Darf man Ärzte und Pfleger in der Coronakrise interviewen?

Pharma-Marktforschung in Zeiten von Corona

Wie viel darf man Ärzten und Pflegekräften während der Pandemie zumuten? Und wie sehr muss man sie vielleicht sogar einbinden, damit ihre Bedürfnisse nicht ungehört bleiben? Einschätzungen zu den COVID-Auswirkungen auf die Marktforschung.

Ärzte und Pfleger während der Corona-Pandemie (Bild: 272447 - pixabay)
Medizinisches Fach- und Pflegepersonal sieht sich zurzeit mit großen Herausforderungen konfrontiert. (Bild: 272447 - pixabay)

Während das Coronavirus Wirtschaft und Gesellschaft im Würgegriff hat, läuft das Gesundheitssystem langsam rot an. Für uns als Gesellschaft muss sich daher die Frage stellen: Wie viel darf man Ärzten und Pflegern, die sich in Krankenhäusern, Arztpraxen und anderswo um die Kranken kümmern, neben ihren Standespflichten überhaupt noch zumuten?

Auf der anderen Seite ergibt sich aus der aktuellen Notlage in vielerlei Hinsicht ein gesteigertes Informationsbedürfnis: Geeignetster Auskunftgeber ist das Fach- und Pflegepersonal. Müssen sie in Zeiten maximaler Auslastung besonders geschützt und von zusätzlichem Aufwand verschont werden? Oder sind gerade in dieser Zeit die Auskünfte von direkt involviertem Fachpersonal wichtiger denn je – und vielleicht sogar von einer Auskunftsbereitschaft und Tiefe geprägt, die man sich prä- und postcorona nur wünschen konnte, respektive kann?

Die Fülle an Veröffentlichungen, nicht nur von Meinungen, sondern auch von Studien und Umfragen zu Corona, könnte den Eindruck erwecken, dass Fachkräfte rund um die Uhr Gewehr bei Fuß stehen, um Antworten zu liefern. Aber wie viel darf und wie viel muss man ihnen zumuten? Dazu haben wir mit Julian Weihe, Anja Wenke und Oliver Tabino gesprochen.

Von links nach rechts: Julian Weihe, Anja Wenke, Oliver Tabino

Julian Weihe ist Gründer und Geschäftsführer von PM Results, einem Spezialisten für die Rekrutierung von Ärzten, Apotheken und medizinischem Hilfspersonal für Pharma-Marktforschung. Anja Wenke ist Head of Market Research von DocCheck Research, der Forschungsabteilung des gleichnamigen Portals für Angehörige medizinischer Berufe. Oliver Tabino von Q Agentur für Forschung, beschäftigt sich zurzeit mit webbasierten Methoden für die Pharmaforschung, um die Belastung von Health Care Professionals (HCP) durch Befragungen oder Interviews zu reduzieren. Das sind ihre Einschätzungen:

Ist die Rekrutierung von Healthcare Professionals derzeit anderen Dynamiken unterlegen, als es vor SARS-CoV-2 der Fall war? 

Oliver Tabino, Q: Es kommt stark darauf an, welche HCP-Zielgruppen man genau anspricht. Ärzte, vor allem Spezialisten in bestimmten Fachgebieten, sind immer schwer zu rekrutieren. Der Zeitdruck ist immer ein Problem, bei einigen HCPs gibt es eine gewisse Skepsis gegenüber Pharmamarktforschung. Im Moment steht der ganze medizinische Bereich noch mehr unter Druck, deswegen ist es momentan noch komplizierter. Die Responseraten in einer Onlinebefragung, die gerade bei uns aus dem Feld kam, waren beispielsweise bei Pflegekräften völlig in Ordnung, bei Rettungssanitätern dagegen schwieriger.

Anja Wenke, DocCheck Research: Generell beobachten wir, dass unsere Umfragen aktuell – bis auf Allgemeinmediziner/Hausärzte (diese schleppen sich gerade tatsächlich etwas, dennoch machbar) – einen sehr guten Rücklauf haben. Mit Apothekern und pharmazeutisch-technischen Assistenten (PTAs) läuft es so gut wie eh und je. Bei den Fachärzten erreichen wir derzeit tatsächlich Befragungen in Rekordzeit, z. B. bei Onkologen. Und auch die übrigen Fachgruppen, wie z.B. Urologie, Gynäkologie, Dermatologie, Pädiatrie etc. zeigen bislang erstaunlich guten Rücklauf. Wir vermuten: Die Facharztpraxen sind relativ leer, kaum Akut-Patienten, keine Außendienstler vor Ort, Kongresse abgesagt – die Fachärzte finden aktuell die Zeit, um teilzunehmen.

Julian Weihe, PM Results: Wir erleben momentan eine interessante Dichotomie im Markt: Während ein Teil der Ärzte, insbesondere Kliniker und hier natürlich in erster Linie Pneumologen und Intensivmediziner, sehr stark ausgelastet sind, haben andere Arztgruppen ganz wenig zu tun.

Viele Patienten scheinen sich in Zeiten wie diesen zu sagen, dass eine Arztpraxis so ziemlich der letzte Ort ist, an den man sich im Moment begeben will. Gemeinschaftspraxen gehen zum Teil dazu über, in personell getrennten Schichten zu arbeiten, um das gegenseitige Ansteckungsrisiko zu minimieren (was ebenfalls die Wochenarbeitszeit in den meisten Fällen sinken lässt) bzw. die Praxen fahren generell ihren Betrieb nach unten oder machen nur noch Patientenbetreuung am Telefon.

Wir haben nun immer wieder auch Ärzte gesprochen, die sich in Zeiten wie diesen sogar noch mehr darüber freuen, an einer Marktforschungsstudie teilnehmen zu können. Zum einen haben Sie hierfür nun auch Zeit, zum anderen geht es vielen Ärzten auch nicht anders als dem Einzelhändler ums Eck: Einnahmen fallen weg und die Fixkosten laufen weiter. Da kann Marktforschung dann eine willkommene Quelle sein, um die Portokasse aufzubessern.

Welche Tendenzen und Auswirkungen sind aktuell im Feld zu spüren?

Julian Weihe, PM Results: Wir erleben eine schlagartige Abkehr von allen Face-to-Face Methoden. Es wird jetzt großflächig auf Telefoninterviews umgestellt bzw. Studien werden ganz gestrichen oder verschoben. Hier bewährt es sich, dass wir in den letzten Jahren zahlreiche webgestützte Interviewprojekte begleitet haben, bei denen die Ärzte über WebCam mit den Interviewern verbunden sind. Der Kunde kann diese Gespräche ähnlich wie im Studio, am heimischen Bildschirm live mitverfolgen.

Oliver Tabino, Q: Die größten Auswirkungen sehen wir bis jetzt bei den Teststudios. Die aktuelle Lage ist brutal. Oder auch Institute, die methodisch rein auf Face-to-Face gesetzt haben. Natürlich versucht jetzt jeder irgendwie digitale Methoden anzubieten oder auch die Teststudios bieten Rekrutierungen für digitale Settings an. Wir setzen schon seit Jahren auf einen breiten Methodenmix und verfügen über ausreichend Digital-Erfahrungen mit Research Online Communities, Online-Gruppen und webbasierten IDIs. Das zahlt sich jetzt aus, weil der Wechsel von analog zu digital leicht fällt. Die größte Herausforderung sind digitale Kollaborations-Workshops und digitale Design Sprints, die sehr stark nachgefragt werden.

Anja Wenke, DocCheck Research: Wir sind selbst natürlich auch sehr interessiert und haben aktuell eigene Corona-Snapshot-Befragungen zur Lage in der Apotheke/Praxis im Feld: Was sind momentan die größten Herausforderungen? Welche Unterstützung wünschen sich die Heilberufler? Häufigste Antwort ist der Ruf nach Schutzausrüstung, Desinfektionsmitteln, Überwindung von Lieferengpässen und Aufklärung der sehr verunsicherten Patienten.

Doch die vielen und ausgiebigen Antworten zeigen auch: Die Heilberufler sind froh, dass sie aktuell nach ihrer Meinung gefragt werden. Sie äußern oft die Sorge, wie sie das alles schaffen und wie sie durchhalten sollen. Im Moment benötigen sie konkrete Hilfe und Unterstützung – gerade auch im logistischen und organisatorischen Bereich - inkl. EDV/IT. Vieles verlagert sich nun ja schneller in digitale Formate als vor kurzem noch gedacht, auch in der Arzt-Patienten-Kommunikation.

Zudem benötigen sie konkrete Handlungsempfehlungen der Fachgesellschaften und Hersteller in Bezug auf die Versorgung schwerkranker Patienten im Kontext der Corona-Pandemie. Was muss nun z.B. bei geplanten komplizierten Therapien und Therapiewechseln etc. beachtet werden? Es lohnt sich, da gut hinzuhören.

Wie verhält sich die Nachfrageseite? Setzen Ihre Kunden Projekte vorerst aus oder fragen sie mehr nach als gewöhnlich?

Anja Wenke, DocCheck Research: Was die Kunden-Nachfrage betrifft, gibt es nun ganz unterschiedliche Situationen. Manche Hersteller sind vorsichtig oder müssen ihre aktuellen Maßnahmen erst anpassen. Wir hatten das Glück, dass unsere Q1/2020-Projekte vielfach bereits aus dem Feld waren oder so gut wie. Da wurde manches Projekt neulich sogar noch beschleunigt.
Andere Hersteller setzen nun gezielt Umfragen zur Corona-Pandemie auf und fragen, welche Informationen die Ärzte jetzt bei der Patientenversorgung benötigen und in welchem Format. Die Antworten der Ärzte sind umfassend und sie loben zum Teil ausdrücklich, dass sie dazu befragt werden.
Wir bleiben daher dran und raten unseren Kunden, die Ärzte in der aktuellen Situation "nicht allein" zu lassen. Und wie gesagt: Fachärzte sind aktuell besonders gut zu erreichen. Im Rahmen der MediBus-Befragungen können wir die Themen auf Wunsch zudem gut bündeln – so hält sich der Befragungsdruck in Grenzen.

Julian Weihe, PM Results: Gerade von den nationalen Marktforschungsinstituten erleben wir schon einen starken Einbruch. Wir rekrutieren auch viel für Marktforschungsstudios, hier ist die Nachfrage quasi komplett zum Erliegen gekommen. Deutlich cooler reagieren bisher die internationalen Marktforschungsinstitute mit ihren Mehrländerstudien. Diese Projekte laufen weiter, werden aber in der Regel nur noch telefonisch durchgeführt.

Oliver Tabino, Q: Einige unserer Pharmakunden sind da sehr klar. Studien mit HCPs mussten sofort gestoppt werden, um den HCPs in der aktuellen Situation nicht noch Marktforschungsstudien aufzubürden. Unsere ganzen webbasierten Studien sind davon zum Glück nicht betroffen. Unsere Social Listenings im Pharmabereich, KI-unterstützte Analysen und Textminings oder netnographische Grundlagenstudien über Patienten und Stakeholder in verschiedenen Indikationen laufen weiterhin. Die Anfragen und Projekte in diesem Bereich steigen stetig an. Dazu haben wir nach Ostern auch ein entsprechendes Webinar vorbereitet, in dem wir unsere Erfahrungen teilen und darstellen.

Dringend benötigtes Fachpersonal mit Umfragen, Interviews u. ä. einzuspannen, kann zurzeit als unverantwortlich und durch „falsche“ Interessen geleitet (miss)verstanden werden. Wie verhält es sich Ihren Erfahrungen nach bislang mit Imageschäden für die studienbeauftragenden Unternehmen?

Julian Weihe, PM Results: Diese Sorge halte ich aus Sicht der Pharmaindustrie einerseits für verständlich. Wenn man aber mit den Ärzten spricht, erweist sie sich als unbegründet. Aktuell rekrutieren wir an elf Pharmaprojekten und konnten bisher keine einzige empörte Reaktion registrieren. Natürlich kommt es z. T. auch zu Absagen wegen starker Arbeitsauslastung. Häufig ist diese aber gepaart mit der Bitte, sich wieder zu melden, wenn in Zukunft neue Projekte anstehen.

Anja Wenke, DocCheck Research: Die Teilnahme an den Umfragen ist ja freiwillig. Bislang bekamen wir keinerlei Beschwerden, im Gegenteil. Es ist wichtig, den Menschen in der Not einen Feedback-Kanal anzubieten. Und gerade aktuell sind repräsentativ erhobene Meinungen und Stimmungsbilder, sowie gut konzipierte Lösungswege im Rahmen eines "Digitalisierungs-Schubs" ja besonders wichtig.

Oliver Tabino, Q: Wir oder die KollegInnen anderer Institute führen ja keine Zwangsmarktforschung durch. Man kann den Menschen zutrauen, dass sie selbst entscheiden können, ob sie Lust und Zeit für eine Studie haben. Außerdem kommt es stark auf das Thema und die Forschungsinteressen an. Wie Fachpersonal oder HCPs mit der aktuellen Lage umgehen, welche Sorgen, Ängste, Herausforderungen sie sehen und was das für das Gesundheitssystem der Zukunft bedeutet, ist ein wichtiges Thema. Außerdem sollten wir nicht vergessen, dass es entweder eine lange Zeit mit oder eine Zeit nach Corona geben wird. Die Industrie, aber auch wir als Branche müssen handlungsfähig sein und bleiben, um die Zukunft zu gestalten und nicht passiv das Corona-Schicksal über sich ergehen zu lassen.

jvdm

Veröffentlicht am: 09.04.2020

 

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