"Die "alte" Zeit des Arbeitens in einem viel zu großen oder zu kleinen Office ist vorbei."

Interview mit Monika Reichl, YouGov Deutschland

Wofür Büroräume vorhalten, wenn ohnehin niemand ins Büro darf? YouGov Deutschland ist kürzlich vom repräsentativen Oval-Office in Köln-Bayenthal in ein Co-Working-Space am Heumarkt gezogen. Warum dieser Schritt nichts mit Verkleinerung, sondern mit Wachstum zu tun hat, erläutert Deutschland-Chefin Monika Reichl im Interview mit marktforschung.de.

Interview mit Monika Reichl, YouGov (Bild: mde)

YouGov Deutschland arbeitet seit 10 Monaten vollständig aus dem Homeoffice heraus. Nun zieht das Unternehmen innerhalb Kölns in ein neues Office um. Wie sehen die Pläne aus – werden alle Mitarbeitenden ins Büro zurückkehren?

Monika Reichl: YouGov ist in allen Bereichen ein digitales Unternehmen. Homeoffice und Remote-Work wurden schon vor Corona selbstverständlich im Arbeitsalltag genutzt. Daher waren wir, als wir im März 2020 geschlossen ins Homeoffice gegangen sind, innerhalb von einer Stunde wieder voll einsatzbereit. Künftig bieten wir unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein hybrides Modell an: Sie können frei wählen, ob sie ganz oder überwiegend aus dem Büro herausarbeiten wollen, oder ob sie lieber von Remote arbeiten und nur zu bestimmten Anlässen ins Büro kommen. 

Das neue Office ermöglichte es uns hier, flexibel auf die Bedürfnisse des Teams zu reagieren. 

Zudem haben die Kolleginnen und Kollegen in den letzten Monaten das Remotearbeiten noch einmal besonders schätzen gelernt haben. Neben dem aktuell wichtigen Schutz vor einer Ansteckung mit dem Corona-Virus zeigen sich weitere positive Merkmale: Die morgendliche Fahrt in vollen Pendlerzügen oder das Stop-and-Go auf der Autobahn und lange Anfahrtswege entfallen. Auch steigt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, wie wir aus Mitarbeiterbefragungen wissen. 

Unser Angebot basiert auf Freiwilligkeit: Jeder Mitarbeiter entscheidet das für sich selbst, wo er oder sie arbeiten möchte. 

Sind Sie mit diesem Schritt alleine in der internationalen YouGov-Gruppe? Was passiert zum Beispiel mit den Londoner Büroräumen? 

Monika Reichl: Derzeit läuft ein Projekt für alle YouGov Offices, die ähnliches eruieren. Die Corona-Krise hat gezeigt, dass wir unabhängig von Anwesenheiten in einem Office genauso erfolgreich und effizient arbeiten können, wenn nicht sogar noch effizienter.

YouGov hatte in Köln in den sogenannten Oval-Offices ja sehr repräsentative Räume. Irgendwann wird die Pandemie hoffentlich vorbei sein. Könnte es dann nicht wieder notwendig sein, auch repräsentative Räume zu haben? 

Monika Reichl: Das neue Office ist weitaus repräsentativer und mit sehr viel mehr Komfort ausgestattet, sowohl für unsere Mitarbeiter als auch für Kunden. In Kombination mit unserem hybriden Arbeitsmodell verkleinert sich, bei gleicher Mitarbeiterzahl, der benötigte Workspace. Durch die Flexibilität der neuen Räumlichkeiten hat das Office immer die richtige Größe. Und wir können immer passend auf die Anforderungen reagieren. Das ist für uns wichtig, da wir etliche neue Mitarbeiter suchen. Die "alte" Zeit des Arbeitens in einem viel zu großen oder zu kleinen Office, ist vorbei. Zudem sind unsere Kunden über die ganze Republik verteilt und kämen sicher sehr selten in das alte Office für Termine. Flexibilität ist das Gebot der Zeit und die haben wir mit den neuen Office-Räumen.

Wie sind die Reaktionen der Mitarbeitenden? 

Monika Reichl: Sehr positiv, denn sie haben ja die Wahl. Und das neue Office ist komfortabler als das alte.

Immer mehr Unternehmen steigen derzeit auf Home-Office oder Remote-Work um. Wo sehen Sie die Unterschiede oder Gemeinsamkeiten zwischen diesen beiden Arbeitsformen? Und welche Chancen und Vorteile in Remote-Work sehen Sie im Vergleich zur klassischen Büro-Arbeit? 

Monika Reichl: Interessanterweise liegen die Vorteile und Herausforderungen des Home-Office oder Remote-Work in unserer Erfahrung teilweise nah beieinander. Einerseits ist da die zuvor angesprochene bessere Work-Life-Balance bzw. Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Nicht zuletzt durch die wegfallenden Pendelzeiten, was auch mit mehr Freizeit einhergeht. 

Als direkte Auswirkung sehen wir beispielsweise höhere Eigenverantwortung, die zu erhöhter Motivation führt. Auch verzeichnen wir deutlich weniger krankheitsbedingten Arbeitsausfall.

Andererseits muss stärker auf eine Trennung zwischen Berufs- und Privatleben geachtet werden. Hier besteht die Gefahr, dass eins ins andere fließt und es schwer ist, ein Ende zu finden. Auch gilt es, soziale Isolation zu adressieren. 

Hierfür haben wir haben tägliche Strukturen entweder ausgebaut oder geschaffen, um uns regelmäßig auszutauschen. Zudem haben wir uns externen Support geholt, der uns noch während der Corona-Zeit unterstützt, Resilienz-Techniken zu nutzen. Zu den lokalen Aktivitäten kommen von der Gruppe organisierte Angebote für das Well-Being der Mitarbeiter hinzu. 

Wichtig für ein Gelingen von Home-Office oder Remote-Work ist eine passende technische Infrastruktur und Organisation. Beides war bei uns schon vorhanden. Aus meiner Sicht kann ich diesen Schritt jedem Unternehmen empfehlen, das mit dem Gedanken spielt oder sich mit dem Gedanken trägt.

Wer seinen Mitarbeitern nicht vertraut und Anwesenheitspflichten vorgibt – obwohl Homeoffice möglich wäre – nur um vermeintlich die Kontrolle nicht zu verlieren, der hat meines Erachtens als Führungskraft ein echtes Problem.

Über welche Kommunikationswege sind Sie zukünftig für Kunden oder Unternehmen zu erreichen? 

Monika Reichl: Die Kommunikationswege haben sich nicht geändert, wir sind über alle gängigen On- und Offline-Kanäle erreichbar. Allerdings finden Treffen oder Eventteilnahmen durch Corona bedingt nur noch virtuell statt, wofür wir technisch bestens ausgestattet sind.

Wie schafft es YouGov einen Teamspirit auch virtuell zu leben? 

Monika Reichl: Direkt zu Beginn haben wir eine Vielzahl von virtuellen Treffen neben den beruflichen Meetings aufgesetzt: von Kaffeepausen, über Büro-Stuhl-Sport und Mystery-Lunch, bei dem man mit zufällig gelosten Kollegen gemeinsam in die virtuelle Mittagspause geht, bis hin zu Challenges, in denen die Kollegen einzeln oder in Teams kleine Aufgaben erfüllen. Bei all den Aktivitäten steht das Berufliche bewusst im Hintergrund, es geht darum, einfach mal miteinander zu quatschen. So fördern wir den Zusammenhalt auch ohne physische Treffen.

Hinzu kommen Events wie eine virtuelle Weihnachtsfeier und – für uns als Kölner Unternehmen besonders wichtig – der Start in die 5. Jahreszeit am 11.11.

Allerdings muss ich an dieser Stelle sagen, dass wir uns alle darauf freuen, solche Anlässe post COVID wieder gemeinsam in Person begehen zu können.

Welche Tipps können Sie anderen Unternehmen geben, die über ähnliche Schritte nachdenken? 

Monika Reichl: Fragen sie ihre Mitarbeiter vorher nach den Erwartungen oder Sorgen und binden Sie sie in den Prozess ein und bieten Sie, wenn möglich, Optionen an, die für Ihre Mitarbeiter passen! Wir haben gefragt und konnten deshalb ein gut akzeptiertes Angebot entwickeln. Gerade in diesen Zeiten ist die Motivation der Mitarbeiter das wichtigste Gut. Nehmen Sie Abschied von Kontrollwahn und Misstrauen! Schaffen Sie die technologischen Voraussetzungen, dass das Arbeiten von zu Hause reibungsfrei möglich ist und statten Sie Ihre Mitarbeiter mit dem besten Equipment aus – vom Laptop über Bürostuhl zum Screen etc.! Mitarbeiter, die ihren PC auf den Knien auf der Couch haben und so stundenlang arbeiten müssen – das wird nicht funktionieren.

Zur Person:

Monika Reichl, YouGov (Bild: mde)
Monika Reichl ist seit 2017 General Managerin von YouGov Deutschland. Reichl war u.a. bei Forrester Research als Country Manager und Sales Director für Deutschland und die Schweiz tätig. Weitere Stationen waren TNS Infratest, CEB sowie die Morse GmbH.

 

 

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