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02.08.2010:

Der Tunnel am Ende des Lichts - Ein psychologischer Kommentar zur Katastrophe in Duisburg von Heinz Grüne, Geschäftsführer rheingold

Heinz Grüne, Geschäftsführer rheingoldKöln - Das Drama von Duisburg hat uns erfasst wie ein medialer Tsunami und bedeutet für die meisten von uns die schlimmste vorstellbare Verkehrung von der feierlustigen, sommerlichen Partyfreude zu todesdunklem Entsetzen. Dies wurde uns praktisch live in die Wohnstuben gebracht und sorgte für die lähmende Schreckens-Starre, welche bis jetzt und vermutlich noch länger anhält.

Die konkreten Ereignisse sind passiert und schockierend schlimm. Doch das nachfolgende Geschehen (Erklärungen, Aufbereitungen, Rekonstruktionen, Zuweisungen von Verantwortungen) behält offenbar den Modus des Entsetzlichen, Unfassbaren und Panischen bei. Was geschieht da und warum?

1. Zunächst einige kritische Anmerkungen zum – auch und gerade von Psychologen und „Hirnforschern“ bemühten – Konstrukt einer „Massenpanik“ als Erklärungsmodell der Ereignisse. Zu unterscheiden wäre hier „Panik“ als Erlebensbeschreibung (aus der subjektiven Sicht der armen Menschen in der Todesfalle) und „Massenpanik“ als mögliche MITURSACHE der schlimmen und zuletzt tödlichen Entwicklung.

Die Bilder des Geschehens zeigen in den Gesichtern der Menschen Ersteres (Angst, Verzweiflung, Flehen um Hilfe ...), jedoch keine oder wenige weitergehende Symptome, die auf Zweiteres deuten: Die Betroffenen sind eher apathisch oder stumm entsetzt. Menschen, die dem Strudel glücklich entronnen sind, geben unmittelbar danach bereits wütende und anklagende, zugleich aber detailreiche und nachvollziehbare Kommentare. Von Hysterie und Kontrollverlust (wie sie bei einer Massenpanik zu vermuten sein müssten) ist da kaum etwas zu bemerken. Im Gegenteil wäre zu vermuten, dass sich die Zahl der Opfer in einem solchen Fall einer Massenpanik und angesichts der schieren Menge an Personen in diesem Bereich wohl vervielfacht haben müsste!!

Warum ist diese Unterscheidung wichtig?

Zum Ersten suggeriert „Massenpanik“ (wohlgemerkt als Erklärungsmodell, nicht als subjektiver Erlebens-Begriff!!) eine MITSCHULD der Menschen, die ohne Absicht und eigenes Zutun in diese entsetzliche Situation hineingelockt wurden. Zum Zweiten: Es hätte für sie dann ja also eine Handlungs-Alternative/-Option gegeben – wenn sie denn „nur ruhig und besonnen“ geblieben wären. Beides ist fatal: Es macht die (überlebenden wie toten) Beteiligten zum zweiten Mal zum Opfer! Dass sich zum Nachweis eines solchen kollektiven Falsch-Verhaltens Fachleute finden, welche anhand von Hirnschnittgraphiken und den Darstellungen irgendwelcher Hirn-Nebenlappen-Ereignisse dieses beweisen zu können glauben, gehört zu den absoluten Tiefpunkten psychologischer Deutungsversuche.

2. Zur derzeit diskutierten Schuldfrage: Vermutlich liegt eine Form von Schuld (ob in juristischem oder moralischen Sinne steht hier nicht zur Erörterung) bei allen, die die besondere Psychologie von Tunneln nicht verstanden oder geringgeschätzt haben. Tunnel wirken auf uns Menschen wie psychische „Düsen“: schnell hindurch wollen, zum Licht am Ende vordringen, ihn endlich hinter sich bringen („Katarakteffekt“). Tunnel sind keine Stätten des angenehmen Verweilens, sondern ungeliebte, irgendwie unheimliche Transiträume. Wer die Situation in Alpentunneln (und deren zum Teil extreme Sicherheits- Vorkehrungen!) kennt, versteht, was gemeint ist. Man kann leicht feststellen, dass das „Handling“ von Menschenmengen in Tunneln – aus eben diesen beschriebenen Effekten – kaum zu „handeln“ und zu kontrollieren ist. Auch aus dieser Warte sind die derzeit umlaufenden Panik-Analysen kaum mehr als panische Erzählungen denn wirklich fundierte Erkenntnis-Beiträge!
Und wer dies weiß (oder sich dieses Wissen beschaffen konnte oder hätte beschaffen müssen) und dennoch FÜR eine Genehmigung eines Tunnels als – einzigem – Zugangsweg für hunderttausende Menschen zu der von diesen so heiß ersehnten Party stimmt, für den kann die moralische Übernahme von Verantwortung nur der erste Schritt zu weiteren Konsequenzen sein!  

3. Ein weiteres, dunkles Kapitel des Unglücks – die Nachbearbeitung des Duisburg- Desasters – wird uns noch eine lange Weile begleiten, ja verfolgen. Wie sich hier Provinzpolitiker hinter den Schultern von Fitness-Studio-Betreibern verschanzen oder Funktionäre von Polizei, Ordnungsämtern und Feuerwehr beteuern, gewarnt zu haben aber kein Gehör gefunden zu haben, das ist mehr als eine Heimatposse für die Bauernbühne. Sondern eher ein Grund für uns alle zu erkennen, dass wir uns für wichtige Gremien unseres Zusammenlebens ein Organigramm kompletter Inkompetenz aufgebaut haben. Darin können sich – offenbar kaum gehindert – Partialinteressen gegenüber den Sicherheits- Erfordernissen und Unversehrtheits-Ansprüchen der Bürger durchsetzen. Jetzt kommt aber noch das Thema fehlende Zivilcourage ins Spiel. Zwar wurden teilweise die formalorganisatorischen „Dienst“-Wege beschritten und Unbehagen und Unverständnis geäußert, aber dann hat man sich zurückgezogen und nur noch gehofft, dass alles gut geht. Man folgte nicht seinen persönlichen Überzeugungen oder dem besseren Wissen, um den Gau wirklich zu verhindern.
Auf diese Weise werden die Bürger das Vertrauen in die handelnden Institutionen noch weiter verlieren – ganz zu schweigen davon, dass dieses Vertrauen bereits schwer erschüttert ist.

Wir alle befinden uns – nach einem kurzen deutschen Sommermärchen von 2010 („Schland!“) – jäh in einem Tunnel ohne ein Licht am Ende. Allein die Vorstellung, dass andere Großprojekte und Massen-Ereignisse von ähnlich zusammengesetzten und offenbar mehr oder weniger kompetenzfreien Gremien geplant und durchgeführt werden, lässt erschauern.

Duisburg ist – so steht zu befürchten – überall.

Heinz Grüne, Diplom-Psychologe
Geschäftsführer rheingold Institut für qualitative Markt- und Medienanalysen


Quelle: rheingold Institut für qualitative Markt- und Medienanalysen


Kommentare und Bewertung


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Stefan Vogt, 02.08.2010:
Sehr geehrter Herr Grüne,

wenngleich ich Ihren Ausführungen im Ganzen zum Großteil zustimme, möchte ich doch die Abstraktion der Begriffsabgrenzung zwischen einer subjektiv empfundenen Panik und einer Massenpanik an sich nicht ganz so stehen lassen.

In einer Menge von mehreren Tausend zu stehen - ausser einer groben Richtung keine weitere Orientierung zu haben, gekoppelt mit einer gewissen Unzufriedenheit aufgrund der Vorenthaltung der Belohnung (hier: tanzen und feiern statt stehen und warten), keine Information darüber zu haben, warum kein Fortgang möglich ist und plötzlich Druck von hinten oder einer Seite zu verspüren, den Druck nicht weitergeben zu wollen weil verantwortungsbewusst, dann aber nicht länger standhalten zu können, selber Druck ausüben, unter Umständen sogar mitbekommen wie jemand dem Druck nachgibt, fällt und keine Möglichkeit zu haben den Druck zu vermindern, im Gegenteil, selber in Gefahr zu geraten zum Fallen gebracht zu werden ...

... ich weiss nicht, ob man das im Rahmen einer abstrakten Diskussion über Begrifflichkeiten und ihre moralische/rechtliche Verantwortung so ausblenden kann und sollte. Insbesondere, da ich die Definition der "Massenpanik" an sich für eher nachrangig empfinde angesichts des im Grunde aufgrund der Umstände leider nachvollziehbaren Verhaltens der Menge im Tunnel und auf der Rampe.

Ich darf anfügen, dass ich selbst das Erlebnis in einer solchen Masse noch nicht erfahren musste - es reichen aber auch schon ein paar Hundert in einem Saal um eine unmittelbare Ahnung von dem Erleben einer solchen Situation zu erlangen.

Viele Grüsse
Stefan Vogt
Martin, 02.08.2010:
Diese Analyse kommt zu früh und wirkt zusätzlich durch die typischen morphologischen Formulierungen abgeschmackt.

Sätze wie "Auf diese Weise werden die Bürger das Vertrauen in die handelnden Institutionen noch weiter verlieren – ganz zu schweigen davon, dass dieses Vertrauen bereits schwer erschüttert ist." haben zudem kaum Aussage.
Wolfgang Neuber, 02.08.2010:
Die Analyse vernachlässigt den emotionalen Teil der Love Parade. Warum gehen Menschen dorthin, setzten sich infernalischem Krach und einem Gedränge aus, das alle sozialen Grenzen zum Einsturz bringt? Wie oben schon gesagt, viele Zeitgenossen, und besonders die rational Argumentierenden würde eine solche Umgebung wahrscheinlich meiden. Die FAZ hat heute unter dem Titel "Aufgehen in der Masse" einen Kommentar von Timo Frasch abgedruckt, der einen interessanten Aspekt aufzeigt.
Wer Ängste entwickelt, wie Stefan Vogt sie oben beschreibt, ist bei der Love Parade sicherlich am falschen Platz, wird aber vielleicht auch den rheinischen Karneval nicht verstehen. Die Faszination, sich in einer alkoholisierten Menge dem sozialen Kontrollverlust hinzugeben, wird offenbar unterschiedlich wahrgenommen und ist rational nur schwer zu fassen.
Eine ganz andere Frage ist die nach dem Vertrauen in öffentliche Würdenträger. Hier, so fürchte ich, kann die Skepsis kaum groß genug sein. Woher soll denn ein Bürgermeister, der sich über die Gemeinschaft der Stammtische, Karnevals-und Schützenvereine bis zur Kandidatur hin ... begeben ... hat plötzlich die Kompetenz haben, High Tech Entscheidungen zu treffen? Das war doch auf seinem Weg bis dahin eher hinderlich.
Aber bitte nicht immer schwarz sehen getreu dem kölschen Motto "et hat mal widder jot jegange". In Duisburg traf die Gegenhypothese zu.
Peter Schmidt, 02.08.2010:
Ich habe selten einen so polemischen Text gelesen. Er wirkt auf mich deplatziert, gewollt und abgehoben. Zugegeben: Ich bin Laie. Aber galten Höhlen und Tunnel (wenn man so will) über Jahrtausende hinweg nicht auch als Heim- und Zufluchtstätte für die Menschheit? Anstatt zu psychologisieren fehlt es hier an Bodenständigkeit. Eine Zigarre ist oftmals einfach nur eine Zigaare. Und ein einziger Tunnel als Ein- und Ausgang für eine Massenveranstaltung ein fraglich probates Mittel.
user, 03.08.2010:
...ein guter psycholg. Ansatz,wohlbemerkt im Rahmen eines Kommentares. Noch mehr als eine Verkehrung war es das zeitgleich stattfindende Feiern und Sterben! Ich bin immer noch sehr betroffen von den Ereignissen in DU. Und bei 21 vermeidbaren Todesfällen kann ein Medienecho nicht groß genug sein. Ohne dieses würde OB Sauerland noch nicht einmal Pattex brauchen, um an seinem Stuhl festzukleben. Wenn ich Herrn Grüne richtig verstehe, geht es bei dem Verständnis von Panik vs. Massenpanik wohl mehr um die Tatsache, dass anfangs den Besuchern der Loveparade eine Mitschuld angetragen wurde - in einer Situation, in der es nur für wenige ein Entkommen gab, absurd. Zur falschen Zeit an der falschen Ort gewesen zu sein ist die Tragik des Geschehens. Veranstaltungsplanung ist im Übrigen keine High-Tech Entscheidung.
Rolf Kirchmair, 03.08.2010:
Sehr geehrter Herr Grüne,
vorab: als Psychologe in der qualitativen Marktforschung bin ich zwar emotionaler Gegner des rheingold Institutes; ich nehme aber zu Ihren Gunsten an, dass Sie Ihren Kommentar zu den Duisburger Ereignissen aus persönlicher Betroffenheit und nicht aus Publicity-Gründen geschrieben haben.
Zum Thema: Im vorliegenden Fall muss ich Ihnen beipflichten. Auch ich bin der Meinung, dass man zwischen Massenpanik und persönlich erlebter Panik (von Menschen in Todesangst) differenzieren muss. Mich haben bereits die ersten Nachrichten von einer „Massenpanik“ als Ursache verwundert. Wie wir jetzt wissen, sind die unmittelbar Betroffenen, die im buchstäblichen Sinne keinen Ausweg mehr gesehen haben, in ihre bedauernswerte Situation nicht durch eine Massenpanik geraten, sondern durch das Nachdrängen von ungesteuerten und unwissenden Menschenmassen.
Auch in Ihren weiteren Analysepunkten – der Schuldfrage unter Berücksichtigung des Tunneleffekts und der unprofessionellen Aufbereitung von offizieller Seite – muss ich Ihnen zustimmen. Lassen Sie sich also von den Kommentaren zu Ihrem Kommentar nicht beeindrucken – sogar Ihre „typischen morphologischen Formulierungen“ halten sich diesmal in erträglichen Grenzen.
Viele Grüße,
Rolf Kirchmair,
Frankfurt am Main

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