Interview mit Wilhelm Kampik
Wilhelm Kampik ist Managing Director der GIM - Gesellschaft für Innovative Marktforschung.
Interview mit Michael Krämer
Michael Krämer ist Geschäftsführer der Krämer Marktforschung GmbH.
Artikel
Qualitative Forschung - Marktforschung auf der Couch
Weitere Beiträge dieser Ausgabe
(Autoren in alphabetischer Reihenfolge)
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Von Christian Dössel (MM-Eye)
Qual und Co-Creation - eine inspirierende Verknüpfung
Von Heiner Junker (Produkt + Markt)
Die Virtuelle Couch: Qualitative-Forschung Online mit Wohlfühlfaktor
Von Anja Kreutzer und Oliver Kern (Dialego)
Vorsicht vor dem Unbewussten: Kennen Sie die typischen Interpretationsfehler Ihres impliziten Systems?
Von Ralph Ohnemus (K&A BrandResearch)
Morphologische Marktforschung - Tradition und Innovationspotentiale der tiefenpsychologischen Forschungsrichtung
Von Dirk Ziems und Thomas Ebenfeld
(concept m)
Nachgefragt bei ...
Bettina Kleiber, Marktforscherin bei Takeda Pharma
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Stéphanie Labussière-Metz, Leiterin Trend- und Marktforschung bei Audi
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Dr. Martin Marganus, Senior Vice President Group Market Management - Market & Customer Insight bei der Allianz
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Marke und Markenführung - die Erlebbarkeit von Namen
Gesundheit! Branchenspecial Pharma
Marktforschung 2020: Besser, anders oder gar nicht mehr da?
Mobile Research - hybrid unterwegs
Vom Marktforscher zum Berater - Wer braucht noch Research?
Customer Experience Research & Mystery Shopping
Werbung und Wirkung - Von der Litfaß-Säule zum Sponsored Tweet
Image: Was muss ein Markforschungsdienstleister leisten?
Web-Analyse – Big Data = Big Success?
Karriere in der Marktforschung - Traumberuf "Erbsenzähler"?
Online-Panels - gerade etabliert und schon von gestern?
Digital Panel – Marktforschung im Zeitalter von Smartphones und Tablets
Von Daniel Rieber (Interrogare GmbH)
Während das Internet in seiner Anfangszeit vor allem durch die stationäre Nutzung über den PC geprägt war, ist es in den vergangenen Jahren nach und nach in die Außenwelt expandiert und für uns zum allgegenwärtigen Begleiter avanciert.
Mobile Ethnographie - raus aus dem Studio, rein ins Leben
Von Jonathan Gable, Managing Director bei der BrainJuicer GmbH.
Herkömmliche Marktforschungstechniken und damit auch herkömmliche Marktforscher setzen voraus, dass sie im Vorhinein den Befragungskontext und die Fragen selbst definieren müssen, zum Beispiel als Einzelinterview oder als Gruppendiskussion. Diese Techniken sind anerkannt, vertraut und vielleicht sogar beliebt, weil man weiß, was für Antworten man bekommt. Für explorative qualitative Arbeit sind sie allerdings völlig unzureichend und schlimmstenfalls irreführend. Sie liefern ein unvollständiges und unscharfes Bild des menschlichen Verhaltens.
Dieses Bild ist zum einen stark gefärbt durch vorgefasste Meinungen und Vorurteile der Marktforscher und der Marketeers, die allzu oft die Marktforschung nur zur Bestätigung existierender Meinungen verwenden. Zum anderen sind die Antworten unserer armen Befragten durch verzerrte Selbstwahrnehmung, Postrationalisierung und verfälschte Selbstdarstellung häufig einfach falsch, ohne dass sie uns bewusst täuschen wollen. Menschen können selten in so einer Situation die Wahrheit sagen. Dabei ist es gerade die Wahrheit über menschliches Verhalten, die wirklich interessant ist und zu Innovationen führen kann. Frage-Antwort-Spiele aus der traditionellen Marktforschung können zwar Meinungen untermauern oder konterkarieren, sind aber zur Entwicklung neuer tragfähiger Ideen größtenteils wertlos.
Wenn wir uns aber von unseren eigenen Meinungen und Stereotypen befreien und unsere Kunden mit relevanten und inspirierenden Insights versorgen wollen, müssen unsere Methoden aufhören, in erster Linie Antworten auf unsere Fragen zu liefern. Vielmehr brauchen wir Antworten auf diejenigen Fragen, von denen wir nicht einmal wussten, dass wir sie stellen müssen. Wenn die Menschen selbst den Themenleitfaden bestimmen können, treten wir in ihren selbstbestimmten Kontext ein, in dem sie uns hinter die äußerliche Fassade lassen, die sie normalerweise uns Marktforschern, ihrem Umfeld und nicht zuletzt sich selbst präsentieren. Agentur- und Betriebsmarktforscher können aktiv hören und sehen, was ihre Verbraucher aus ihrem Leben erzählen.
Ein Beispiel: BrainJuicer hatte den Auftrag von einem Markenartikelhersteller erhalten, ein bestimmtes Verbrauchersegment tiefergehend zu verstehen. Der Hersteller hatte diese Gruppe schon quantitativ als wichtige Zielgruppe erkannt, schöpfte aber kaum Umsatz aus ihr. BrainJuicer erforschte das kategoriebezogene Verhalten dieser Gruppe und ihre Beziehung zur Marke, um eine emotional ansprechendere Kommunikations- und Produktstrategie zu finden und so die Käuferreichweite zu steigern.
Wir empfahlen ein zweistufiges Vorgehen, das mit mobiler Ethnographie begann, gefolgt von einer JuicyBrains Community, um die Learnings aus der Ethnographie weiterzuentwickeln. Diese Ansätze erlauben einen Grad an Offenheit und freiwilligem Engagement, die traditionelle Methoden nicht leisten. Dies war umso wichtiger, als die anspruchsvollen Menschen in diesem Verbrauchersegment ein sehr selbstbezogenes und zeitaufwendiges Verhalten aufwiesen. Es stellte sich heraus, dass diese Leute zeitlich ständig unter Strom stehen, dabei aber investieren sie trotzdem viel Aufwand in die Illusion, ihren Terminplan vollständig unter Kontrolle zu haben. Die gewählten Methoden ermöglichten es uns, diesen äußerlichen Schein zu durchschauen und den Stereotyp des vielgefragten, unermüdlichen Erfolgsmenschen in menschlicheren Zügen darzustellen.
Mit der Mobilen Ethnographie können Marktforscher und Marketeers in das Alltagsleben ihrer Zielgruppen hineinschauen, ohne zu stören. Dadurch verschwindet die Beobachtungssituation mit ihrem sozialen Druck, der das Verhalten verzerren oder verfälschen kann – ein Einfluss des Marktforschers oder des Kunden ist ausgeschlossen. Jede Handlung wird im Moment des Entstehens dokumentiert, anstatt dass die Teilnehmer, die ja unzuverlässige Zeugen ihrer eigenen Erfahrungen sind, post-rationalisierte Antworten auf vorformulierte Fragen geben. Auch die Community erlaubt es den Teilnehmern, sogar persönliche Themen vollkommen offen zu diskutieren. Sie posten, wann und wie es ihnen gefällt und ohne direkten Einfluss der anderen Teilnehmer oder der Moderatoren. Dadurch entfällt das Risiko des Herdendenkens und des Moderator Bias. Sie haben keine Probleme damit, sogar intime Einzelheiten und persönliche Schwächen preiszugeben, da sie sich in einer sicheren und bedrohungsfreien Umgebung bewegen.
Für die mobile Ethnographie rekrutierten wir zunächst 12 Verbraucher, die eine Woche lang in Videos und auf Fotos festhielten, wie ihr Alltagsleben hinsichtlich ihrer Körperpflege- und Ernährungsroutinen aussah, und welche Rollen das Essen dabei jeweils spielte. Am letzten Tag konnten die Teilnehmer sich ihre eigenen Aufzeichnungen noch einmal ansehen und kommentieren.
Diese ethnographische Stufe lieferte wertvolle Insights in das Verhalten und die Bedürfnisse der Zielgruppe, über die der Kunde bis dahin kaum etwas wusste. Die wichtigsten Erkenntnisse wurden gesammelt und in einem Workshop analysiert. Sie dienten als Plattformen für eine tiefere und größer angelegte Exploration in der zweiten Stufe, der Online-Community.
Die Community-Stufe begann mit einem Briefing in Form einer Aufgabe an die Teilnehmer, die in eine moderierte Diskussion einiger Spezialthemen aus der ethnographischen Stufe überleitete. Während dieses Prozesses konnte das Projektteam, bestehend aus agentur- und kundenseitigen Managern, Kommentare auf der Community-Plattform posten, um Einzelaspekte oder Aussagen zu hinterfragen. Im folgenden Workshop wurden Insight Statements entwickelt, die später quantitativ getestet wurden. Die stärksten dieser Insights dienten als Sprungbretter für neue Kommunikations- und Produktideen.
Moderne qualitative Marktforschung muss sich also raus aus dem künstlichen Druckkessel des Marktforschungsstudios bequemen und rein ins Alltagsleben der Menschen begeben. Die mobile Kommunikationstechnologie ist heutzutage den meisten Menschen sowohl intuitiv nutzbar als auch vertraut. Deshalb ist sie hervorragend dazu geeignet, Einsichten in die sonst uneinsehbaren Seiten des Verbraucheralltags zu liefern. Sie fängt die kleinen Unterschiede und Nuancen ein, die sonst durch den unfreiwilligen Filter der sozialen Erwünschtheit verlorengehen. Dadurch lernen Marktforscher und Marketeers ganzheitlich. Sie entdecken "the things they didn’t know they didn’t know".
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Von Christian Dössel (MM-Eye)
Im Zusammenhang mit dem Begriff "New Market Research" ist hier und da auch immer mal wieder die Rede von Market Research Online Communities. In einer Reihe von Studien haben sich Research Communities als eine ausgesprochen gehaltvolle Art und Weise erwiesen, mit Konsumenten im Dialog an marktforscherischen oder marketingrelevanten Fragestellungen zu arbeiten.
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Von Heiner Junker (Produkt + Markt)
Unternehmen erwarten mehr als Daten und Insights von der Marktforschung. Die Auswahl geeigneter Institute wird immer stärker von der Frage beeinflusst, wie gut sie in der Lage sind, zu inspirieren, neue Sichtweisen zu eröffnen und insbesondere kreative Ideen für Innovationen zu liefern.
Das Thema "Repräsentativität" ist weder selbstverständlich noch abgehakt. Sondern immer und gerade jetzt wieder aktuell. Einerseits erleben wir eine inflationäre und zunehmend missbräuchliche Nutzung des Begriffs, der im Alltagsverständnis so etwas wie die "TÜV-Plakette" für empirische Ergebnisse darstellt. Andererseits stellt der Wegfall gültiger Auswahlgrundlagen, der Rückgang der Erreichbarkeit und Teilnahmebereitschaft der Bevölkerung sowie die Verlagerung von Teilen der sozialen Gesellschaft in neue Medien bisherige Selbstverständlichkeiten in Frage und hat die Diskussion um die Repräsentativität neu entfacht.


