"Auf den Wahlsieg wetten würde ich nicht, dafür ist noch zu viel im Fluss."

Die Frage zum Sonntag - Interview mit Rainer Faus, pollytix

Die Wahlforscher sind sich weitestgehend einig. Die Vorwahl-Umfragen zeigen ein klares Bild: SPD vor CDU und Grünen. Sieht nach einer sicheren Sache aus, könnte aber auch nur ein Herdeneffekt sein, so Wahlforschungsexperte Rainer Faus im Interview mit marktforschung.de. Lesen Sie, warum die Bundestagswahl 2021 historisch einmalig ist und warum sich die SPD und Olaf Scholz nicht zu früh freuen sollten.

Nicht nur das Lachen bei der Flutkatastrophe alleine war der Kipppunkt für die Kampagne von Armin Laschet, so Wahlforschungsexperte Rainer Faus (Bildnachweis: picture alliance/dpa/AFP Pool | Christof Stache)

Dein Blick zurück: Kannst Du Dich an einen Wahlkampf erinnern, wo jemals so viel Bewegung und Trendumschwünge in den Umfragen stattfand, wie diesmal?

Rainer Faus: Dieser Wahlkampf ist sicherlich einmalig in der bundesdeutschen Geschichte. Schon alleine wegen der Tatsache, dass in den 5 Monaten vor der Wahl drei verschiedene Parteien in den Umfragen vorne lagen. So etwas gab es noch nie. Das hängt natürlich auch mit dem Abgang Merkels und dem fehlenden Amtsinhaberinnenbonus zusammen sowie damit, dass es zum ersten Mal drei ernsthafte Anwärter auf das Kanzleramt gab. 

Immer noch sind viele Wählende unentschlossen. Wie hoch würdest Du die Wahrscheinlichkeit einschätzen, dass die aktuellen Umfragen den Wahlausgang annährend richtig voraussagen? Wie groß schätzt Du die Wahrscheinlichkeit, dass wir nach der Wahl von einem Debakel der Meinungsforscher sprechen werden?

Rainer Faus: Die Umfragen der letzten Tage sind erstaunlich konsistent. Die SPD ist in der Regel 3 bis 4 Prozentpunkte vor der Union, was nach einer ziemlich sicheren Angelegenheit aussieht. Sie sind allerdings auch so verdächtig konsistent, dass es streng nach ‚Herding‘ riecht. Es könnte also sein, dass es auch etwas anders ausgeht, als es die Umfragen aktuell erscheinen lassen. Die Dynamiken können hierbei in alle möglichen Richtungen gehen, denn die Volatilität im Wählendenmarkt ist dieses Jahr gewaltig. Die Union hat seit Jahresbeginn 15 Prozentpunkte verloren, die SPD bis zu 10 Prozentpunkte zugelegt und auch die Grünen haben sich in einem Korridor von 10 Prozentpunkten bewegt. All das macht Projektionen natürlich auch nicht einfacher.

Wobei auch hier wichtig ist: Umfragen sind keine Prognosen. Es bewegt sich auch jetzt noch viel, die Meinungsbildung der Bevölkerung ist noch im vollen Gange.

Eine Umfrage, die eine Woche vor der Wahl durchgeführt wurde, kann man fairerweise nicht mit dem Wahlergebnis vergleichen. 

Die jeweils letzten veröffentlichten Umfragen vor der Bundestagswahl 2021: Die Wahlforscher sind sich weitestgehend einig. Die SPD landet vor der CDU und den Grünen.

Wie sieht Deine persönliche Prognose aus, die die Dynamik der letzten Tage beinhalten würde. Auf welchen Wahlausgang würdest Du persönlich wetten?

Rainer Faus: Ich schätze, dass die SPD oben bleibt, hauptsächlich weil sie die Potenziale in der Bevölkerung hat und ihre Kampagne weitgehend fehlerfrei läuft, was man von der Unionskampagne kaum behaupten kann. Selbst für viele Unionswählenden hat Armin Laschet nicht das Zeug zum Kanzler. Daher würde es mich wundern, wenn die Union sich noch erholt. Die Grünen sind aus dem Rennen um Platz eins schon ein Weilchen raus.

Auf den Wahlsieg wetten würde ich allerdings nicht, dafür ist potenziell noch zu viel im Fluss.

Im Laufe des Wahlkampfs gab es immer mehr Stimmen, dass Armin Laschet der falsche Kandidat für die CDU war. Wenn Du den pollytix-Wahltrend betrachtest: Was waren die Breakpoints für Armin Laschet? Das lachende Bild von ihm bei der Flutkatastrophe?

Rainer Faus: Der Kipppunkt war die Flutkatastrophe, aber eben nicht nur das Lachen, sondern auch sein Verhalten außen rum. Viele Wählende kamen hier zum Schluss, dass er der Kanzlerschaft nicht gewachsen ist. Und als es dann abwärts ging, hat die Kampagne einen Fehler nach dem anderen gemacht, was zu sich selbst verstärkenden Effekten geführt hat. Wie Fußball-Weltmeister Andy Brehme einmal gesagt hat: „Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß".

Hier hat sich dann auch gerächt, dass Laschet ohne Plan und Strategie in die Kanzlerkandidatur gerutscht ist.

Das kann eine Weile gut gehen, aber eben nicht, wenn Probleme auftreten. Siehe auch die Schulz-Kampagne in 2017.

Und was waren die Punkte, an denen die Kampagne für Annalena Baerbock an Fahrt verloren hat?

Rainer Faus: Annalena Baerbocks Nominierung war fehlerfrei und der Start ihrer Kampagne fulminant. Vielleicht fast zu gut, denn damit war sie Projektionsfläche und der öffentliche Druck enorm. Als dann die Vorwürfe um Plagiat und Lebenslauf aufkamen, war das Krisenmanagement auf Seiten der Grünen ziemlich suboptimal. Dann ist sie im Brennglas der Öffentlichkeit sehr schnell verglüht.

Es gab in Deutschland noch nie drei Trielle im Vorfeld der Wahl. Kann man den Effekt der Trielle in den Umfragen sehen?

Rainer Faus: Kaum. Insbesondere, weil Zuschauende sich die Meinung zu den Kandidaten ja schon vor den Triellen gebildet haben und die Trielle stattfanden, nachdem Laschet und Baerbock abgestürzt sind. Die Triell-Umfragen selbst müssen dann auch im Kontext der allgemeinen Direktwahlpräferenz betrachtet werden. Sie reflektieren diese, u.a. auch, weil sich jetzt bei den Triellen keiner der Kandidierenden so - positiv oder negativ - abgehoben hat, um das Meinungsbild zu ändern. Es wäre dementsprechend eher seltsam gewesen, wenn bei den Triell-Umfragen etwas völlig anderes rausgekommen wäre.

Gibt es unter den sonstigen Parteien eine Partei, die uns am Sonntag überraschen könnte?

Rainer Faus: Wenn die Freien Wähler konsistent in den Umfragen aufgetaucht wären, z.B. bei 3% bis 4% in den letzten Wochen hätten sie das Potenzial gehabt knapp über 5% einzuziehen, hauptsächlich auf Kosten der Union. Genau dies ist im März bei der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz passiert. In Bezug auf die schon im Bundestag vertretenen Parteien spielt eine wichtige Rolle, zu welchem Schluss Wähler*innen zum Ende der Woche kommen: Wird die Wahl eng oder ist sie schon entschieden?

In ersterem Fall könnten die großen Parteien nochmal profitieren, denn wenn es oben eng wird, geht das auf Kosten der Kleinen. Sprich: SPD gewinnt nochmal von Grünen, CDU/CSU nochmal von FDP.

In letzterem Fall kann es zu diversen Dynamiken kommen, da die Lage enorm unübersichtlich ist: Wählende könnten zur Union wechseln, weil Laschet ‚eh nicht Kanzler wird‘ oder die Grünen könnten auf Kosten der SPD profitieren. Es hängt viel vom Wechselspiel aus Erwartungen und Präferenzen ab.

Du hast schon viele Wahlkämpfe verfolgt und begleitet: Was nimmst Du aus der BTW2021 mit? Was ist Dein Learning aus dem Wahlkampf?

Rainer Faus: Wie schon viele Wahlkämpfe vorher zeigt auch dieser Wahlkampf:

  1. Vorbereitung ist alles. Wer keinen Plan hat, stürzt ab.
  2. Personalisierung funktioniert, wenn die Kampagne auf die richtige Person zugeschnitten ist.
  3. Man sollte sich nie zu sicher sein, wer glaubt, gewonnen zu haben, verliert. Oder wie schon Lenny Kravitz wusste: "It ain't over 'till it's over".

Rainer Faus, geschäftsführender Gesellschafter der pollytix strategic research gmbh (Bild: Rainer Faus)
Rainer Faus ist Diplom-Sozialwissenschaftler und Co-Gründer sowie geschäftsführender Gesellschafter der pollytix strategic research gmbh in Berlin, einer Agentur für Meinungsforschung und forschungsbasierte Beratung an der Schnittstelle von Politik, Wirtschaft & Gesellschaft. In den letzten 15 Jahren hat er an mehr als 40 Wahlkämpfen auf kommunaler, Landes- und Bundesebene in Europa, Asien und Australien gearbeitet.

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