Die Bundespräsidentenwahl in Österreich und die Markt- und Meinungsforschung

Marktforschung in Österreich

06.09.2016

Die Bundespräsidentenwahl 2016 – eine Wahl, die wohl in die Geschichtsbücher eingeht. Das ganze Jahr begleitet die Österreicher und demnach auch die Markt- und Meinungsforscher dieses Thema.

Die Bundespräsidentenwahl in Österreich - eine Wahl für die Geschichtsbücher. (Bild: JiSign - fotolia.com)

Die Bundespräsidentenwahl in Österreich - eine Wahl für die Geschichtsbücher. (Bild: JiSign - fotolia.com)


Für marktforschung.de berichtet Sabine Beinschab

Zuerst fand ein intensiver Vorwahlkampf statt zwischen den sechs Kandidaten Irmgard Griss, Norbert Hofer (FPÖ), Rudolf Hundstorfer (SPÖ), Andreas Khol (ÖVP), Richard Lugner und Alexander Van der Bellen (Die Grünen), die beim ersten Wahlgang am 23. April 2016 antraten. Da keiner der Kandidaten eine absolute Mehrheit erzielte, kam es zu einer Stichwahl zwischen Norbert Hofer (35,1 Prozent) und Alexander Van der Bellen (21,3 Prozent). Die beiden Spitzenkandidaten, die völlig unterschiedliche Positionen vertreten, spalteten das Land im Zuge des Wahlkampfs in zwei Lager. Am 22. Mai 2016, dem Tag der Stichwahl, konnte nicht geklärt werden, welcher der beiden Kandidaten Österreichs Bundespräsident wird, da das Ergebnis so knapp war, sodass noch die Auszählung der Briefwahlstimmen abgewartet werden musste. Einen Tag später stand das endgültige Ergebnis fest: Alexander Van der Bellen gewinnt die Stichwahl mit 50,3 Prozent vor Norbert Hofer mit 49,7 Prozent. Der Unterschied: 31.026 Stimmen – spannender kann ein Wahlkampf gar nicht sein.

Soweit so gut, wären nicht im Nachhinein Unregelmäßigkeiten in der Auszählung der Stimmen bekannt geworden, was die FPÖ zum Anlass einer Klage nahm. Der Verfassungsgerichtshof überprüfte die Vorwürfe und verkündete am 2. Juli 2016, dass die Bundespräsidentenstichwahl wiederholt werden müsse. Als Begründung wurden Unregelmäßigkeiten bei der Auszählung der Briefwahlstimmen in 14 Bezirken sowie die vorzeitige Ergebnisweitergabe an Medien und Forschungsinstitute genannt. Hinweise auf Wahlbetrug gab es nicht. Für die Österreicher heißt das jedenfalls, dass sie am 2. Oktober erneut zur Wahlurne schreiten dürfen.

Was bedeutet das für Österreichs Markt- und Meinungsforschung?

Noch bevor der Wahlkampf Anfang des Jahres offiziell startete, gab es bereits zahlreiche Umfragen zur Bundespräsidentenwahl. Die Ernüchterung nach dem ersten Wahlgang war allerdings groß, da keines der Institute nur annähernd das Ergebnis voraussagte. Die ersten beiden Plätze wurden zwar großteils Norbert Hofer und Alexander Van der Bellen zugeschrieben. Allerdings hatte niemand den enormen Vorsprung von Norbert Hofer (35,1 Prozent) gegenüber Alexander Van der Bellen (21,3 Prozent) und Irmgard Griess (18,9 Prozent) prognostiziert. Die Spitzenkandidaten der Koalitionsparteien wurden zudem teilweise überschätzt, auch Richard Lugner schnitt schlechter als in den Umfragen ab. Eine Diskussion um die Zuverlässigkeit der Markt- und Meinungsforschung bei politischen Umfragen wurde losgetreten und sogar ein Umfrageverbot vor Wahlen ins Spiel gebracht. Markt- und Meinungsforscher haben in diesem Zusammenhang immer wieder darauf hingewiesen, "Beipackzettel" bei der Veröffentlichung von Umfragen in Medien anzuführen. Damit war gemeint, dass zukünftig Erhebungszeitraum der Umfrage, Methode, Stichprobengröße und Schwankungsbreiten ausgewiesen werden sollen. Denn gerade politische Umfragen liefern aktuelle Stimmungsbilder, die sich aufgrund von aktuellen Themen und Schlagzeilen in den Medien rasch verändern können.

Die Anzahl an Umfragen für die Stichwahl fiel etwas spärlicher aus. Grundsätzlich hatten die Markt- und Meinungsforscher jedoch ein Kopf-an-Kopf-Rennen der beiden Kandidaten vorhergesagt, das ja schließlich auch eintrat.

Und nun?

Seitdem am 2. Juli die Wahlwiederholung angekündigt wurde, veröffentlichten Institute insgesamt sechs Umfragen. Allerdings stammten diese nur von zwei Instituten: fünf davon vom Österreichischen Gallup Institut im Auftrag der Tageszeitung Österreich und eine von Meinungsraum. Laut einem Bericht der österreichischen Tageszeitung WirtschaftsBlatt nehmen einige Medien mittlerweile Abstand von der Veröffentlichung von Umfragen, da die Prognosen eben dermaßen danebenlagen. Wolfgang Fellner, Herausgeber der Tageszeitung Österreich, spricht sich hingegen explizit weiterhin für die Veröffentlichung von relevanten Umfragen aus, da dies ausdrücklicher Wunsch seiner Leser sei.

Die Markt- und Meinungsforschung ist also gefordert, sich im politischen Bereich neue Methoden und gezieltere Fragestellungen zu überlegen, um sich zukünftig in diesem Bereich wieder stärker zu profilieren. Denn schließlich sind genau diese öffentlichkeitswirksamen Themen, jene Themen, die auch das Image der Branche wesentlich prägen.

Übrigens: Die letzten Umfragen prognostizieren ein erneutes Kopf-an-Kopf-Rennen der Spitzenkandidaten, bei welchem das Österreichische Gallup Institut Norbert Hofer aktuell mit (53 Prozent) vorne sieht. Es bleibt also spannend.

 

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