"Als unermüdlicher Querdenker ist Salber nicht zu ersetzen"

Interview mit Prof. Dr. Herbert Fitzek

13.12.2016

Herbert Fitzek, BSP Business School Berlin (Bild: BSP)

Herbert Fitzek, BSP Business School Berlin (Bild: BSP)

Prof. Dr. Herbert Fitzek begann seine Laufbahn am Psychologischen Institut der Universität zu Köln unter den Fittichen des kürzlich verstorbenen Professor Wilhelm Salber. Im Gespräch mit marktforschung.de beschreibt der heutige Prorektor Forschung der BSP Business School Berlin die Bedeutung Salbers für die Forschung und wagt einen Ausblick auf die weitere Entwicklung der Morphologie.

marktforschung.de: Wie ist die Faszination zu erklären, die sich um die Person und Lehre von Wilhelm Salber in Köln entwickelt hat?

Herbert Fitzek: Salber ist ohne Zweifel eine der letzten großen Intergrationsgestalten in der Psychologie. Vor 50 Jahren war die Psychologie noch in Schulen und Richtungskämpfen positioniert. Die Kölner Morphologie wurde damals als gegen den Mainstream gebürstetes ganzheitliches und praxisfreundliches Konzept in der Wissenschaft bekannt und (geradezu) berüchtigt. Was sich im Mainstream mehr und mehr auf kognitive Prozesse und naturwissenschaftliche Methoden verengte, verpflichtete Salber mit großer Attraktivität auf das unmittelbare Erleben und den Erfahrungsschatz von Philosophie, Literatur und Medien. Damit konnten viele mehr anfangen als mit Laborforschung und Reliabilitätskoeffizienten.

marktforschung.de: Inwiefern besteht aus Ihrer Sicht die Gefahr, dass die Forschungsrichtung Morphologie mit dem Tod von Wilhelm Salber verloren geht?

Herbert Fitzek: Der Ansatz, Psychologie als (riskantes/prozierendes) Gesamtprojekt der Erfahrungsgeschichte aufzustellen, wurde von der Mainstreampsychologie schon vor 50 Jahren aufgegeben. Und auch an den Universitäten spielt eine phänomennahe, beschreibende Psychologie schon seit Salbers Emeritierung vor fast 25 Jahren keine Rolle mehr. Aber die Morphologie wird fortgeführt, daran ändert Salbers Tod überhaupt nichts: in der Kulturpsychologie, in der Markt- und Medienwirkungsforschung, in der Organisationsberatung und im Coaching, in der Psychotherapie. Es gibt aktuelle morphologische Forschungsprojekte an Hochschulen und Instituten, die sich längst aus der Isolierung der (Gegen-) Universität gelöst haben.

marktforschung.de: Die Faszination lebt also weiter auch wenn sie über Jahrzehnte primär eng mit der Ausstrahlung von Prof. Salber zusammenhing?

Herbert Fitzek: Als weiser Lehrer und unermüdlicher Querdenker ist Salber nicht zu ersetzen. Tatsächlich wirkte er da am besten, wo er selbst zu den Leuten sprach. Aber die Faszination der Morphologie verdankt sich nicht allein seiner Persönlichkeit – sonst wäre sie auch keine Wissenschaft! Tatsächlich gab es zu keiner Zeit so viele öffentliche Äußerungen, so viele publizierte Forschungsstudien und so viele aktive Hochschullehrer mit morphologischem Hintergrund wie heute. In der Öffentlichkeit melden sich markante Köpfe mit morphologischem Hintergrund, zum Beispiel der Kulturpsychologe Stephan Grünewald oder der Sportpsychologe Andreas Marlovits.

Morphologie als gallisches Dorf

marktforschung.de: Woher kommt der Nachwuchs – für Hochschule und angewandte Forschung und auch für die Durchführung morphologischer Interviews? Gibt es Lehrstühle?

Herbert Fitzek: Als klar wurde, dass die Ausbildung an der Universität in Köln nicht weitergeht, haben mein Kollege Armin Schulte und ich in Berlin eine Hochschule gegründet, an der systematisch morphologischer Nachwuchs ausgebildet wird. Die Business School Berlin hat ein klar morphologisches Profil, läuft sehr gut und bildet jedes Jahr hundert Morphologen in Bachelor- und Masterstudiengängen mit den Profilen "Wirtschaftspsychologie", "Medienpsychologie" und "Sportpsychologie" aus. Das sind langfristig mehr fundierte morphologische Praktiker als zu den Kölner Zeiten.

marktforschung.de: Warum wird die Hochschule in Morphologie-Kreisen nicht stärker wahrgenommen?

Herbert Fitzek: Die Morphologie ist leider nach wie vor als gallisches Dorf installiert und nimmt kaum wahr, was außerhalb von Köln passiert – das geht den Musikmorphologen im Münsterland genauso wie allen anderen, die außerhalb der Colonia Aggripina etwas geworden sind. Die Tränen um das Ende an der Kölner Universität stehen vielen Morphologen noch so in den Augen, dass der Blick nach draußen verschwimmt. 

marktforschung.de: Wie entwickelt sich das theoretische Konzept weiter?

Herbert Fitzek: Salber ist seiner eigenen Theorie – wie der alte Freud – immer um Meilen voraus gewesen. Hier ist noch viel aufzuarbeiten, und gerade die Vertiefung der Morphologie in Richtung einer an Verwandlungsmythen orientierten Kulturpsychologie – Stichwort "Seelenrevolution" – bieten Stoff für vielfältige Forschungsprojekte. Dabei wird aber anders als bei Salber die Anwendungsperspektive zentral sein: die Projekte unserer Hochschule wie die der Forschungsinstitute orientieren sich an konkreten Fragestellungen von Auftraggebern. Wie sage ich's dem Kunden? Das war, auch wenn wenige es wissen, ein zentrales Anliegen von Wilhelm Salber.

Kunst und Kultur in der Morphologie

marktforschung.de: Welche Gegenstände und Ergebnisse morphologischer Forschung fanden Sie in neuerer Zeit besonders spannend?

Herbert Fitzek: Salber hat bis zuletzt publiziert, aber auch an unserer Hochschule arbeiten wir an spannenden Forschungsprojekten. So haben Andreas Marlovits und ich in unserem Buch "Zum Stand der Dinge" die morphologische Gegenstandtheorie weiterentwickelt und soeben ist Daniel Salbers Kulturkritik "Wider den Moneytheismus" erschienen. Unter Forschungsergebnissen sollte nicht vergessen werden, dass wir in Berlin eine Graduiertenschule für Promovenden aufbauen. Eine gerade fertig gestellte Dissertation von Björn Zwingmann hat sich in der Tradition von Salbers Goya-Studien mit Goyas schwarzen Bildern auseinandergesetzt.  Sie stammt aus dem Kreis meines eigenen Forschungsgebietes: "Kunstcoaching".

marktforschung.de: Wohin kann sich die Morphologie aus Ihrer Sicht noch weiter entwickeln?

Herbert Fitzek: Vielleicht kann ich gleich dort anknüpfen. Hans-Christian Heiling, ein Salber-Schüler, der Kunst in Organisationen hineinbringt, hat mit seiner Unterstützung und gemeinsam mit mir ein Projekt entwickelt, das für Morphologie 2020 stehen kann. Auf solider kunstpsychologischer Grundlage lässt sich die Wirkung von Kunstwerken dafür einsetzen, morphologische Forschung weiterzutreiben (Forschungsanalyse), Studierende neugierig auf die Wirkungsgesetze der Psychologie zu machen (Ausbildungskontext) und Manager für die Grundlagen ihres Selbstverständnisses als Führungskraft zu sensibilisieren (angewandte Wirtschaftspsychologie). Forschung, Lehre, Anwendung, das ist die Beglaubigung der Morphologie als praktische Theorie. Und die Kunst hilft dabei immer als "Königsweg zum Seelischen".  

marktforschung.de: Besteht der Konflikt zwischen Morphologischer Psychologie und anderen Richtungen der Psychologie unvermindert fort oder findet eine allmähliche Annäherung statt?

Herbert Fitzek: Sicher doch: Viel Feind, viel Ehr! Der Konflikt äußerst sich nur leider nicht produktiv, sondern als nachhaltiges Überhaupt-gar-nicht-zur-Kenntnis-Nehmen – übrigens von beiden Seiten. Als Hochschule können wir uns das nicht leisten, und ich persönlich lebe auch ganz gerne friedlich mit den Zeitgenossen. Sieht man vom geliebten Stellungskrieg ab, so zeigen sich überraschende Kongruenzen, gar nicht so sehr mit Psychologen als mit Neugierigen und Wissenschaftlern aus anderen Bereichen. Im zentralen Forschungsprojekt unserer Hochschule "Mittelstand 4.0" arbeiten wir sehr konstruktiv mit Managementforschern und Medienwissenschaftlern zusammen. Unser Rektor "liebt" die Morphologie wie einen frisch gehobenen Schatz.

marktforschung.de: Inwiefern würden Sie die Entwicklung und Verwendung impliziter Methoden als eine späte Anerkennung der Vorbehalte Salbers gegenüber der klassischen Umfrageforschung sehen? Ist implizit vielleicht sogar die bessere Morphologie?

Herbert Fitzek: Es gibt keine bessere Morphologie als die von Salber. Aber es gibt eine bessere Zukunft für die Morphologie, wenn sie sich mit ihren Stärken in den Diskurs von Wissenschaft und Praxis einbringt und sich vom lieb gewonnenen Ressentiment der "Splendid Isolation" verabschiedet. Es bringt nichts zu triumphieren, wenn immer öfter davon die Rede ist, statt Fragebögen auf Aktionsforschung, dichte Beschreibung, Tiefeninterview, Gestaltanalyse zu setzen. Natürlich können das die Morphologen schon lange, aber sie müssen auch selbst dazulernen, besonders was Selbstkritik und Kooperationsbereitschaft angeht. Als Kölner im Herzen fing für Adenauer hinter dem Rhein Sibirien an. Als Kölner in Berlin plädiere ich von diesem Standpunkt aus für frische Luft in der Morphologie.

red

Hier geht es zu einem Nachruf "Zum Tode von Wilhelm Salber: Wegbereiter der tiefenpsychologischen Marktforschung" von Dirk Ziems.

 

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