"Die Markt- und Sozialforschung kann zum Impulsgeber für gesellschaftliche Innovationsprozesse werden" - rheingold-Geschäftsführer Stephan Grünewald im Interview

Stephan Grünewald, rheingold Institut
Stephan Grünewald, rheingold Institut

Der Psychologe Stephan Grünewald, Mitbegründer und Geschäftsführer des rheingold-Instituts, hat in der Vergangenheit schon mehrfach einen Blick in die "deutsche Seele" geworfen. In seinem jüngst veröffentlichten Buch "Die erschöpfte Gesellschaft – warum Deutschland neu träumen muss" befasst er sich vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Krisen der jüngeren Vergangenheit und der stetig zunehmenden Digitalisierung aller Lebensbereiche erneut mit der Befindlichkeit der deutschen Gesellschaft. Im Interview mit marktforschung.de äußert er sich zu den Hintergründen aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen und zu deren Implikationen für die Marktforschung.

marktforschung.de: Herr Grünewald, nach "Deutschland auf der Couch" und dem lokalen Ableger "Köln auf der Couch" ist nun Ihr Buch "Die erschöpfte Gesellschaft – warum Deutschland neu träumen muss" erschienen. Was hat Sie dazu bewogen, erneut einen vertieften Blick in das Seelenleben der Deutschen zu werfen?

Stephan Grünewald: In den letzten sieben Jahren haben sich die Gesellschaft und die Seelenlage der Menschen hierzulande deutlich verändert. Die kafkaeske Krisenpermanenz, die wir seit 2009 erleben, hat dazu geführt, dass viele in eine Überbetriebsamkeit fliehen. Sie schalten im Alltag auf Autopilot und es ist wichtig, vor allem zu funktionieren. Der Werkstolz weicht oft einem Erschöpfungsstolz. Wir sind am Ende eines Tages stolz auf den Grad der Erschöpfung, den wir uns erarbeitet haben.

marktforschung.de: Was, würden Sie sagen, ist das Kernergebnis Ihrer Analyse?


Stephan Grünewald: Durch die Dynamisierung des Hamsterrades und die besinnungslose Betriebsamkeit laufen wir Gefahr betriebsblind zu werden. Wir verlieren das aus dem Blick, was uns wirklich bewegt und antreibt und drohen uns daher im "alternativlosen" Weiterso festzurennen. Das Träumen sehe ich als einen Ausweg und als eine Grundvoraussetzung für Kreativität und Innovationsfähigkeit. Vor allem das nächtliche Träumen rückt wieder in den Blick, welche Sehnsüchte am Tage untergegangen sind, aber auch welche Probleme wir ausgeblendet haben. Das Träumen ist eine nächtliche Werbeunterbrechung im Hauptfilm unseres Alltags und Ausgangspunkt dafür, dass sich unser gestalterisches Potential entfalten kann.

marktforschung.de: Im Untertitel heißt es "warum Deutschland neu träumen muss" – muss sich Deutschland auch neu erfinden?

Stephan Grünewald: Deutschland ist eigentlich das Land der Dichter, Träumer und Querdenker. Die Deutschen haben die Gabe, ihre innere Unruhe über das Träumen in Schöpferkraft zu verwandeln – in Erfindungen, Patente, Ingenieurskunst oder Dichtungen. Aber durch unsere zunehmende Traumfeindlichkeit zugunsten von globalen Effizienzdiktaten laufen wir Gefahr zum Land der Bürokraten und Workoholics zu werden.

marktforschung.de: Ist unsere Gesellschaft aus Ihrer Beobachtung bereit und willens, Veränderungen vorzunehmen, um aus dem vielzitierten Hamsterrad herauszukommen? Beobachten Sie so etwas wie Innovationslust oder überhaupt die Fähigkeit zur Innovation?

Stephan Grünewald: Das kann man nicht pauschal beantworten. Ich beschreibe ja anschaulich die Lebensträume der heutigen Frauen, der Jugendlichen oder der Senioren. Hier gibt es verblüffende Entwicklungen. Allerdings beobachte ich selbst bei der Jugend – mal von den digitalen Stabilisierungsmedien abgesehen - eher eine Innovationsangst. Darum plädiere ich ja dafür, dass wir viele Traumkiller in Alltag, Bildung und Beruf nicht mehr einfach hinnehmen. Wir brauchen eine Bildung, eine Arbeitswelt und auch eine Freizeit, die wieder das traumanaloge Denken fördert.

marktforschung.de: Über Innovationsfähigkeit und –Bereitschaft wird auch in der Markt- und Sozialforschung seit Jahren diskutiert. Spiegelt sich die von Ihnen beobachtete Haltung der Gesellschaft auch im Verhalten in unserer Branche wieder?

Stephan Grünewald: Natürlich ist jede Branche auch ein Abbild gesellschaftlicher Entwicklungen. Auch unsere Branche ist oft getrieben und unter Zeitdruck. Die Wirklichkeit soll in abstrakte und nackte Zahlen gegossen werden, damit sie ihren Schrecken verliert. Dabei gehen manchmal aber auch die Faszination und die Sinnlichkeit flöten. Ich plädiere auch für unsere Branche, dass wir uns die innere Freiheit nehmen, wieder zu träumen und auf das traumanaloge Denken zu vertrauen. Die Markt- und Sozialforschung kann zum Impulsgeber für gesellschaftliche Innovationsprozesse werden.

marktforschung.de: Herr Grünewald, herzlichen Dank für das Gespräch!

Veröffentlicht am: 18.02.2013

 

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