

Christian Thunig: Keine. Wichtig ist, dass man in einem Umfeld oder Institut arbeitet, wo die Offenheit für neue Methoden gegeben ist und auch aktiv daran geforscht wird, um nicht abgehängt zu werden. Und ein gutes innovativ denkendes Institut ist der beste Karrierebegleiter.

marktforschung.de: Bitte vervollständigen Sie: Wenn ich nicht in die Marktforschung gegangen wäre, dann wäre aus mir auch ein guter XXX geworden.

Christian Thunig: Ob gut, weiß ich nicht, aber ich wäre Journalist geblieben. Ich war vorher bereits als Chefredakteur in der Handelsblatt Media Group tätig. Aber ich habe mich bewusst dafür entschieden, "Datenjournalismus" zu machen. 

Möchten auch Sie im Interview loswerden, warum Sie so gerne in der Marktforschung arbeiten? Und damit andere auf die Branche neugierig machen? Wir freuen uns auf Ihre Mail!

Das Interview führte Tilman Strobel

Veröffentlicht am: 27.11.2019

 

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