"Das Ziel für die Initiative war zu hoch gesteckt."

Sebastian Götte

Was hat die Initiative für Markt- und Sozialforschung bisher bewegen können? Welche Ziele stehen 2020 auf der Agenda? Wir sprachen mit dem neu gewählten Vorstandsmitglied Sebastian Götte.

Wo steht die Initiative aktuell? Wie bewerten Sie die Entwicklung seit der Gründung?

Sebastian Götte: Die Initiative befindet sich momentan in einer Neuausrichtung. Angestoßen durch die bedauerlichen Entscheidungen von BVM und DGOF, die Initiative nicht mehr zu unterstützen, haben wir Resümee gezogen, was in den letzten Jahren gut lief und was nicht. Und aufbauend darauf sowie im Angesicht der finanziellen Mittel überlegt, wohin die Reise weitergehen soll. Die Initiative hatte ja - seitdem ich sie kenne - nie einen leichten Stand bei den Verbänden. Ich erinnere mich an meine erste ADM-Mitgliederversammlung im Schokoladenmuseum in Köln, wo heiß über die damals vorgestellte Testimonial-Kampagne gestritten wurde. Und auf jeder Mitgliederversammlung, ich kenne es vom ADM und der DGOF, wurden kritische Fragen gestellt. Sicher zurecht. Denn wie sich herausstellte, war das Ziel zu hoch gesteckt. Man wollte ja die Einstellung der Bevölkerung zu Markt-, Meinungs- und Sozialforschung ändern, und am besten das Verhalten noch dazu. Wir wissen alle, wie viele Ressourcen sowas braucht. Als sich dann herausstellte, dass die dafür notwendigen Geldmittel oder Mediaplätze bei Weitem nicht akquiriert werden konnten, war die Latte viel zu hoch.

Vielleicht hätte man daraus früher Konsequenzen ziehen müssen. Wir haben es nun getan und die Latte deutlich weiter nach unten gelegt. Uns geht es momentan nicht mehr um diese umfassende Einstellungs- und Verhaltensänderung, die die "alte" Initiative als Ziel verfolgte. Stattdessen wollen wir die IMSF zum Gesicht der Branche für die Bevölkerung machen. Sie soll zum einen Anlaufstelle sein für Bürger, die aus irgendeinem Grund eine Frage zu dem haben, was unsere Branche so treibt. Sei es, weil sie selbst in Kontakt mit einer empirischen Erhebung gekommen sind, weil sie irgendwo Ergebnisse unserer Arbeit gesehen haben oder vielleicht sogar, weil sie in unserer Branche arbeiten wollen. Die IMSF soll sie dann freundlich, innovativ und zielgruppengerecht mit den gewünschten Infos versorgen.

Wir wollen aber auch nicht ganz davon lassen, selber aktiv zu werden, um die Bekanntheit der Initiative - und damit ihre Akzeptanz als Ansprechpartnerin - zu steigern. Dazu wollen wir unter anderem interessante und sinnvolle Studienergebnisse aus unserer Branche weiterverbreiten. Immer mit einem Spin darauf, dass Markt-, Meinungs- und Sozialforschung wichtige Aufgaben in unserer Gesellschaft übernehmen. Wer also demnächst etwas veröffentlicht, gern auch an uns schicken! Dazu werden wir neben den bisherigen digitalen Kanälen Website, Facebook und Twitter zukünftig auch Instagram bedienen sowie etwas audiovisueller werden. Kleine Erklärvideos oder ein Podcast schweben uns da vor. Da werden wir in den nächsten Monaten ein bisschen was ausprobieren.

Was möchten Sie als Vorstand ändern? Welche Themen liegen Ihnen besonders am Herzen?

Ich persönlich bin ja Mitinhaber eines kleinen Sozialforschungsinstituts und betreibe das nicht aus Selbstzweck oder zur Geldvermehrung, sondern weil ich in unserer Gesellschaft etwas bewegen will. Und genau diesen Spirit möchte ich über die Initiative zu den Menschen tragen. Ich sage immer, Markt-, Meinungs- und Sozialforschung ist gelebte Demokratie. Sie gibt auch Menschen eine Stimme, die in der öffentlichen oder veröffentlichten Meinung nicht ganz so laut sind. Sie bietet ihnen also Teilhabe an Entscheidungsfindungen, seien es nun gesellschaftliche oder unternehmerische. Das ist ja auch, was die bisherige Kampagne der Initiative ausdrücken wollte. Leider ist sie etwas in die Jahre gekommen und braucht ein Facelift. Das war allen Beteiligten klar, weshalb wir da schon dran sind.

Was ich mit der Initiative erreichen möchte ist, dass sie tatsächlich zum Ansprechpartner Nummer 1 wird, wenn die Bürger, Medienvertreter oder auch andere zivilgesellschaftliche Akteure etwas über die Arbeit unserer Branche wissen wollen. Es gibt da natürlich die vier Verbände mit ihren je spezifischen Kompetenzen. Aber die sprechen meist nicht die Sprache der "Laien". Diese Aufgabe soll aus meiner Sicht die Initiative übernehmen. Eben als Gesicht der Branche. Wenn wir das erreichen, haben wir schon viel geschafft, finde ich.

Wie ist Ihre Sicht auf die Wahrnehmung der Marktforschung in der Gesellschaft? Wie kritisch wird die Branche gesehen?

Markt-, Meinungs- und Sozialforschung hat seit ich dabei bin ein janusköpfiges Image. Einerseits werden Statistiken immer häufiger als Argumente in Diskussionen oder als beliebter Content in den Medien eingesetzt. Es scheint mir so, als würden wir immer mehr versuchen, die Komplexität der Welt über Statistiken zu bändigen. Die Arbeit unserer Branche gewinnt also eigentlich an Bedeutung. Auf der anderen Seite will aber kaum mehr jemand an der Erzeugung dieser Daten mitwirken. Wir alle kennen die Diskussionen um die Abgrenzung zum Direktmarketing, um Aufmerksamkeitskonkurrenz und andere mögliche Gründe dafür. Teile davon können wir nicht gut beeinflussen. Was wir aber tun können, ist selber als positive Botschafter unserer Branche aufzutreten. Zum Beispiel, indem wir prüfen, ob wir wirklich an sinnvollen Dingen forschen oder nicht. Indem wir Befragten oder Proband eine gewisse Wertschätzung entgegen bringen, sei es durch möglichst unterhaltsame Fragebögen oder auch durch eine angemessene Belohnung ihres Engagements. Und indem wir nach außen transparent darstellen, wie wir arbeiten. Denn eine Branche, die mit offenem Gesicht und in wertschätzendem Umgang für die Gesellschaft sinnvolle Dinge tut - wer könnte die noch kritisch sehen?

Was sind Maßnahmen, die die Initiative 2020 realisieren will?

2020 steht ganz im Zeichen unseres digitalen Auftritts. Ich hatte ja schon gesagt, dass unsere Website - und damit verbunden unser gesamtes CD - dringend ein Facelift braucht. Damit haben wir bereits eine Agentur beauftragt und sind schon mitten im Prozess. Ich denke, dass wir beides zum Anfang des zweiten Quartals präsentieren können. Parallel arbeiten wir daran, unsere Stimme nach außen zu stärken. Mit Jan Switalla haben wir ja im letzten Jahr dafür einen Referenten für Kommunikation und Digitalisierung eingestellt. Dieser baut unsere Kommunikationskanäle auf und aus, entwickelt neue Formate und knüpft Kontakte zu Multiplikatoren, wie Journalist oder auch Influencer. Ziel für dieses Jahr ist es, dass wir einen kontinuierlichen Strom von interessanten und frischen Informationen aus der Branche in die Öffentlichkeit hinbekommen. Wie gesagt, da werden wir ein bisschen probieren müssen, was funktioniert und was nicht. Zumal wir angesichts des geschrumpften Budgets alles relativ Low Cost halten müssen. Aber ich bin optimistisch, dass uns da ein paar gute Sachen einfallen!

Wird es wieder einen Tag der Marktforschung geben?

Das ist zunächst nicht geplant, aber auch nicht für immer begraben. Der Tag der Marktforschung - der ja dann zu einer Tour wurde - war lokal ein sehr erfolgreiches Event. Auf den Straßen der teilnehmenden Orte kamen Menschen ins Gespräch mit Markt- und Sozialforscher, konnten dort ihre Sorgen äußern und sich glaubhaft versichern lassen, dass unsere Branche nichts Böses will - im Gegenteil. Über die Lokalpresse hat das sogar etwas Reichweite entwickelt. Aber aus Budgetgründen haben wir diese oder ähnliche Aktionen erst einmal hinten angestellt. Jetzt geht es darum, unseren digitalen Auftritt zu stärken, danach sehen wir weiter.

Wie sieht es bzgl. der Gemeinnützigkeit aus?

Die Gemeinnützigkeit wurde ja vom Finanzamt Berlin bestätigt, worüber wir uns natürlich sehr freuen. Gibt es doch der Initiative ein wenig mehr von dem finanziellen Spielraum, den sie so dringend braucht.

Sie haben aktuell nur acht Förderer, obgleich es über 100 Institute in Deutschland gibt? Warum sollte ein Institut Fördermitglied werden? Was wollen Sie tun, um die Basis in der Branche zu vergrößern?

Angesichts der immer wieder kritischen Diskussionen um die Initiative musste man bisher schon schwerer Überzeugungstäter sein, um Fördermitglied bei der IMSF zu werden. Und ich danke hier allen acht Förderern noch einmal ganz herzlich für ihre Unterstützung! Die Fördermitgliedschaft hat natürlich keinen greifbaren Gegenwert, sieht man mal davon ab, dass man sich das auf die Website schreiben kann. Aber letztlich ist es eine Investition in die Qualität unserer Datenbasis. Befragte und Proband sind ein begrenztes Gut, das wir allein schon aus wirtschaftlichen Interessen pflegen sollten. Und auch wer bei seiner Arbeit nicht mehr direkt mit Personen in Berührung kommt, ist darauf angewiesen, dass Menschen ihre Daten für Zwecke der Markt- und Sozialforschung freigeben. Insofern ist eine Fördermitgliedschaft bei uns langfristig gesehen gut angelegtes Geld. Zumal man dann auch auf unseren Mitgliederversammlungen Einfluss auf unsere Arbeit nehmen kann.

Wir gehen nun erst einmal in Vorleistung und wollen zeigen, was die neue Initiative kann. Und dann schauen wir mal, ob nicht doch das eine oder andere Institut denkt, hey, das finden wir sinnvoll, das wollen wir unterstützen. Unsere Türen stehen immer offen, für Kritik, Anregungen, Fragen oder eben Unterstützung. Ich freue mich jedenfalls auf das, was kommt!

Veröffentlicht am: 20.02.2020

 

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